ArchivDeutsches Ärzteblatt PP6/2010Abschiedsraum für verwaiste Eltern: Würdevoller Ort für die Trauer

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Abschiedsraum für verwaiste Eltern: Würdevoller Ort für die Trauer

PP 9, Ausgabe Juni 2010, Seite 266

Hempel, Ulrike

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Frauen und Paare, die mit einer Fehl- oder Totgeburt konfrontiert sind oder sich für einen späten Schwangerschaftsabbruch entschieden haben, finden im Virchow-Klinikum der Berliner Charité Unterstützung: in Form eines eigenen Abschiedsraums.

Geschützt, aber nicht abgeschoben: Hier können Eltern ungestört mit ihrem verstorbenen Kind sein. Foto: Julia von Randow
Geschützt, aber nicht abgeschoben: Hier können Eltern ungestört mit ihrem verstorbenen Kind sein. Foto: Julia von Randow

Charité, Campus Virchow-Klinikum, Klinik für Geburtsmedizin. Routinierte Betriebsamkeit. Ärzte, Schwestern und Hebammen eilen durch den Schlauch blassen Deckenlichts, die Gummisohlen setzen quietschende Spuren in den Flur.

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Abseits des Eingangsbereichs der Geburtsklinik hängt an einer Tür
gut sichtbar ein rotes Schild. Der Finger ist über den Mund gelegt: Ein Symbol, das unmissverständlich zur Ruhe mahnt und Ungebetene vom Betreten des Raumes abhalten soll. Hinter dieser Tür befindet sich der Raum der Stille, auch Abschiedsraum genannt.

Ein ruhiges, klares Zimmer. Leichte, milchig-warme Stoffbahnen schirmen das Rauminnere ab wie die Nussschale den Kern. Das blaue Sofa und der halbrunde helle Sessel bilden mit dem Holztisch
eine tröstliche Dreiergruppe. Auf dem Tisch steht die mandelbraune Schale, in die die Hebamme das verstorbene Kind während des Abschiedsrituals bettet.

In der Klinik gibt es seit September 2009 einen Raum der Stille, in dem Frauen, Paare und Familien
ihr totes Kind begrüßen und ver-
abschieden können. Es ist für die Betroffenen ein Ort des Anneh-
mens und Loslassens. Jede zehnte Schwangerschaft endet mit einer Fehlgeburt. Jährlich verlören circa 3 000 Eltern ihr Kind in den ersten Stunden, Tagen oder Wochen nach der Geburt, schreibt die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.

Unabhängig vom Zeitpunkt und den Umständen ist der Verlust eines Kindes ein tiefer Einschnitt im Leben der Eltern. Einträge in Internetforen des „Bundesverbandes Verwaiste Eltern in Deutschland e.V.“ oder der „Initiative Regenbogen ,Glücklose Schwangerschaft‘ e.V.“ zeigen, wie wenig Verständnis verwaisten Eltern gerade bei frühen Fehlgeburten entgegengebracht wird. „Betroffene Frauen hören solche Sachen wie: Das ist ganz normal, das muss man eben verkraften, man soll nur recht schnell wieder schwanger werden“, berichtet Ellen Grünberg, Beratende Hebamme beim Deutschen Hebammenverband.

Wende zum würdevolleren Umgang mit Geburt und Tod

Der Verband nimmt wahr, dass es in Bezug auf Geburt und Tod in den Kliniken eine Wende hin zu einem würdevolleren Umgang gegeben hat. „Heute gibt es fast überall die Möglichkeit, vom Baby Abschied zu nehmen, auch, wenn nicht alle verwaisten Eltern das nutzen und nicht immer ein separater Raum zur Verfügung steht“, sagt Grünberg.

