ArchivDeutsches Ärzteblatt23/2010Policenfonds: Sorgenkinder der Branche

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Policenfonds: Sorgenkinder der Branche

Dtsch Arztebl 2010; 107(23): A-1174 / B-1030 / C-1018

Löwe, Armin

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Hohe Kosten, sinkende Aktienkurse, steigende Lebenserwartung – geschlossene Fonds, die in Secondhand-Lebensversicherungen investieren, haben die Erwartungen nicht erfüllt.

Als die geschlossenen Lebensversicherungsfonds 2002 auf den Markt kamen, wurden sie schnell zu den Shootingstars. Bereits vier Jahre später waren sie mit einem akquirierten Eigenkapital von 1,52 Milliarden Euro zur dritten Kraft unter den geschlossenen Beteiligungen (nach Immobilien- und Schiffsfonds) aufgestiegen. Doch der Überraschungsaufsteiger ist inzwischen das Sorgenkind der Branche. Im letzten Jahr flossen den Policenfonds, die in Secondhand-Lebensversicherungen investieren, gerade noch 129,7 Millionen Euro zu. Die Zukunft des Zweitmarkts für Lebensversicherungen und der geschlossenen Fonds, die in diese investieren, war unlängst Thema auf einer Tagung des Bundesverbandes Vermögensanlagen im Zweitmarkt Lebensversicherungen.

Die geschlossenen Policenfonds investieren in Lebensversicherungsverträge, die auf den Zweitmärkten in Deutschland, Großbritannien oder den USA erworben werden. Die Fonds zahlen die Prämien weiter und erhalten am Ende der Laufzeit der Verträge, oder wenn der Todesfall eintritt, die Versicherungssumme oder Ablaufleistung. Der Verkäufer der Police, der seine Lebensversicherung nicht fortführen will, erhält mehr als den Rückkaufswert, aber weniger als den inneren Wert der Policen. Darin liegt ein Teil des Gewinns der Aufkäufer (in der Vergangenheit meist geschlossene Fonds), die den Lebensversicherungsvertrag weiterführen und in den Genuss der Schlussgewinnanteile kommen.

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  • Deutschland. Das Stornovolumen von Lebensversicherungen in Deutschland erreichte 2009 mit 14 Milliarden Euro ein neues Rekordvolumen. Gleichwohl ging das Volumen der Aufkäufe am Zweitmarkt auf circa 100 Millionen zurück. Ausgefallen als Käufer sind vor allem die geschlossenen Fonds: 2009 wurde kein neuer Policenfonds aufgelegt, der in deutsche Lebensversicherungen (gemischte Kapitallebensversicherungen, die eine Todes- und Erlebensfallabsicherung bieten) investiert. In die Bredouille gerieten die Policenfonds vor allem, weil die Erträge aus den Policen tendenziell zurückgingen – bei gleichzeitig festgeschriebenen Fremdkapitalzinsen. Die deutschen Policenfonds benötigen wegen der ertragsschwachen Lebensversicherungsverträge den Hebeleffekt eines hohen Fremdkapitals. Diesen positiven Hebel gab es bei der Auflegung der Fonds, später waren die Fremdkapitalzinsen höher als die Erträge, die mit den Zweitmarktpolicen erzielt werden konnten. Die prognostizierten Ausschüttungen konnten nicht geleistet werden.

Grundsätzlich haben sich die deutschen Lebensversicherungen, was den Erstmarkt betrifft, wider Erwarten gut in der Finanzkrise behauptet, weil sie auf Reserven zurückgriffen. Aber es zeigt sich, dass die Erträge zu schwach sind, um die hohen Kosten, die geschlossene Fonds verursachen, – bei gleichzeitig negativem Fremdkapitalhebel – tragen zu können. Für private wie institutionelle Investoren könnte sich aber die Direktanlage in deutsche Policen lohnen, weil dann die hohen Kosten der geschlossenen Fonds wegfallen. Hier sieht die Branche eine neue Zielgruppe.

  • Großbritannien. Die britischen Policenfonds litten unter der Talfahrt der Aktienkurse. Denn auf der Insel legt die Assekuranz den größten Teil des Deckungsstocks in Aktien an. Daher konnten sie in der Vergangenheit höhere Verzinsungen erzielen als die deutschen Lebensversicherungen, die vor allem in öffentliche Anleihen investieren. In der Baisse mussten die britischen Lebensversicherungen die Kursverluste am Aktienmarkt verkraften, zahlreiche Lebensversicherungen senkten ihre Rückkaufswerte. Das ist günstig für Neueinsteiger in den britischen Secondhandmarkt, aber von Nachteil für die geschlossenen Fonds, die bereits investiert sind.
  • USA. Auch die US-Policenfonds entwickeln sich nicht so, wie die Initiatoren bei der Auflegung prognostiziert haben. Ausschlaggebend ist hier die Langlebigkeit der Amerikaner. Die US-Policenfonds erwerben am Zweitmarkt Lebensversicherungsverträge, die nur im Todesfall ausgezahlt werden (Risikolebensversicherungen). Der Kaufpreis dieser Verträge richtet sich nach der Lebenserwartung der Versicherten. Es zeigte sich aber, dass die Versicherten, die ihre Verträge an die Fonds verkauft haben, länger lebten, als die Fonds kalkuliert hatten. Das heißt: Die Prämien mussten länger als erwartet gezahlt werden – die Auszahlung der Versicherungssummen verzögerte sich. Beim Erwerb der Policen haben sich die geschlossenen Fonds auf medizinische Gutachten verlassen, die die Lebenserwartung der Versicherten schätzten. Heute weiß man, dass die Fonds, gemessen an der tatsächlichen Lebenserwartung, zu hohe Preise zahlten. Inzwischen gehen die Gutachten von längeren Lebenserwartungen aus. Die in diesem Jahr aufgelegten Fonds haben also Aussichten, die Ausschüttungsprognosen einhalten zu können. Bei den älteren wird sich im Laufe dieses Jahres zeigen, ob das Geschäftsmodell der US-Policenfonds funktioniert.

Armin Löwe

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