ArchivDeutsches Ärzteblatt PP6/2010Aussenseiterkunst: Arnold Breul: Aktion und Reaktion – das Babybett

KUNST UND SEELE

Aussenseiterkunst: Arnold Breul: Aktion und Reaktion – das Babybett

PP 9, Ausgabe Juni 2010, Seite 242

Lohmann, Jörg

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Abschied und Neuanfang – der Künstler verarbeitete mit dem Babybett die Trennung von seiner langjährigen Therapeutin. Auf Streifzügen über das Klinikgelände sammelte er die Materialien. Foto: Eberhard Hahne
Abschied und Neuanfang – der Künstler verarbeitete mit dem Babybett die Trennung von seiner langjährigen Therapeutin. Auf Streifzügen über das Klinikgelände sammelte er die Materialien. Foto: Eberhard Hahne

Mit einem Arm voll Dachlatten und Sperrholzbrettern steht im Jahr 1997 der 76-jährige taubstumme Arnold Breul eines Tages in der Werkstatttür der kunst- und ergotherapeutischen Abteilung des Alexianer-Krankenhauses. Er hatte sich das Material auf einem seiner Streifzüge über das Krankenhausgelände „organisiert“.

In stundenlanger, konzentrierter Arbeit entsteht aus Vierkanthölzern, Sperrholzresten, Möbelbeschlägen und einer Vielzahl von Schrauben der Korpus eines Bettchens. Es wird mehrschichtig mit Temperafarben bemalt, immer wieder mit bunter Wolle energisch umschnürt und mit mehreren Lagen Gardinenstoff weich ausgepolstert. Abschließend erhält das Bettchen einen Deckel aus schwarzem Acrylglas, Breuls Gesten nach, eine praktische Einrichtung, um allen Beteiligten einen ruhigen Schlaf zu ermöglichen.

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Die Gegebenheit hat eine etwa zehnjährige Vorgeschichte: Über Jahrzehnte war es nur leidlich gelungen, Arnold Breul in die Gemeinschaft seiner Wohngruppe einzubinden, ihm Beschäftigungsangebote im Stationsalltag oder der Arbeitstherapie anzubieten. Er galt als launischer Einzelgänger. Ende der 80er Jahre ist es möglich, ihn in die noch junge, kreativtherapeutische Abteilung einzubinden. Arnold Breul malt und zeichnet nonfigural und macht erste Erfahrungen mit dem Material Holz. Aber vor allem kann er sich auf eine intensive therapeutische Beziehung zu seiner ihn betreuenden Ergotherapeutin einlassen.

Als diese acht Jahre später in einen Erziehungsurlaub geht, reagiert er darauf tief gekränkt und verunsichert. Über Monate lehnt er alle Vertretungsangebote ab. Mit dem Bau des Babybettchens für die Therapeutin findet er einen Ausweg aus dem inneren Konflikt – dem Verlust und der Kränkung, die neue Situation tatenlos akzeptieren zu müssen. Er geht offensiv in die Aktion, gestaltet körperlich sehr engagiert, zeitweilig wütend wirkend, arbeitet mit dem Thema Baby, dem Grund für den erlebten Verlust.

Das Babybettchen kennzeichnet Abschied und Neuanfang. Arnold Breul macht die Erfahrung, sich über sein eigenes Schaffen an der Gestaltung seiner Umwelt und seines Alltags aktiv beteiligen zu können. Als alter Mann entdeckt er für sich in der künstlerischen Arbeit die Möglichkeit des Ausdrucks und der aktiven Mitgestaltung seines persönlichen Umfelds.

Bis zu seinem Tod im Jahre 2006 entstehen nun in großer Materialvielfalt eine Vielzahl von (pseudofunktionalen) Objekten wie Telefone, Spielzeuge, Modelle und Devotionalien.

Jörg Lohmann, Ergotherapeut im Alexianer Krankenhaus Münster

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