ArchivDeutsches Ärzteblatt24/2010Finnisches Gesundheitssystem: Durchorganisiert, effizient, gut?

POLITIK

Finnisches Gesundheitssystem: Durchorganisiert, effizient, gut?

Dtsch Arztebl 2010; 107(24): A-1196 / B-1051 / C-1039

Schmitt-Sausen, Nora

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Die Finnen gelten im Gesundheitswesen als Vorreiter. Was in anderen EU-Staaten noch diskutiert wird, wird hier praktiziert. Viel Kompetenz für Krankenschwestern gehört genauso zum Alltag wie das Priorisieren von Behandlungen. Ein Besuch in Helsinki

Es herrscht eine Atmosphäre irgendwo zwischen Einwohnermeldeamt und Krankenhaus: farbloser PVC-Boden, überwiegend kahle Wände, einfache Holzstühle für die Wartenden. Zur Raucherentwöhnung geht es den Gang entlang rechts, zur Impfstation den Gang entlang links, die Schwangerschaftsbetreuung ist ein Stockwerk höher. In Gesundheitsstationen wie dem Kallio-Gesundheitszentrum in Helsinki dominiert die Orientierung am Zweck, und der heißt: medizinische Grundversorgung der Bevölkerung unter einem Dach. Viel Geschnörkel gibt es nicht. Keine Aquarien, keine Zeitungsständer, keine Wasserspender für Durstige. An der Blutdruckmessstation im Eingangsbereich agiert der Patient gar in Eigenregie: Jeder, der ins Zentrum kommt, misst dort erst einmal seinen Blutdruck selbst. „Dazu braucht man doch keine Krankenschwester“, sagt die leitende Oberschwester Tuula Kauppinen, „geschweige denn einen Arzt.“ Und ergänzt: „Das kann doch nun wirklich jeder selbst.“

Das finnische Gesundheitswesen liegt nahezu ausschließlich in staatlicher Hand, die Gesundheitsdienste für die Bevölkerung werden aus Steuergeldern finanziert. Dabei gilt: Die Gemeinde, in der ein Mensch lebt, ist verantwortlich für alle Fragen, die Gesundheit und Soziales betreffen. Dazu ist Finnland organisatorisch in fünf Gesundheitsdistrikte mit insgesamt 340 Gemeinden unterteilt, der Großraum Helsinki ist einer dieser fünf Distrikte.

Anzeige

Tragende Säulen des Systems sind die Gesundheitszentren. Dort bieten die staatlichen Dienste die medizinische Basisversorgung, Mutter-Kind-Betreuung, Vorsorgeuntersuchungen und die Betreuung von Schülern und Studierenden an. An die Zentren angebunden sind zudem Fachärzte für Psychiatrie, Innere Medizin, Geriatrie, Neurologie und Physiatrie. 26 dieser Zentren gibt es in der finnischen Hauptstadt, 577 000 Einwohner werden auf diese Weise medizinisch versorgt. Niedergelassene Ärzte gibt es im staatlichen Sektor nicht.

Das System bringt es mit sich, dass Begriffe wie eine freie Arztwahl für Finnen Fremdworte sind. „Die Bewohner müssen sich bei Beschwerden an das Gesundheitszentrum wenden, das ihrer Wohnadresse zugeordnet ist“, erklärt Riitta Simoila, Entwicklungsleiterin des Kallio-Gesundheitszentrums. Dort erwarten sie zugewiesene Ärzte und zugewiesene Schwestern. Ob ihnen das gefällt oder nicht.

Von 50 Patienten sehen nur 20 einen Arzt

Die Abläufe sind straff durchorganisiert: Von der Empfangshalle werden die Patienten in die entsprechenden Abteilungen des Zentrums delegiert – je nach Behandlungsbedarf. Da die meisten von ihnen nach vorheriger Terminabsprache kommen, entfallen lange Wartezeiten. Die Flure im Kallio-Gesundheitszentrum sind fast leer. Typisch auch: Der Patientenkontakt läuft in vielen Fällen ausschließlich über die Krankenschwestern. Von 50 Patienten sähen 30 lediglich eine Krankenschwester, aber keinen Arzt, sagt Oberschwester Kauppinen. Die Zahlen belegen das: Im Gesundheitssektor der Stadt Helsinki stehen knapp 520 Ärzte 5 400 Krankenschwestern gegenüber. Die Schwestern sind es auch, die entscheiden, ob ein Patient überhaupt einen Arzt zu Gesicht bekommt. Derzeit wird sogar diskutiert, ob Krankenschwestern künftig Rezepte ausstellen dürfen.

