ArchivDeutsches Ärzteblatt PP6/2010Psychotherapie mit pferden: Ein Weg zur ganzheitlichen Therapie

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Psychotherapie mit pferden: Ein Weg zur ganzheitlichen Therapie

PP 9, Ausgabe Juni 2010, Seite 262

Schaper, Christiane

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Pferde in die psychotherapeutische Arbeit einzubeziehen, beruht auf einer jungen Theorie und geschieht noch selten. Doch gerade bei Patienten mit Störungen des Körperempfindens können sie helfen und die Therapie unterstützen.

Foto: Fotolia
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Forschung über den Einsatz von Pferden in der Psychotherapie und Psychiatrie gibt es seit den Achtzigerjahren. Doch während heilpädagogisches Reiten mittlerweile eine weltweit anerkannte Methode ist, deren Wirkung durch zahlreiche Studien untermauert wurde, sind Pferde in der Psychotherapie noch selten. In Brandenburg besteht seit 2009 eine von der Psychotherapeutenkammer anerkannte Fortbildungsmöglichkeit, deren theoretisches Konzept analytisch orientiert ist. Die praktische Arbeit erfolgt methodenintegrativ. Neben tiefenpsychologischen Betrachtungsweisen umfasst sie auch Übungen aus der humanistischen Psychologie und der Körperpsychotherapie. Empirische Forschungsergebnisse zur Psychotherapie mit Pferden weisen darauf hin, dass sie eine tiefgreifende und offenkundig nachhaltige Wirkung erzielt.

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Die Begegnung mit dem Pferd ermöglicht fundamentale Selbst- und Beziehungserfahrungen. Menschliche – oft verletzte und abgewehrte – Grundbedürfnisse werden wachgerufen. So ist der Wunsch nach Nähe und Verbundenheit durch das Berühren des warmen Pferdekörpers wieder spürbar. Die Fähigkeit zu fühlen, sich anzulehnen, wird gefördert, und oft entsteht auf rein sinnlicher, vorsprachlicher Ebene Raum für eine Affektabstimmung, wie sie in der ganz frühen Mutter-Kind-Beziehung erlebt wird. Die entwicklungspsychologisch bedeutsame Erfahrung des Getragenwerdens ist gerade in der heutigen Zeit, in der viele Menschen unter hohem Leistungsdruck stehen, heilsam.

Ein Pferd reagiert ohne Wertung auf den Patienten

Neben der Wahrnehmung und Integration von oft unbewussten, regressiven Wünschen führt der Kontakt zu einem Pferd den Menschen in sein Gleichgewicht. Er fördert schon rein körperlich Aufrichtung und Balance und damit innere Vor- aussetzungen, um auch aggressiven Bedürfnissen adäquat Ausdruck verleihen zu können: Klare Willensäußerungen, wie Richtungsanweisungen oder räumliche Grenzsetzungen, auf die das Pferd unmittelbar, doch stets ohne Wertung reagiert. Pferde sind Flucht- und Herdentiere. Als Fluchttiere verfügen sie über eine hochdifferenzierte Wahrnehmung und registrieren kleinste Körpersignale, Stimmungsschwankungen, Änderungen im sozialen Gefüge. Als Herdentiere fragen sie sich: Ist mein Gegenüber so präsent wie eine Leitstute? Erst dann sind Pferde bereit, zu folgen.

Die Arbeit mit einem Pferd bedeutet das Wiedererleben der eigenen Körpergrenzen und das Wiederentdecken oft verschütteter Ressourcen. Innere Sicherheit und Selbstvertrauen werden erhöht. Dies zeigen auch zwei typische Fallbeispiele:

