ArchivDeutsches Ärzteblatt PP6/2010Patientenrecherche: Der gläserne Psychotherapeut

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Patientenrecherche: Der gläserne Psychotherapeut

PP 9, Ausgabe Juni 2010, Seite 264

Sonnenmoser, Marion

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Den Therapeuten durchschauen – Neugierige Patienten können dank des Internets mehr über ihren Therapeuten erfahren, als diesem lieb ist. Foto: iStockphoto
Den Therapeuten durchschauen – Neugierige Patienten können dank des Internets mehr über ihren Therapeuten erfahren, als diesem lieb ist. Foto: iStockphoto

Über das Internet können sich Patienten leicht über das Privatleben ihres Therapeuten informieren. Deshalb sollten diese genau prüfen, welche Informationen sie über sich im Netz veröffentlichen wollen.

Wer als Psychotherapeut glaubt, ein Patient wisse nur das über ihn, was er ihm gezielt mitteilt, irrt gewaltig. Mit vielen Dingen, deren man sich nicht bewusst ist oder die man unabsichtlich tut, gibt man etwas über sich preis.
Der amerikanische Wissenschaftler Ofer Zur untersucht mit seiner Arbeitsgruppe solche unbewussten Informationsquellen. Dazu zählen Alter, Geschlecht, Aussehen und Kleidung ebenso wie Mimik, Gestik und alles Nonverbale. Auch das Umfeld lässt entsprechende Rückschlüsse zu. Wenn beispielsweise die Praxis im eigenen Haus liegt, zeigt dies eine Menge über Geschmack, Einkommen und Vorlieben eines Psychotherapeuten. Auch auf dem Land oder in einem Stadtviertel zu leben, in Vereinen aktiv zu sein, die örtlichen Freizeiteinrichtungen zu nutzen und ein normales Familienleben zu führen, kann dazu beitragen, dass Psychotherapeuten im Alltag auf Patienten treffen und in privaten Kontakt mit ihnen treten. Dass Patienten auf diese Weise mehr über ihren Behandler erfahren, als diesem vielleicht lieb ist, ist geradezu unvermeidlich.

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Patienten informieren sich im Vorfeld über den Therapeuten

Mit solchen mehr oder weniger unfreiwilligen Preisgaben von Informationen über die eigene Person (vor allem die Privatperson) konnten und mussten Psychotherapeuten schon immer umgehen. Seit es das Internet gibt, ist die Situation jedoch komplexer und unübersichtlicher geworden. Denn das Internet ist zu einem geradezu unerschöpflichen Fundus an Informationen geworden, in dem sich Privates und Berufliches schnell vermischen. Zudem hat sich das Selbstverständnis der Patienten gewandelt. „Patienten verstehen sich heutzutage in erster Linie als mündige Konsumenten, die sich, bevor sie etwas kaufen oder sich auf eine Behandlung einlassen, über einen Psychotherapeuten genauso informieren wie über ein Auto ober eine Waschmaschine“, erklären Zur und Kollegen.

Die einfachste und preiswerteste Methode, um an Informationen über eine Person zu gelangen, ist die Recherche im Internet. Immer mehr Patienten besuchen die Website ihres Psychotherapeuten und erfahren auf diesem Weg etwas über seinen Werdegang und seine therapeutischen Schwerpunkte, eventuell auch über seine Forschungsinteressen und die Institution, für die er tätig ist. Darüber hinaus berichten viele Therapeuten auf ihren Websites zusätzlich über private Interessen, weil sie dadurch menschlicher wirken.

Mit diesen von Therapeuten veröffentlichten Informationen geben sich jedoch nicht alle Patienten zufrieden. Sie recherchieren weiter und nutzen beispielsweise Suchmaschinen wie Google und Personensuchmaschinen wie 123people und Yasni. Dadurch erfahren sie unter Umständen, wo der Therapeut privat wohnt, für was er sich persönlich einsetzt, welche Hobbys er hat und was er früher getan hat. Letzteres ist möglich, weil im Internet fast alle Informationen für immer erhalten und abrufbar bleiben, sofern sie nicht gezielt entfernt werden. Das ist vor allem dann unangenehm, wenn man etwas in der Vergangenheit getan hat, das nicht jeder wissen muss. Ärgerlich ist zudem, dass auch diffamierende Presseartikel oder schlechte Bewertungen von Patienten unbegrenzt im Internet kursieren und man nichts dagegen tun kann. Besonders neugierige Patienten gehen sogar noch weiter: Sie beauftragen professionelle Suchdienste und Computerspezialisten, um so viel wie möglich über einen Psychotherapeuten herauszufinden. Dies artet mitunter in eine regelrechte Verfolgung des Psychotherapeuten mit Hilfe des Internets aus (sogenanntes Cyberstalking).

Im Netz findet man oft auch private Informationen

Eine weitere Methode, um Informationen zu sammeln oder den Behandler auszuspionieren, besteht darin, sich unter falschem Namen bei Online-Kontaktnetzwerken wie Myspace, Xing oder Facebook anzumelden. Dort erfahren Patienten nicht nur viel über das Privatleben eines Psychotherapeuten (sofern er Mitglied ist), sondern können auch Fotos und Filme des Therapeuten herunterladen und sich über ihn mit anderen Mitgliedern austauschen. Sie können sich ebenfalls mit dem Psychotherapeuten „anfreunden“ und ihn auf diese Weise sehr persönlich kennenlernen.