Nicht nur beim Wo und Wer haben die Finnen kein Mitspracherecht. Auch die Entscheidung über den Zeitpunkt einer Untersuchung liegt nicht in Patientenhand. Die Abwägung, ob eine Behandlung akut nötig ist oder ob sie aufgeschoben werden kann, trifft das Personal im Gesundheitszentrum. Nur wer ernsthaft krank ist, bekommt einen unmittelbaren Zugang zur Behandlung. Wer nicht vermitteln kann, dass er unter akuten Beschwerden leidet, wird bereits am Telefon abgewiesen.

Schon in der Gesundheitserziehung dominiert kühler Pragmatismus: „Wir versuchen, den Leuten klarzumachen, dass sie selbst auf sich achten müssen“, erläutert Kauppinen. Und: Es werde den Finnen deutlich gemacht, dass sie nur dann zur Behandlung kommen sollten, wenn es wirklich notwendig sei. Und immer zuerst in die Gesundheitszentren, nicht in die Notaufnahmen der Krankenhäuser. Und nur am Tag. Denn nach Feierabend oder am Wochenende ist der Zugang kaum möglich: In ganz Helsinki gibt es nur zwei Gesundheitsstationen, die 24 Stunden am Tag geöffnet sind.

Dieser eingeschränkte Zugang zur Versorgung hat sich als die Achillesverse des Systems erwiesen. Der Zustand schmerzte die Öffentlichkeit so sehr, dass vor einigen Jahren per Gericht entschieden wurde, dass Akutbehandlungen innerhalb von drei Tagen erfolgen müssen. Bis zu drei Monate dürfen verstreichen, wenn es Symptome zu behandeln gilt, die nicht akut sind. Auf Wartelisten für Operationen dürfen Patienten nicht länger als sechs Monate stehen. Priorisiert wird anhand eines Beschwerdekatalogs, der etwa einen Eingriff an der Prostata als dringlicher einstuft als eine Hüftoperation.

Doch trotz Gesetz gelingt es bis heute nicht immer, die Behandlung fristgerecht umzusetzen. Vor allem im stationären Sektor, der ebenfalls nahezu ausschließlich verstaatlicht ist: In der Region Helsinki warteten im vergangenen Jahr etwa 20 000 Patienten auf Operationen, 1 800 von ihnen länger als sechs Monate. Den Krankenhäusern blühte dafür eine Strafe von drei Millionen Euro. „Mit viel Aufwand haben wir es geschafft, die Strafe zu umgehen“, sagt Riitta Lehtonen, die für die Außendarstellung des Universitätsklinikums in der Hauptstadt verantwortlich ist. Die Angestellten machten Überstunden, Leistungen von Pri-vatärzten wurden hinzugekauft, Patienten in benachbarte Distrikte verlegt. Durch noch mehr Effizienz sollen drohende Strafen künftig verhindert werden, und das, obwohl der Kostendruck schon jetzt den Alltag dominiert. Lehtonen gesteht erstaunlich freimütig: „Wir sprechen mehr über Geld als über Qualität.“ Und wie empfinden das die Patienten? Sie trauten dem System, sagen die Akteure des staatlichen Systems unisono. Sie räumen aber ein, dass es manchmal „schwierig“ sei, zu vermitteln, dass der direkte Zugang zur Versorgung trotz Beschwerden verwehrt bleibe. Draußen auf der Straße klingt das anders. Das System sei „katastrophal“, ist hier und da zu hören. Allerdings auch das: Derjenige, der ernsthaft krank sei, der werde gut versorgt.

Das Prinzip, nur dann Hilfe in Anspruch zu nehmen, wenn es wirklich erforderlich ist, spiegelt sich in den Strukturen eines sehr ausgeprägten Home-Care-System wider. Jeder Patient bleibt so lange zu Hause wie eben möglich – auch im Alter. Mobile Teams, organisiert und koordiniert von den Gesundheitszentren, versorgen Rehapatienten, chronisch kranke und ältere Patienten im eigenen Wohnumfeld. 140 medizinische Teams sind dafür im Einsatz, die wiederum überwiegend aus Krankenschwestern bestehen. Tageseinrichtungen für chronisch Kranke und Senioren gibt es nur wenige. In ganz Helsinki sind es vier.

