ArchivDeutsches Ärzteblatt38/1997Umweltmedizin: Stiefkind an den Universitäten

POLITIK: Medizinreport

Umweltmedizin: Stiefkind an den Universitäten

Strubelt, Otfried

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LNSLNS Die Ärztekammern haben sich dem Thema Umweltmedizin in den letzten Jahren mit Engagement angenommen: In den von ihnen veranstalteten Weiterbildungskursen erwarben bisher über 1 000 Ärztinnen und Ärzte die Zusatzbezeichnung "Umweltmedizin". Dieser Aufgabe haben sich die deutschen medizinischen Fakultäten jedoch bisher verschlossen. Zwar wurden an einigen Orten umweltmedizinische Beratungsstellen und Ambulanzen eingerichtet, andererseits jedoch die Forschung auf umweltmedizinischem Gebiet nicht intensiviert, sondern sogar vernachlässigt.
So sind in den letzten Jahren an mehreren Universitäten die bestehenden umwelthygienischen Institute nach Pensionierung der Lehrstuhlinhaber aufgelöst worden - zum Beispiel in Marburg, Mainz und Lübeck; ebenso erging und ergeht es den an wenigen Orten bestehenden Lehrstühlen für Toxikologie (zum Beispiel Marburg, Erlangen und Lübeck). Hierbei handelte es sich nicht um Einsparmaßnahmen, sondern um eine Okkupation von Ressourcen durch andere akademische Fächer. Mit Recht klagt das Bundesumweltministerium (Umwelt Nr. 7-8, 1997) darüber, daß "wissenschaftliche fundierte Kriterien für die umweltmedizinische Diagnostik und Therapie, adäquate Fort- und Weiterbildung sowie verläßliche und einfach verfügbare Informationsquellen für den umweltmedizinisch tätigen Arzt weitgehend fehlen" und die wissenschaftliche Weiterentwicklung unterstützt werden müsse, "damit die Umweltmedizin auf der Basis gesicherter und allgemein verfügbarer Erkenntnisse und Methoden arbeiten kann, gleichzeitig aber auch unnötige und nutzlose diagnostische und therapeutische Verfahren vermieden werden". Bedauerlicherweise geht die Entwicklung im universitären Bereich aber in eine andere Richtung, und deshalb wird Umweltmedizin auch zukünftig in Deutschland ohne wissenschaftlich fundierte Grundlagen stattfinden.


Prof. Dr. med. Otfried Strubelt
Institut für Toxikologie der Medizinischen Universität zu Lübeck
Heinrich-Mann-Ring 45
23566 Lübeck

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