Die Möglichkeiten des Internets sind vielfältig und lassen krankhafter Neugier und krimineller Energie eine Menge Spielraum. Nach Meinung von Zur sollten sich Psychotherapeuten bewusst sein, dass heutzutage fast alles Spuren im Internet hinterlässt und für jeden zugänglich ist. Das ist kaum zu vermeiden und zu beeinflussen, dennoch ist man dem nicht hilflos ausgeliefert. Zur empfiehlt Psychotherapeuten Folgendes:

  • Führen Sie in regelmäßigen Abständen Internetrecherchen mit Ihrem Namen als Suchbegriff durch, damit Sie informiert sind, was über Sie im Internet zu finden ist.
  • Stellen Sie keine oder nur sehr wenige, ausgewählte Fotos, Filme und Informationen über Ihr Berufs- und Privatleben ins Internet.
  • Seien Sie zurückhaltend gegenüber Internetfreunden – es könnten Ihre Patienten sein.
  • Kontrollieren Sie (soweit möglich), was die Presse über Sie veröffentlicht, indem Sie von den Pressevertretern verlangen, dass Ihnen Interviews, Artikel und Fotos vor dem Abdruck ausgehändigt werden.
  • Entfernen Sie unliebsame Inhalte, indem Sie die Website-Betreiber darum bitten oder professionelle Dienste in Anspruch nehmen.
  • Geben Sie niemals Patientengeheimnisse oder andere Interna im Internet preis.
  • Seien Sie vorsichtig, aber entwickeln Sie keine Angst vor dem Internet, denn es bietet auch viele Chancen und Möglichkeiten.

Dr. phil. Marion Sonnenmoser

Ofer Zur, Sonoma Medical Plaza, 181 Andrieux, Sonoma, CA 95476, E-Mail: drzur@zurinstitute.com

1.
Zur O, Williams M, Lehavot K, Knapp S: Psychotherapist self-disclosure and transparency in the Internet Age. Professional Psychology 2009; 40(1): 22–30.
1.Zur O, Williams M, Lehavot K, Knapp S: Psychotherapist self-disclosure and transparency in the Internet Age. Professional Psychology 2009; 40(1): 22–30.

Leserkommentare

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Avatar #79783
Practicus
am Sonntag, 23. August 2015, 18:56

Ja und?

Sollen sich jetzt alle therapeutisch tätigen Frauen nur mehr im Tschador oder Burka ablichten lassen, wenn sie attraktiver sein könnten als die Partnerinnen ihrer Patienten?
Glauben sie wirklich, eine 29-jährige möchte von alten Männern angemacht werden, die sabbernd ihr FB-Profil durchforschen? Neben sich eine offensichtlich eifersüchige Gemahlsgattin, die sofort etwas "igitt-pfui" Sexuelles vermutet?
Niemand zwingt sie doch, die offenbar ja private FB-Seite der Therapeutin zu besuchen!
Avatar #702382
DanielaJ.
am Sonntag, 23. August 2015, 14:34

Therapeutin auf Facebook

Hallo,
ich bin sehr spät zu diesem Thema gekommen und hoffe, dazu evtl. etwas zu erfahren. Mein Partner, 49, macht seit letztem Jahr eine Therapie bei einer 29- jährigen Therapeutin. Im Zuge unserer Recherchen über die Gemeinschaftspraxis, in welcher sie arbeitet, sind wir auf ihr Facebook Profil gestossen, wir haben beide dort selber Profile und sie hat ein Profil mit ihrem Klarnamen. Etwas schockiert sahen wir, dass sie zwar harmlos erscheinende, aber doch, wenn man genauer hinsieht, etwas versteckt eindeutige Bilder öffentlich gemacht hat. Alles andere ist Privat, aber Bilder in bestimmten Posen und nun auch seit dem letzten Urlaub in vergrösserbarer Form ein Titelbild von ihr im Bikini in einem Pool ( was ich übrigens tatsächlich so meinem Partner vor ihrem Urlaubsantritt prophezeit hatte, da sie in diesem Jahr immer weniger anhatte auf den Bildern.Also erst nur eine sehr lange Bluse mit Strumpfhose, dann Top und Shorts- Bikini war letztendlich die logische Schlussfolgerung.) Ich bin mir bewusst, dass meine eigene Unsicherheit da mit hineinspielt, vor Allem, da mein Partner ihr ja nun schon seit einem Jahr und noch weiterer mehrere Monate gegenübersitzt und auch, nach eigener Aussagen, doch etwas abhängig von ihrer Unterstützung ist. Da ich mich im psychologischen Bereich auskenne, ist mir auch klar, warum sie das macht. Keine ihrer ehemaligen Mitstudentinnen zeigt sich so, alles andere ist, wie gesagt, auch privat auf ihrem Profil. Dennoch kann man sehr leicht die Spur zu anderen ihrer Bilder bei Freunden nachverfolgen, auf welchen Sie als Einzige immer mit der Kamera kokettiert und insbesondere ihre Figur in sehr kurzen Anziehsachen ins rechte Licht rückt. Mein Partner findet das alles irgendwie seltsam aber meint, sie täte das sicherlich nur aus Naivität und nimmt sie in Schutz. Wenn er sagt, dass sie sich in den Stunden nie irgendwie "seltsam" verhält, argumentiere ich dagegegen, dass sie dies nicht tut, da sie ja auf FB praktisch den Ausgleich dazu schafft, also doch letztendlich eine eindeutige Aussage über sich selbst gibt und dies ja auch nicht privat, für ihre eigenen 300 "Freunde" und Kollegen tut. Ich frage mich persönlich schon, was in ihr vorgehen muss. Denn letztendlich ist das ja fast so, als würde man ein Bild von sich ans schwarze Brett in der Praxis hängen und bewundernde Blicke von Patienten und Kollegen erwarten. Auch wenn das Kind jetzt schon in den Brunnen gefallen ist- was tun?

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