Finnland gehen die Krankenschwestern aus

Die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts treffen das finnische System besonders hart. Nicht nur altert die Bevölkerung sehr schnell, jeder zweite Finne lebt allein und ist im Krankheitsfall entsprechend auf Hilfe angewiesen. Zudem: In Zeiten leerer Staatskassen ist der Rotstift häufig im Einsatz – und macht auch vor dem Gesundheitssystem nicht Halt. Um Personalressourcen zu verschmelzen und die Versorgungsausgaben zu reduzieren, droht einigen Gesundheitszentren landesweit das Aus. Stationen, die zu nah beieinander liegen, sollen sich zusammenschließen.

Anders als die Deutschen kennen die Finnen das Phänomen des Ärztemangels nicht. Dafür fehlt es an Krankenschwestern. Aktiv hat die finnische Regierung deshalb in den vergangenen Jahren um Personal aus anderen Ländern geworben. Viele Krankenschwestern in Finnland kommen aus Russland, Estland, Somalia, Thailand oder China. Doch: „Unsere Krankenschwestern werden schlecht bezahlt – vor allem gemessen an ihren Aufgaben“, sagt Kauppinen. Zwischen 2 300 und 2 600 Euro liegt der monatliche Durchschnittsverdienst einer voll ausgebildeten Krankenschwester, sogenannte assistens nurses bekommen sogar weniger als 1 900 Euro. Die Folge: Finnland verliert viele Krankenschwestern an andere Staaten wie Großbritannien. Dort wird besser bezahlt.

Anders als die Krankenschwestern zieht es finnische Ärzte nicht ins Ausland. Ihnen bietet das eigene System genügend Anreize. Fast alle Mediziner arbeiten parallel zum staatlichen im privaten Sektor. Dieser hat sich seit etwa zehn Jahren aufgetan. Im öffentlichen System verdient ein Arzt etwa 4 000 Euro – je nach Ausbildung und Anzahl seiner Patienten. Ist er zusätzlich privatärztlich tätig, steigt das Einkommen auf bis zu 10 000 Euro monatlich. Dass die Ärzte eine solch „delikate Doppelrolle“ einnehmen, ist in Finnland weit verbreitet – und wird akzeptiert.

Nora Schmitt-Sausen

Das System in Zahlen

Das finnische Gesundheitswesen gilt als eines der kostengünstigsten der Welt. Lediglich 8,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts fließen nach Angaben der OECD in das System. Zum Vergleich: In Deutschland sind es 10,4 Prozent, in den USA 16 Prozent. 2 840 US-Dollar im Jahr werden in Finnland pro Kopf für Gesundheitsausgaben veranschlagt, 3 588 Dollar sind es in Deutschland, 7 290 Dollar in den USA.

Die Steuern für die Finanzierung des Systems erheben überwiegend die für die Versorgung zuständigen Gemeinden, doch auch der Gesamtstaat steuert Mittel bei. Der Patient ist teilweise mit Eigenleistungen an den Behandlungskosten beteiligt, etwa wenn ein Arzt im Gesundheitszentrum aufgesucht wird (13,70 Euro), bei ambulanter Versorgung im Krankenhaus (27,40 Euro) oder bei stationärer Aufnahme (32,50 Euro pro Tag). Für die Konsultation einer Krankenschwester werden keine Gebühren erhoben, ebenso wenig für die ambulante psychiatrische Betreuung. Unter 18-Jährigen steht die medizinische Versorgung kostenfrei zur Verfügung, sozial Schwachen hilft der Staat. Ab 75 Jahren kann jeder Senior den Home Care Service in Anspruch nehmen – gegen Bezahlung. Die Kosten für die Dienste richten sich nach der Höhe der Rente.

In ganz Finnland gibt es 234 ambulante Versorgungszentren wie das Kallio-Gesundheitszentrum. 5,3 Millionen Einwohner werden auf diese Weise ambulant versorgt. Auf 1 000 Einwohner kommen 3,0 Ärzte und 10,3 Krankenschwestern (Deutschland: 3,5/9,9; USA: 2,4/10,6).

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema