ArchivDeutsches Ärzteblatt23/2010Privatisierung: Es geht um Köpfe, nicht mehr um Menschen
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Zunächst möchte ich mich erst einmal bedanken für den vielschichtigen und mit Zahlen objektiv unterlegten Artikel über das Thema „erfolgreiche Krankenhausprivatisierung“! Vieles sprach mir aus der Seele. Besonders erschreckend aber der Hinweis, dass der Name eines Kritik äußernden Kollegen geändert werden musste: Ich habe Uni, städtisches Krankenhaus und Privatklinik erlebt mit allen Vor- und Nachteilen, immer dachte man, schlimmer kann’s ja kaum kommen. Allerdings kam es immer schlimmer. Die Privatisierung habe ich . . . sehr negativ für engagierte Ärzte erlebt. Chefärzte wurden eher entmachtet, Oberärzte und Chefärzte mit „Privatverträgen“, Bonuszahlungen, Dienstwagen geködert. Das Schweigen zu finanzträchtigen, aber personal- und patientenunfreundlichen Veränderungen wurde sozusagen erkauft. Wer kritisch nachfragte, den Betriebsrat nutzte oder auch nur Boni ausschlug, wurde verdächtig. Vieles hat mich an meine DDR-Zeit erinnert. Ich habe auch als Betriebsratsmitglied immer wieder betont, dass gerade wir Ärztinnen und Ärzte gerne viel arbeiten, aber das Arbeitsklima verschlechterte sich mit dem steten Wegfall des Zusammengehörigkeitsgefühls. Nicht mehr schaffen „wir auf der Station“ etwas gemeinsam, sondern Stationen werden nach wirtschaftlichen Aspekten neu sortiert, Personal nach Gutdünken versetzt, auch gern mal in neu zu gründende Außenstellen, Tageskliniken, MVZ. Die Unzufriedenheit bei den Engagierten wuchs, bis man das Gefühl hatte, es bleiben nur die, die – aus nachvollziehbaren Gründen – Dienst nach Vorschrift machen. Befindlichkeitsumfragen ergaben vielfach schlechte Werte, aber das hatte nie wirklich eine Auswirkung. Mit Auswärtigen über innerbetriebliche Probleme reden? Kündigungsgrund! Vorträge halten? Nur über die Zentrale zu beantragen. Auch Medikamente wurden nach Konzernverträgen mit Pharmafirmen schon zum Teil vorgeschrieben. Durch den Wegfall gemeinsamer Pausen gab es schließlich keine Möglichkeit mehr, sich unter Kollegen mal auszusprechen. Schließlich half mir – wie vielen meiner Kollegen zuvor – nur Weggehen. Mir fällt es als Niedergelassene jetzt oft schwer, die ehemalige oder auch andere private Kliniken zu „empfehlen“. Gleichzeitig weiß ich, dass immer noch viele hochengagierte Ärzte dort arbeiten, aber wie lange noch? Wozu werden Kollegen erzogen, wenn es nur noch um Boni geht und die Entscheidungsmacht über viele medizinische Belange längst beim Verwaltungsrat, jungen Gesundheitsökonomen liegt, die oft wenig Achtung vor ärztlicher Tätigkeit oder krankenpflegerischer Mühe zeigen? Es geht, wie im Artikel zitiert, nur noch um „Köpfe“, nicht mehr um Menschen. Ich wünsche mir eine offene Diskussion auch unter Ärztinnen und Ärzten über die Zukunft der stationären Patientenversorgung!

Dr. med. Kristin Galleck, 19288 Ludwigslust

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