ArchivDeutsches Ärzteblatt PP6/2010Philosophie: Spannung zwischen Wollen und Sollen

BÜCHER

Philosophie: Spannung zwischen Wollen und Sollen

PP 9, Ausgabe Juni 2010, Seite 275

Goddemeier, Christof

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Die Forderung an die Philosophie, sich um lebenspraktische Fragen zu kümmern, ist in den letzten Jahren deutlicher geworden. Eine ihrer zentralen Fragen – „Was sollen wir tun?“ – fordert immer wieder neue Antworten. Doch der praktische Diskurs tut sich schwer, den sinn- und ziellosen Weltlauf, wie Hegel ihn sah, und eine Ethik, die diesem normativ gegenübersteht, einander anzunähern. Jenseits theoretischer Diskurse stehen in der Psychotherapie ethische Themen in engem Zusammenhang mit dem unmittelbaren Lebensvollzug. Lassen sich hier Brücken bauen?

Der vierte Band des Jahrbuchs versammelt hierzu 13 Beiträge. Seit der Antike ist offensichtlich, dass Wissen um das Richtige nicht ausreicht, damit ein Mensch auch das Richtige tut. Demnach geht eine Ethik, die den Menschen nur als denkendes Wesen begreift und seine Gefühle außer Acht lässt, an der Realität vorbei. Die Spannung zwischen Wollen und Sollen, zwischen „Strebensethik“ und einer Pflichtethik Kant’schen Zuschnitts, verweist auf ein Problem der Motivation: „Warum sollen wir überhaupt gut handeln?“ Eine Antwort bietet hier etwa Friedrich Schillers Idee der schönen Handlung als Ausdruck einer „schönen Seele“: Man tut oder unterlässt etwas, weil es schön oder nicht schön ist. Diesem (seltenen) Idealzustand gegenüber tragen Psychiatrie und Psychotherapie dem Umstand Rechnung, dass auch aufgeklärte Menschen aus dem eigenen Inneren unvernünftig bedrängt werden. Im Allgemeinen kommt die Frage nach dem Führen eines guten Lebens nicht ohne die Frage nach dem „Wozu“ dieses Lebens aus. Das zeigt, dass Menschen dazu neigen, sich sinnstiftende Ziele zu setzen. Beim Wort genommen wird „Lebensethik“ zur phänomenologischen Annahme, dass die einzige Normativität im Leben selbst liegt. Denn das Leben lasse sich durch Prinzipien von außen gar nicht gestalten oder korrigieren.

Verbindungen zwischen Philosophie und Psychotherapie sind bereits zahlreich, etwa die von der Phänomenologie inspirierte Daseinsanalyse und die von Karl Jaspers formulierten „Grenzsituationen“. Neuere Beiträge überdenken die Arbeitsteilung zwischen Psychotherapie und Philosophie. Werden künftig in Therapieeinrichtungen „klinische Philosophen“ für existenzielle Fragen zuständig sein? Ein lesenswertes und spannendes Buch, das zudem erstmals einige ausführliche „Literaturberichte“ enthält. Christof Goddemeier

Anzeige

Rolf Kühn, Jann E. Schlimme, Karl Heinz Witte (Hrsg.): psycho-logik. Jahrbuch für Psychotherapie, Philosophie und Kultur. Band 4, Lebensethik. Alber, Freiburg 2009, 294 Seiten, kartoniert, 32 Euro

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema