ArchivDeutsches Ärzteblatt24/2010Von schräg unten: Kleiderordnung

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Kleiderordnung

Dtsch Arztebl 2010; 107(24): [136]

Böhmeke, Thomas

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Heute packe ich meinen Koffer, aber nicht um der Krankenversorgung den Rücken zu drehen, sondern um mich fortzubilden. Brandneues aus Wissenschaft und Forschung aufzusaugen, meine medizinische Festplatte zu renovieren, ehrfürchtig den aktuellsten Meldungen zu lauschen. Dem würdigem Anlass entsprechend muss natürlich auch das Outfit stimmen. Die alte Jeans darf mit, genauso wie das mich schon seit Jahren treu umhüllende, an den Manschetten abgeschabte Hemd. Falls es kalt wird, nehme ich meinen fusseligen Mantel mit, auch meinen zotteligen Pullover. Noch die abgewetzten Schuhe und: fertig! Meine bessere Hälfte, immer besorgt um meine Außenwirkung, grätscht mir in meine Altkleidersammlung. „So kannst du nicht herumlaufen, du bist doch ein erfolgreicher Arzt. Früher hast du dich noch ordentlich angezogen!“ Das mag sein. Aber ich muss mich den Realitäten anpassen.

Früher waren die Kongresse völlig anders, früher hatten wir Visionen, befeuert durch den Geist der Innovation. Neue Medikamente wurden mit unterschriebenen Rezeptblöcken begrüßt, moderne Behandlungen mit zahllosen Überweisungen gefeiert. Ganze Wochen verbrachten wir auf Kongressen, in feines Tuch gekleidet, und lauschten, beseelt vom Geiste des Fortschritts, den allwissenden Vortragenden. Außerhalb der Kongresssäle warteten charmante Damen von Pharmafirmen und der Medizinprodukteindustrie auf einen angenehmen Plausch. Aber dann kam die Budgetierung und Reglementierung. Aus Optimierung wurde Kastrierung, aus Innovation wurde Frustration. Jedes neue Präparat wird heute von uns nicht auf Wirksamkeit geprüft, sondern auch die Verordnungsfähigkeit anhand der Tagestherapiekosten. Jedes neue Verfahren unterzieht sich zuerst einer Kosten-Nutzen-Analyse, bevor auch nur eine einzelne Überweisung ausgestellt wird. 1-Kanal-EKG statt Kardio-MRT, HCT statt Renin-Inhibitoren. Daher ist es mehr als korrekt, dem Fortschritt der Medizin nicht im glanzvollen Gewand zu begegnen, sondern so wie er hier und heute nur noch zu realisieren ist: in abgetragenen Klamotten. Unwirsch meint meine Frau: „Das glaube ich dir nicht, das ist wieder nur eine krankhafte Fantasie von dir!“

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Am nächsten Morgen bin ich im Kongresssaal. Ich fühle mich ausgesprochen wohl unter meinesgleichen. Die Mehrzahl der Kolleginnen und Kollegen trägt alte Jeans.

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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