ArchivDeutsches Ärzteblatt PP6/2010Interview mit Prof. Dr. med. Claudia Spies, Charité „Jede Schwangere beraten“

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Interview mit Prof. Dr. med. Claudia Spies, Charité „Jede Schwangere beraten“

PP 9, Ausgabe Juni 2010, Seite 253

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Schwangere Raucherinnen brauchten Beratungs- angebote, sagt die Fachärztin für Anästhesiologie und Intensivmedizin, die einen Modellversuch dazu leitet.

Frau Professor Spies, woran liegt es, dass Schwangere auf das Thema Rauchen oft nicht angesprochen werden?

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Spies: Viele Kollegen haben Angst, das Suchtverhalten von Schwangeren anzusprechen. Die Gründe dafür sind vielfältig. Manche rauchen selbst, andere haben das Gefühl, sie seien nicht kompetent genug für eine weitergehende Beratung. Und schließlich ist es eine Zeitfrage.

Welche Art von Ansprache wäre hilfreich für schwangere Raucherinnen?

Spies: Wir fänden es erstrebenswert, wenn jede Schwangere, die raucht, übers Aufhören beraten würde, sobald sie in die Sprechstunde zu ihrem Arzt oder ihrer Ärztin kommt. Beraten werden heißt: Man spricht das Thema an und bietet der Patientin zusätzlich eine weitere intensive Beratung an, zum Beispiel in einer Psychotherapeutenpraxis.

Könnte die gesamte Beratung auch in der Praxis erfolgen?

Spies: Ja, Geburtshelfer, die in motivierender Gesprächsführung und zum Hintergrund der Tabakabhängigkeit geschult sind, können eine solche Beratung übernehmen. In manchen Praxen ist der Arbeitsdruck allerdings sehr hoch, dort fehlt die Zeit dafür. Beraten werden müssen schwangere Raucherinnen nicht lange, aber in Ruhe. Das hat eine ganz andere Wirkung, als wenn man ihnen lediglich eine Broschüre gibt oder mit erhobenem Zeigefinger auf sie zugeht.

Was genau machen Sie eigentlich im Rahmen des Modellprojekts „Frauen und Rauchen in der Schwangerschaft“?

Spies: In der Charité haben wir zunächst die Geburtshelfer und andere Klinikmitarbeiter, zum Beispiel Anästhesisten, geschult, wie sie Schwangere am besten zum Thema Rauchen beraten. Zusätzlich haben wir angehende Psychologen eingebunden. Nun wollen wir auf die niedergelassenen Geburtshelfer zugehen und ein Netzwerk mit psychotherapeutischen Praxen zur Tabakentwöhnung aufbauen. Das braucht aber Zeit und Ressourcen, beispielsweise um Kurzschulungen für die Kollegen anzubieten.

Wenn Sie nachweisen könnten, dass eine abgestufte Beratung und Vernetzung Erfolg versprechen, ließe sich das Modell andernorts kopieren?

Spies: Ja. Damit man unseren Ansatz übernehmen kann, müssen wir aber erst zeigen, dass die Beratung die gewünschten Effekte hat. Noch sind die Krankenkassen zurückhaltend bei der Finanzierung.

Warum?

Spies: Im Fall rauchender Schwangerer fehlen Vernetzungsstudien zur Tabakentwöhnung. Noch kann man nicht gesichert sagen, was Beratung bringt. Wir können sagen, dass mehr Frauen, die beraten wurden, aufhören zu rauchen, aber noch nicht, ob das nachhaltig ist. Vorläufige Ergebnisse dazu liegen wohl erst Ende des Jahres vor.

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