Im Virchow-Klinikum hat es von den ersten Überlegungen bis zum fertigen Raum circa drei Jahre gedauert. Das ist lange, wenn man bedenkt, dass Prof. em. Dr. med. Joachim W. Dudenhausen, bis 31. März 2010 Direktor der Klinik für Geburtsmedizin, sich „mit dem Team von Anfang an für diese Idee begeisterte“, wie Cornelia Brust betont. Sie ist seit 1985 Hebamme, arbeitet am Virchow-Klinikum und hat gemeinsam mit der Arbeitsgruppe „Stille Geburt – Verwaiste Eltern“ das Projekt „Abschiedsraum“ initiiert, maßgeblich begleitet und unterstützt durch Oberärztin Dr. med. Christine Klapp.

Vor allem der Platzmangel in der Klinik hatte den Wunsch nach einem Abschiedsraum entstehen lassen. Zuvor wurden Eltern zum
Abschiednehmen in einen leeren Kreißsaal oder den Reanimationsraum geführt. „Es ist uns gelungen, aus einem Es-geht-nicht, weil wir ja überhaupt keine Räume und kein Geld haben, ein Und-es-geht-doch zu machen“, sagt Brust stolz.

Problematisch waren vor allem die Bereitstellung eines Raums und dessen Gestaltung. Die Ausstattung des Abschiedsraums wurde am Ende dank einer Spende möglich. Der Raum der Stille ist aus Dudenhausens Sicht für die Eltern, aber auch für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei der Bewältigung der
beruflichen Anforderungen von gro-
ßer Bedeutung. Denn sie erfahren die Verzweiflung, den enormen Schmerz und die übermächtige Trauer der Betroffenen.

Dr. med. Jan-Peter Siedentopf, Gynäkologe und Geburtshelfer im Virchow-Klinikum, stimmt zu: „Ein totes Baby berührt mich immer wieder, egal, wie viele Kinder bei uns täglich gesund zur Welt kommen.“ Siedentopf findet, dass der Abschiedsraum allen die Möglichkeit gibt, die bedrückende Situation besser zu verarbeiten. Er nutzt den Abschiedsraum auch für Nachbesprechungen.

In der Ungestörtheit des kleinen Zimmers kann er besser auf die individuellen Probleme seiner Patientinnen eingehen. „Die weitere Betreuung einer Patientin, die ausreichend Zeit zur Verabschiedung und damit zur Verarbeitung hatte, gegebenenfalls Schuldgefühle ansprechen konnte und den medizinischen Hintergrund verstanden hat, ist einfacher. Auch der Schmerzmittelbedarf scheint geringer zu sein“, meint der Arzt.

Der Abschiedsraum befindet sich im Bereich der Aufnahme, zwar in angemessener Distanz, aber dennoch in der Nähe vom Kreißsaal. Eine bewusste Entscheidung oder ein Versehen? „Uns es war wichtig, dass dieser Raum geschützt ist – nicht unmittelbar dort, wo geboren wird, aber eben doch mitten im Leben“, erklärt Klapp. Die Oberärztin betont, dass die verwaisten Eltern dazugehören: Sie werden nicht ins stille Kämmerlein abgeschoben und ausgegrenzt. Hebammen und auch Klapp als psychosomatisch geschulte und unterstützende Ärztin sind bei Bedarf sofort erreichbar, müssen jedoch nicht die ganze Zeit im Abschiedsraum dabei sein. Das wollten und brauchten die Eltern gar nicht, sagt Klapp.

Die Verabschiedung kann an
diesem Ort zudem ohne Zeitbegrenzung organisiert werden. Das kommt den Eltern zugute. Denn oft entscheiden sich betroffene Frauen spontan, ihr totes Kind sehen zu wollen. Manchmal hat eine Mutter schon Abschied genommen, möchte das Kind dann aber noch einmal in den Arm nehmen. Das ist nun einfacher als zuvor möglich.

Siedentopf sieht im Abschiedsraum ein Signal an die Familien mit unglücklichem Schwangerschaftsausgang, ein Signal dafür, dass ihre Trauer ernst genommen wird. Sie bekommen die gleiche Aufmerksamkeit wie Familien nach der Geburt eines lebenden Kindes. „Natürlich“, betont Siedentopf, „sehen verwaiste Eltern im Krankenhaus unweigerlich glückliche Eltern und hören Kindergeschrei.“ Das müsse aber nicht unbedingt von Nachteil sein, „denn spätestens mit Verlassen des Krankenhauses holt das Leben die verwaisten Eltern ein“.

