ArchivDeutsches Ärzteblatt PP6/2010Die Mystik der Physik: Annäherung an das ganz andere

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Die Mystik der Physik: Annäherung an das ganz andere

PP 9, Ausgabe Juni 2010, Seite 277

Hoffmann, Horst A.

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Es sind wohl die Phänomene unserer Zeit, die sich mit Entfremdung und neuer Sinnsuche
umschreiben lassen, die bei dem Buchtitel „Die Mystik der Physik. Annäherung an das ganz andere“ aufhorchen lassen. Der Autor, Johannes Hans A. Nikel, ist kein Unbekannter: Er war Begründer und Herausgeber der satirischen Zeitschrift „Pardon“, die in den 1960er und 70er Jahren zum Kultblatt der jungen deutschen Intelligenz wurde.

Aber neben dieser exponierten politischen und zeitkritischen Tätigkeit gab es für diesen schwer einzuordnenden Kopf auch eine stillere, verinnerlichte Welt. Er studierte Philosophie und Soziologie bei Horkheimer und Adorno und war Assistent an deren Institut für Sozialforschung. Jahre später wurde er 1983 mit einer Arbeit über Meister Eckhart und mittelalterliche Mystik promoviert.

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Nachweislich in Sackgassen

Diese auf den ersten Blick weit gespannte Distanz verschiedener Interessen ist nur eine scheinbare. Ihm ging es schon damals um die große Einheit in allem Existierenden und in uns selbst. „Wir sind mehr, als wir wissen.“ Es galt, die neuen, erstaunlichen Übereinstimmungen mittelalterlicher Erkenntnismodelle mit Forschungsergebnissen der Gegenwart, etwa in der Quantenphysik und der Relativitätstheorie, aufzuzeigen und dort neue Einsichten zu suchen, wo heute tradierte Denkmodelle nachweislich in Sackgassen gelangt sind. Im Bereich der Wissenschaft, hier insbesondere der Physik, war das erkenntnistheoretische Dilemma schon seit Nils Bor, Max Planck und Albert Einstein offenkundig geworden.

Hier war menschliches Erkennen der Phänomene in Bereiche gelangt, in denen jede Kausalität und Logik, die bisher als unumstößliche Voraussetzungen für wissenschaftliches Arbeiten galten, überschritten wurden. Durch Positivismus und Pragmatismus, durch den alle Bereiche durchdringenden Machbarkeitswahn sehen wir die äußere Welt als messbar und unbegrenzt manipulierbar und legen auch an den Menschen selbst Maßstäbe eines Produktionsfaktors an.

Die Forderung nach einer neuen, ganzheitlichen Sicht gilt auch und besonders für das „Phänomen Mensch“, dieses Universum von neuropsychoendokrinologischen Regelkreisen, die Vielfalt seiner sensomotorischen Reaktionsmuster, seiner bewussten und unbewussten Welten. Der in der wissenschaftlichen medizinischen Forschung und der klinischen Evaluierung der Ergebnisse immer noch gültige Königsweg des randomisierten Doppelblindversuchs, das immer noch gültige „biomedizinische Modell“ mit seiner linearen, reduktiven Arbeitsweise kann aber diese komplexen Phänomene in ihren Wechselwirkungen immer weniger erfassen.

Der immense Erkenntniszuwachs in Teilbereichen, sichtbar an der zunehmenden Spezialisierung ärztlicher Praxis, muss – für den Patienten erfahrbar – wieder zu einer Einheit zusammengefügt werden. Anders verfehlt ärztliches Wirken seine wesentlichste Aufgabe, wenn es sich im Sinne von Helfen und Heilen verstehen will. Daraus resultiert die anspruchsvolle Forderung, dass der Mensch, der Patient, trotz der Fülle der Detailkenntnisse, immer noch als ein harmonisches, unteilbares Ganzes begriffen wird und dass dies für den Patienten selbst erfahrbar wird. Denn der von einer hochspezialisierten Medizin in seine Teilfunktionen zerlegte Patient fühlt sich auf eine früher nie gekannte Weise alleingelassen.

Eine Begleiterscheinung solch einschränkender Denk- und Arbeitsmodelle ist die immer noch große Distanz zwischen Körper und Geist, zwischen Soma und Psyche, die unsere mittlerweile weiterreichenden Kenntnisse von psychosomatischen Zusammenhängen nur ungenügend abbildet. Demzufolge muss eine Herangehensweise, die nach einem eventuellen Sinn einer Krankheit in der speziellen biografischen Phase des Patienten oder gar die Krankheit als Chance sehen möchte, als abwegig gelten. So ist Krankheit in dieser verengten Sicht eine Funktionsstörung, ein Feind, der besiegt werden muss. Aber jeder, der lange kranke Menschen begleitet hat, weiß, dass das nicht die ganze Wahrheit ist.

Von innen heraus handeln

Folgerichtig wird so auch der Tod in unserer Gesellschaft und in der Heilkunde als ein Versagen, nur als ein Zusammenbruch aller Körperfunktionen gesehen, etwa auch als ein Misserfolg der Medizin, ein handwerklicher Misserfolg beim Anwenden des Machbaren. Diese Sichtweise spart jegliche Spiritualität dieses zum Leben gehörenden Phänomens aus.

Was für den Menschen als kleines Universum gilt, hat auch Gültigkeit für das große, alles umfassende, dem wir als Individuum zutiefst angehören. Die Bereitschaft zu einer neuen, erweiterten Sichtweise wächst, sie ist notwendig. Wir leben allenthalben in einer „Wendezeit“ (Fritjof Capra). Und bei Meister Eckhart heißt es: „Von innen heraus handeln, aber handeln!“

Dr. med. Horst A. Hoffmann
Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin, Psychotherapie, Kiel

Johannes Hans A. Nikel: Die Mystik der Physik. Annäherung an das ganz andere. Ludwig, Kiel 2010, 200 Seiten, Broschur, 18,90 Euro

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