ArchivDeutsches Ärzteblatt23/2010Schutz der Familie vor Tabakrauch: Zu viele Kippen auf Spielplätzen

POLITIK

Schutz der Familie vor Tabakrauch: Zu viele Kippen auf Spielplätzen

Dtsch Arztebl 2010; 107(23): A-1146

Rieser, Sabine

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Dr. med. Martina Pötschke-Langer wüsste, welche Steuer sie erhöhen würde: die auf Tabakprodukte. Die Drogenbeauftragte Mechthild Dyckmans hat das nicht gefordert. Beide Frauen sind sich aber einig: Vor allem Kinder müssen noch stärker vor den gesundheitlichen Schäden durch Tabakrauch geschützt werden.

Zu einer guten Prävention gehört, dass werdende Mütter von ihrem Arzt auf die Gefahren des Rauchens in der Schwangerschaft hingewiesen und mit konkreten Angeboten zur Tabakentwöhnung unterstützt werden. Diese notwendigen Hilfen für Schwangere dürfen nicht an der Finanzierung scheitern.“ Diese Ansicht hat aus Anlass des Weltnichtrauchertags am 31. Mai in Berlin Mechthild Dyckmans (FDP), die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, vertreten. Die Welt­gesund­heits­organi­sation hatte für den diesjährigen Weltnichtrauchertag den Schwerpunkt „Frauen und Rauchen“ gewählt.

Keine Seltenheit auf Spielplätzen: Da, wo unmissverständliche Verbote fehlen, fand man mehr Kippen als anderswo. Foto: dpa
Keine Seltenheit auf Spielplätzen: Da, wo unmissverständliche Verbote fehlen, fand man mehr Kippen als anderswo. Foto: dpa
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Dyckmans wies darauf hin, dass rauchende Mütter häufiger als Nichtraucherinnen eine Fehl- oder Frühgeburt erlitten oder die Säuglinge bei der Geburt oft untergewichtig seien. Zudem hätten diese ein mehr als doppelt so hohes Risiko, innerhalb des ersten Lebensjahres am plötzlichen Kindstod zu sterben.

Mehr als zwei Drittel der Frauen, die in der Schwangerschaft aufgehört hätten zu rauchen, beginnen nach Dyckmans Darstellung zudem im ersten Jahr nach der Geburt des Kindes wieder damit. Dies alles zeige, „wie dringend erforderlich es ist, diese Zielgruppe in den Vordergrund zu stellen“, sagte die Drogenbeauftragte.

Sie verwies auf den Report „Schutz der Familie vor Tabakrauch“ des Deutschen Krebsforschungszentrums Heidelberg (DKFZ), der gerade erschienen ist. Dem Report zufolge rauchen zu Beginn der Schwangerschaft etwa 13 Prozent der Frauen. Ein Viertel von ihnen gibt das Rauchen zumindest in dieser Zeit auf. Bedenkenlos könnten zur Unterstützung allerdings nur verhaltenstherapeutische Maßnahmen empfohlen werden, heißt es. Für medikamentöse Hilfe, egal, ob Nikotinersatz, Bupropion oder Vareniclin, lägen für Schwangere weder bezüglich der Wirksamkeit noch hinsichtlich der Sicherheit ausreichende Nachweise vor. Die Publikation geht ausführlich auf die Gefahren für Mütter und Kinder ein und enthält generell Handlungsempfehlungen, wie rauchende Eltern zu einem Rauchstopp motiviert werden können.

Die Autoren verweisen aber auch darauf, dass rauchende Eltern durchaus auf die Gesundheit ihrer Kinder achten. So ist bei der Mehrheit der Raucher mit Kindern das Rauchen zu Hause vollständig verboten; nur wenige schränken es dort gar nicht ein. „Angesichts sinkender Raucheranteile bei den Altersgruppen junger Erwachsener, in denen die meisten Familiengründungen und -erweiterungen erfolgen, ist davon auszugehen, dass die Tabakrauchbelastung von Kindern in den letzten zwei Jahrzehnten gesunken ist“, heißt es in der Veröffent-
lichung des DKFZ.

