ArchivDeutsches Ärzteblatt PP6/2010Essstörungen und Persönlichkeit: Unterschätzter Einfluss von Persönlichkeitsmerkmalen

WISSENSCHAFT

Essstörungen und Persönlichkeit: Unterschätzter Einfluss von Persönlichkeitsmerkmalen

PP 9, Ausgabe Juni 2010, Seite 272

Sonnenmoser, Marion

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Anorexie erfordert eine starke Willenskraft und Selbstdisziplin. Betroffene weisen häufig einen hohen Perfektionismus auf. Foto: iStockphoto
Anorexie erfordert eine starke Willenskraft und Selbstdisziplin. Betroffene weisen häufig einen hohen Perfektionismus auf. Foto: iStockphoto

Bei der Entwicklung einer Essstörung spielen verschiedenste Faktoren eine Rolle. Die Persönlichkeitsmerkmale des Betroffenen haben dabei einen oft unterschätzten Einfluss, der bei Diagnose und Therapie berücksichtigt werden sollte.

Essstörungen haben in der Regel vielfältige Ursachen, zum Beispiel Persönlichkeitsmerkmale. Sie gelten als angeboren und weitgehend unveränderlich. Wie stark und in welche Richtung sie ausgeprägt sind, hängt aber nicht nur von der genetischen Disposition, sondern auch von den individuellen Lernerfahrungen und den Einflüssen der Umwelt ab.

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Bei Bulimie (Ess-/Brechsucht) gehen kanadische Psychologen der University of New Brunswick davon aus, dass Neurotizismus ein besonders einflussreiches Charaktermerkmal ist. Ein stark ausgeprägter Neurotizismus zeichnet sich durch Nervosität, Unsicherheit, Stimmungsschwankungen und Stressanfälligkeit aus. Neurotizistische Personen klagen zudem oft über Schmerzen, Ärger und Ängste, sind launisch und neigen zu negativen Verstimmungen. Eine Facette des Neurotizismus ist Impulsivität, also die mangelnde Fähigkeit, Impulse zu kontrollieren und Selbstdisziplin zu zeigen. Dies erklärt das Unvermögen von Bulimikern, den starken Drang zu essen und zu trinken zu unterdrücken, aufzuschieben oder einzuschränken. Die Tendenz zu negativen Gefühlslagen fördert zudem die Nahrungsaufnahme, um Frustration abzubauen und sich zu beruhigen. „Ausgeprägter Neurotizismus ist ein Risikofaktor für Essstörungen, vor allem für Bulimie“, so die Wissenschaftler.

Psychologen der Duke University fanden heraus, dass Neurotizismus auch bei der Binge-eating- und Binge-drinking-Störung (Heißhunger- und Durstanfälle mit Verlust der bewussten Kontrolle über das Ess- und Trinkverhalten) eine wesentliche Rolle spielt. Personen, die zu diesen Essstörungen neigen, sind wie Bulimiker persönlichkeitsbedingt kaum in der Lage, Impulse zu kontrollieren. Hoher Neurotizismus geht darüber hinaus mit einer übermäßigen Unzufriedenheit mit Körper und Figur einher und kann daher auch auf indirektem Weg Essstörungen auslösen und aufrechterhalten.

Im Gegensatz dazu erfordern Anorexie (Magersucht, starkes Untergewicht), gezügeltes Essen und Diätverhalten ein hohes Maß an Selbstdisziplin und Impulskontrolle. Dies spiegelt sich im Charakterprofil anorektischer Patienten wider: Sie weisen in der Regel einen mäßig ausgeprägten Neurotizismus, dafür aber hohen Perfektionismus und eine starke Gewissenhaftigkeit auf. Gewissenhaftigkeit geht mit Durchhalte- und Organisationsvermögen, Genauigkeit, Gründlichkeit, Zielorientierung und Impulskontrolle einher – alles Eigenschaften, die eingesetzt werden können, um das Essverhalten und Körpergewicht streng zu reglementieren.

