ArchivDeutsches Ärzteblatt PP6/2010Neuropsychologie: Spannende Reise durch die Psychologie

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Neuropsychologie: Spannende Reise durch die Psychologie

PP 9, Ausgabe Juni 2010, Seite 274

Koch, Joachim

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Drei Jahre nach seinem Tod hielt Siri Hustvedt eine Gedenkrede auf ihren Vater. Mitten im Vortrag befiel Hustvedt ein unkontrollierbares Zittern, das einige Zeit anhielt und dann wie von selbst aufhörte. Es war außerordentlich stark, befiel die ganze Person und bewegte Zuschauer zu dem Gedanken, zu Hilfe eilen zu müssen. Die Fähigkeit der Autorin zu reden, war bei dem Vorfall allerdings nicht betroffen. Die Symptomatik, die sich bei einer weiteren Rede wiederholte, irritierte die Autorin sehr. Sie sorgte sich ernsthaft um ihre Gesundheit.

Die zitternde Frau, wie Hustvedt den Teil ihres Selbst, der sich bei den Vorfällen schüttelte oder der geschüttelt wurde, nannte, veranlasste sie, nach den Ursachen der Symptomatik zu suchen. Sie nimmt den Leser mit auf eine spannende Reise durch die Erkenntnisse und Forschungen der Psychiatrie, der Neuropsychologie und der Psychoanalyse. Dabei hat sie sich ein erstaunliches Wissen angeeignet und viele überraschende Erkenntnisse gewonnen. In ersten Überlegungen stellt sie die Symptomatik in den direkten Zusammenhang mit dem Tod ihres Vaters und fragt sich, ob sie ein Trauerproblem hat. Ihr gelingt es, den Tremor erfolgreich mit Tabletten zu behandeln. So kann sie bei Vorträgen sicher sein, dass die Symptomatik nicht auftritt. Sie fragt sich aber weiter, warum sie im Alter von 51 Jahren plötzlich Lampenfieber hat und wieso solch gewaltige Spasmen auftraten, die sie fast umwarfen. Obwohl sie Situationen mit einem atemlosen Gefühl von Panik mit Herzjagen kennt, verspürte sie beim ersten Zitteranfall keine Angst, was eine Panikstörung unwahrscheinlich erscheinen ließ.

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Die Autorin stellt ihre Symptomatik in den Zusammenhang mit einem Autounfall, den sie Jahre zuvor erleiden musste und beschäftigt sich mit Flashbacks, Aspekten einer multiplen Persönlichkeit und der posttraumatischen Belastungsstörung. Ob sie selbst hysterisch reagiert hat – oder in der heutigen Terminologie nach dem DSM-IV mit einer Konversionsstörung – beschäftigt die Autorin sehr intensiv.

Hustvedt, die regelmäßig an Treffen von Psychoanalytikern in New York teilnimmt, analysiert und bewertet die Hysteriekonzeptionen von Freud, Janet und Charcot und stellt fest, dass die Wissenschaft seit den Arbeiten dieser Ärzte nicht vorangekommen ist. Nach Überlegungen in der psychoanalytischen Theorietradition geht es in die moderne Neurowissenschaft. Die Autorin beschäftigt sich mit dem freien Willen, der Entdeckung der Spiegelneuronen und den Amygdala-Präfrontal-Kortex-Regulationen. Besonders interessant ist die Beschäftigung mit der erst kürzlich erkannten Berührungs-Synästhesie. Dabei spürt jemand durch bloßes Beobachten am eigenen Leib, wenn eine andere Person Schmerzen leidet oder berührt wird. Siri Hustvedt geht der eigenen Empfindsamkeit beziehungsweise Überempfindlichkeit nach und kommt schließlich zu einem bedeutenden Gesichtspunkt in ihrer eigenen Krankengeschichte: einer relativ schweren Migräneerkrankung. Die Autorin folgt der Verbindung von Migräne und Epilepsie und zieht dann für sich – nach erfolglosen neurologischen Untersuchungen – ein Resümee ihrer Erklärung der Symptomatik, die jenseits einer einfachen monokausalen Ursache liegt, sondern verschiedenes miteinbezieht. Dieses Ergebnis deklariert sie realistischerweise als eine Hypothese.

Für Laien wird es nicht ganz einfach sein, den vielen verschiedenen Theorieschwüngen der Autorin im Buch zu folgen, und die Autorin hat auch nicht alles ganz ausführlich erklärt, was aber auch nicht verlangt werden kann. Joachim Koch

Siri Hustvedt: Die zitternde Frau. Eine Geschichte meiner Nerven. Rowohlt, Reinbek 2010, 240 Seiten, gebunden, 18,95 Euro

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