  • Eine Patientin hält sich selbst für eine gute Lehrerin. Dennoch gibt es seit einiger Zeit Beschwerden von Kollegen. Angeblich gingen die Kinder über Tische und Bänke. Nachdem die Patientin die Koppel betreten hat, zupft sie ganz unerwartet Leckerli aus ihrer Hosentasche und hält sie dem Pferd hin. Das geht schnurstracks auf sie zu, kommt näher und näher – bis seine Nüstern den Hals der Patientin berühren. Sie zieht den Kopf ein, dreht sich um, macht richtungslose Schritte. Das Pferd klebt an ihren Fersen, es schubst sie unwirsch vorwärts. Doch die Patientin strahlt: „Pferde und Kinder mögen mich nun mal.“ Erst beim Anschauen der Videoaufnahmen erkennt die Patientin das Geschehen. Sie ist sehr betroffen. Binnen Minuten ist ihr Selbstbild durch die klaren Reaktionen des Pferdes aus den Fugen geraten. Im weiteren therapeutischen Prozess wird ihr zunehmend bewusst, warum es in ihrem Leben zu bedrohlich gewesen ist, die aggressiv-expansiven Impulse auszudrücken. Sie lernt, sich Raum zu nehmen und anderen Grenzen zu setzen.
  • Ein beruflich sehr erfolgreicher Patient, der von seiner Klarheit und Entschlossenheit fest überzeugt ist, leidet seit der Trennung von seiner Frau an beängstigend intermittierenden Herzschmerzen. Kaum hat er die Koppel forsch betreten, setzt sich die sehr sensible Stute Gina nervös in Bewegung. Sie wird immer schneller. Schließlich galoppiert sie aufgeregt um ihn herum. Der Patient ist irritiert, kann dieses Verhalten zunächst nicht mit sich selbst in Verbindung bringen. Dann atmet er aus, senkt die Schultern und geht langsam in die Hocke. Gina beruhigt sich, bleibt schließlich stehen und wendet sich dem Patienten zu. Dieser richtet sich langsam auf, nähert sich der Stute, berührt zärtlich ihren Hals. Tränen laufen ihm übers Gesicht. Diese weiche Seite seiner Persönlichkeit hat der Patient seit seiner Kindheit nicht mehr gespürt. Seinem Herzen ist es danach bald bessergegangen.

Als besonders wirksam hat sich die Psychotherapie mit dem Pferd bei psychosomatischen und allen psychischen Erkrankungen erwiesen, die mit Störungen des Körperempfindens und der Körperwahrnehmung einhergehen. Patienten mit Ängsten und depressiven Störungen und den entsprechenden Problemen in der Beziehungsgestaltung profitieren von einer solchen Therapie und – bei strenger Indikationsprüfung – auch Patienten mit Persönlichkeitsstörungen.

In jedem Fall sollte sich das therapeutische Vorgehen an der Ich-Struktur des Patienten orientieren. Ist die Ausbildung eines stabilen Ichs während der Kindheitsentwicklung nicht hinreichend geglückt, geht es darum, dieses zu stärken. Steht im psychotherapeutischen Prozess nicht die Ich-Schwäche im Vordergrund, sondern Verhärtung oder Verdrängung von Gefühlen, bietet sich ein regressionsförderndes Setting an, denn das Pferd löst eine enorme Potenzierung libidinöser Kräfte aus und aktiviert den oft unterbrochenen Ich-Es-Kontakt.

Das Pferd erweitert die Patient-Therapeut-Beziehung

Die therapeutische Beziehung ist Stätte der Bewusstwerdung und Veränderung, und diese Beziehung ist üblicherweise dual. Durch den dritten Partner Pferd wird die Zweierbeziehung selbstverständlich modifiziert. Für den therapeutischen Prozess ist diese Erweiterung von zentraler Bedeutung. Schon Freud zieht symbolische Parallelen zwischen den innerpsychischen Instanzen Ich, Es, Über-Ich und dem Bild Reiter, Pferd, Reitlehrer.

Pferde in der Psychotherapie eröffnen Perspektiven und weisen einen Weg zu ganzheitlichem psychotherapeutischem Arbeiten: Körper, Seele und Geist werden in spannender Selbsterfahrung gleichzeitig belebt und bereichert.

Christiane Schaper

Christiane Schaper, Psychologische Psychotherapeutin, Mommsenstraße 3, 10629 Berlin, Telefon: 030 8833462, E-Mail: seminare@christiane-
schaper.de, www.christiane-schaper.de

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