Bei Adipositas (Fettsucht, starkes Übergewicht) kommt es auf Persönlichkeitsmerkmale im Zusammenspiel mit Verhaltensauslösern an. Zu diesem Ergebnis kamen Psychologen um Kristina Elfhag vom Karolinska University Hospital in Stockholm. Sie fanden heraus, dass Übergewichtige, die versuchen, negative Verstimmungen, Stress und starke Emotionen durch übermäßiges Essen zu regulieren, ausgesprochen neurotizistisch und impulsiv sind, kaum Selbstdisziplin zeigen und wenig gesellig und selbstbewusst sind. „Auch Betroffene, die hauptsächlich durch äußere Reize, wie zum Beispiel Essensgerüche, verlockende Nahrungsangebote oder regelmäßige Essenszeiten, zur Nahrungsaufnahme angeregt werden, verfügen kaum über Impulskontrolle und Selbstdisziplin“, weiß Elfhag.

Persönlichkeitsmerkmale ermöglichen es, Essgestörte in Subgruppen zu unterteilen. So konnten Psychologen der Ghent University zeigen, dass man den Behandlungserfolg bei adipösen Kindern und Jugendlichen schon im Vorfeld der Therapie anhand bestimmter Persönlichkeitsmerkmale und Psychopathologien abschätzen kann. Zu ähnlichen Ergebnissen kamen Wissenschaftler aus den USA, den Niederlanden und Schweden, die die Langzeitwirkung und die Rückfallgefahr nach gewichtsreduzierenden Maßnahmen bei verschiedenen Subgruppen erwachsener Adipöser bestimmten. Die Unterteilung in Subgruppen erlaubt es, auf die jeweiligen Subgruppen zugeschnittene Interventionen zu entwickeln.

Kanadische Wissenschaftler, die sich mit dem Zusammenhang von Persönlichkeit und Essstörungen beschäftigen, machen darauf aufmerksam, dass Persönlichkeitsmerkmale einen einflussreichen, bisher aber noch zu wenig beachteten Faktor darstellen. Ihrer Meinung nach kann die stärkere Beachtung und Einbeziehung von Persönlichkeitsmerkmalen in die Diagnose und Behandlung dazu beitragen, Essstörungen besser zu verstehen und effizienter zu behandeln.

Dr. phil. Marion Sonnenmoser

Kontakt:
Kristina Elfhag, Obesity Unit, Karolinska University Hospital M73, SE-141 86, Stockholm (Schweden), E-Mail: Kristina.Elfhag@ki.se

1.
Elfhag K, Morey L: Personality traits and eating behavior in the obese: Poor self-control in emotional and external eating but personality assets in restrained eat- ing. Eating Behaviors 2008; 9(3): 285–93. MEDLINE
2.
Mac Laren V, Best L: Female students’ disordered eating and the big five personality facets. Eating Behaviors 2009; 10(3): 192–5. MEDLINE
3.
Rush C, Becker S, Curry J: Personality factors and styles among college students who binge eat and drink. Psychology of Addictive Behaviors 2009; 23(1): 140–5. MEDLINE
1.Elfhag K, Morey L: Personality traits and eating behavior in the obese: Poor self-control in emotional and external eating but personality assets in restrained eat- ing. Eating Behaviors 2008; 9(3): 285–93. MEDLINE
2.Mac Laren V, Best L: Female students’ disordered eating and the big five personality facets. Eating Behaviors 2009; 10(3): 192–5. MEDLINE
3.Rush C, Becker S, Curry J: Personality factors and styles among college students who binge eat and drink. Psychology of Addictive Behaviors 2009; 23(1): 140–5. MEDLINE

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Avatar #649329
fettesarschkind
am Dienstag, 3. April 2012, 13:59

Big news

Zeigt doch nur was wir als Gesellschaft sowieso schon verinnerlicht haben: fette Menschen sind für die Allgemeinheit wertlos, zudem nervig und niemand mit dem man sich gern umgeben möchte oder für sein eigenes Wohl sollte. Bulimiker sind ähnlich- einfach zu dumm um ihre Impulse zu kontrollieren. Glücklicherweise können die meisten dieser Individuen ihre Schwäche dank des in der Regel normalen Gewichts noch verbergen und fristen ihr Leben als mittelmäßig- bis unbeliebte Durchschnittsmenschen. Anorektische Patienten hingegen sind strebsam, diszipliniert, zuverlässig und umgänglich. Sie ragen heraus durch ihr moralisch überdurchschnittliches Verhalten und können dies durch ihr Gewicht schon auf den esten Blick für andere Menschen sichtbar machen. Schade nur, dass sie sich umbringen...aber was ist die Liebe und der Respekt anderer Menschen nicht Wert. Es lebe Pro-Ana. Diese Mädchen (und Jungs) haben es scho lange durchschaut, liebe Ärzte.

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