Dr. med. Martina Pötschke-Langer, Leiterin der Stabsstelle Krebsprävention im DKFZ, betonte aus Anlass des Weltnichtrauchertags, es sei allerdings nicht nur Sache der Eltern, Kinder vor den Gefahren durch Tabakrauch zu schützen. „Wirksame politische Maßnahmen bestehen in einem umfassenden Nichtraucherschutz für Sportstätten, Gemeindesäle und Festzelte“, sagte Pötschke-Langer.

So ist zwar beispielsweise das Rauchen in Schulen und Kindertageseinrichtungen grundsätzlich verboten, doch in Baden-Württemberg, Sachsen und Sachsen-Anhalt werden dem Report zufolge weiter Raucherecken an den Schulen toleriert. Außerdem ist das Rauchverbot in mehreren Bundesländern gelockert, wenn in den Räumen keine Schulveranstaltungen, sondern beispielsweise Karnevalssitzungen oder Elternversammlungen stattfinden.

Pötschke-Langer kritisierte zudem unzureichende Rauchverbote auf Kinderspielplätzen: „Neben Tabakrauch sind auch weggeworfene Zigarettenkippen auf Spielplätzen eine ernstzunehmende Gefahrenquelle, da sie schwere Vergiftungserscheinungen verursachen können, wenn Kinder sie verschlucken.“ Explizite Verbote wie in Bayern, Brandenburg und im Saarland sind jedoch die Ausnahme (siehe Kasten). Sie würden nach Ansicht der Expertin jedoch fruchten. „Die Raucher halten sich daran. Verbote werden akzeptiert“, ist sie überzeugt.

Pötschke-Langer würde aber ein bundesweit umgesetztes Rauchverbot für Spielplätze noch nicht genügen. Sie forderte zudem, ein gesetzliches Rauchverbot im Auto in Anwesenheit von Schwangeren und Kindern ernsthaft zu prüfen.

Sabine Rieser

Rauchverbote wirken

Sie sind keine Seltenheit auf Spielplätzen: weggeworfene Kippen. Nach Angaben des Deutschen Krebsforschungszentrums Heidelberg können jedoch schon drei davon, die ein Kind verschluckt hat, Symptome einer Vergiftung wie Übelkeit, Erbrechen und Durchfall hervorrufen. Der Giftnotruf Berlin hat für das Jahr 2008 von fast 1 000 solcher Fälle berichtet.

Wissenschaftler des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) haben im Oktober 2009 untersucht, wie sich unterschiedlich umgesetzte Rauchverbote auf Spielplätzen auswirken. Drei Bundesländer haben nämlich ein Rauchverbot dort festgelegt: Bayern, Brandenburg und das Saarland. Hinzu kommen kommunale Rauchverbote.

Die Forscher zählten in Heidelberg, Würzburg und Mannheim auf je zehn zufällig ausgewählten Spielplätzen Kippen, zunächst im Oktober 2009, dann noch einmal im April 2010. In Heidelberg fanden sie im Oktober im Durchschnitt 10,4 Zigarettenreste pro Spielplatz, in Würzburg 36,3 und in Mannheim 46. Im April waren die Unterschiede noch krasser: 16 Kippen pro Spielplatz in Heidelberg, 114 in Mannheim.

Die Erklärung aus dem DKFZ: In Würzburg ist das Rauchen zwar dort verboten, wo die Kleinen spielen, Hinweisschilder gibt es aber nicht. In Heidelberg hingegen fand man an neun der zehn Plätze ein gut sichtbares Verbotsschild.

Quelle: „Schutz der Familie vor Tabakrauch“, Band 14 der Roten Reihe, DKFZ

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