Die Gestaltung des Raums hat eine ungewöhnliche Vorgeschichte. Dafür besuchten Klapp und Brust Schülerinnen und Schüler der Berufsfachschule für Design vom Lette-Verein Berlin. Die stellvertretende Schulleiterin, Julia von Randow, hatte das Thema „Sterben und Tod im Kreißsaal“ als Schwerpunkt im Unterrichtsfach „Form und Farbe“ angesetzt.

Von Randow war es auch, die einen Wettbewerb zur Gestaltung des Klinikraums anregte. Also schilderten die beiden Expertinnen den Anfang 20-Jährigen ihre Arbeit in der Klinik, sprachen über verwaiste Eltern und zeigten Fotos verstorbener Kinder. Was sie benötigten, war klar: Ideen, um eine Abstellkammer für medizinische Geräte, klein und fensterlos, umzugestalten in einen würdevollen Ort der Trauer.

Gewonnen hat der Entwurf der Arbeitsgruppe „Papaya“, zu der Flora Karger gehörte. Ohne diesen Wettbewerb, versichert Karger, hätten sie sich nie mit Früh- oder Totgeburt und Abschiedsritualen beschäftigt. Doch so begannen ihre Mitschülerinnen und sie, Müttern und Verwandten Fragen zu stellen: Wie es ist, wenn man erfährt, dass das Kind nicht leben wird? Oder schon im Mutterleib verstorben ist?

Ein Zwischenraum, der Eltern Halt geben kann

Die Schülerinnen richteten den Abschiedsraum im Sommer 2009 her. Seitdem haben mehr als 35 Frauen, Paare oder Familien dort von ihrem Kind Abschied genommen. Oberärztin Klapp erzählt: „Fast alle Eltern haben den Wunsch, würdig von ihrem toten Kind Abschied zu nehmen. Paare, die im Abschiedsraum ihr Kind gesehen, gekleidet und verabschiedet haben, sagen, dass sie diesen Ort als eine Art Zwischenraum empfanden.“ Ein Raum, der ihnen einen angenehmen, nicht bedrückenden Rahmen gegeben habe. Und das Wissen, dass hier schon andere Eltern mit ähnlichem Schmerz waren und sein würden.

Im Aufnahmebereich der Geburtsklinik wird es unruhig. Vermutlich kommt gerade eine Gebärende in die Klinik. Sacht schließt die Hebamme Cornelia Brust die Tür mit dem roten Schild und sagt: „Dieser winzige Raum ist ein Ort der Wertschätzung und der Berührung geworden, für den wir alle sehr dankbar sind.“

Ulrike Hempel

Raum für den Schmerz

Heute werde verwaisten Eltern mehr Raum für Schmerz und Trauer gelassen, sagt Ellen Grünberg. Sie arbeitet unter anderem als Beratende Hebamme für den Deutschen Hebammenverband.

Etwa seit den 80er Jahren entwickelte sich nach ihrer Beobachtung eine Trauerkultur, auch für die früh verstorbenen Kinder. Grünberg meint, auch bei Spätabbrüchen und Totgeburten finde ein Umdenken statt. Die Hebamme, spezialisiert auf die Begleitung von Eltern nach Pränataldiagnostik und Spätabbrüchen, sagt: „Vor 20 Jahren wurde noch gelehrt, dass es besser ist, wenn das tote Kind der Frau sofort weggenommen wird. Heute gibt es fast überall die Möglichkeit, Abschied zu nehmen.“

Woran es noch mangelt bei der Begleitung von Fehl- und Totgeburten und was für alle in der Geburtshilfe wünschenswert wäre, im Interview: www.aerzteblatt.de/pp/10266

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