ArchivDeutsches Ärzteblatt24/2010Medizinischer Fakultätentag: Suche nach dem Gleichgewicht

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Medizinischer Fakultätentag: Suche nach dem Gleichgewicht

Dtsch Arztebl 2010; 107(24): A-1186 / B-1042 / C-1030

Richter-Kuhlmann, Eva

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Die medizinischen Fakultäten stehen vor einer Herausforderung: Im Rahmen der nationalen Gesundheitsforschungsinitiative kommt es für sie jetzt darauf an, sich gegenüber den außeruniversitären Einrichtungen zu positionieren.

Nicht nur die sommerlichen Temperaturen sorgten für erhitzte Gemüter beim 71. Ordentlichen Medizinischen Fakultätentag (MFT). Heftig und kontrovers diskutierten Deutschlands Dekane, Prodekane und Studiendekane am 3. und 4. Juni in Hannover die von der Bundesregierung gewünschte Zusammenarbeit der medizinischen Fakultäten mit den außeruniversitären Forschungseinrichtungen. Die Positionen reichten von ehrlicher Kooperationsbereitschaft und der Erwartung von „fruchtbaren Synergien“ bis hin zu gänzlicher Ablehnung und der Befürchtung, es käme zu einem „Ausverkauf“ der Hochschulmedizin.

Foto: Fotolia
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„Die medizinischen Fakultäten sind seit dem Fakultätentag im letzten Jahr in ein unruhiges Fahrwasser geraten“, erklärte Prof. Dr. med. Dieter Bitter-Suermann, Präsident des Medizinischen Fakultätentages. Die Suche nach dem Gleichgewicht zwischen Universitäten und außeruniversitären Forschungseinrichtungen in der nationalen Gesundheitsforschungsinitiative war deshalb das Hauptthema des diesjährigen Treffens. Ziel der Initiative: Ausgehend von deutschen Zentren der Gesundheitsforschung sollen künftig Volkskrankheiten effektiver bekämpft werden. Demenz, Diabetes mellitus, Krebs, Infektionen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen stehen zunächst im Fokus. Ihre Entstehung und ihr Verlauf sollen im Rahmen einer prospektiven „Nationalen Kohorte“ ab 2012 verfolgt werden.

Den Zielen der Initiative stimmt der MFT vorbehaltlos zu. Mit Sorge betrachtet er jedoch die Tatsache, dass sich die beteiligte Helmholtz-Gemeinschaft deutscher Forschungszentren (HGF) nicht wie die Universitäten dem Wettbewerb um öffentliche Fördermittel stellen muss, sondern institutionell durch den Bund gefördert wird.

Kooperation auf Augenhöhe

In der Tat hat die Gesundheitsforschungsinitiative einen völlig anderen Charakter als beispielsweise die Exzellenzinitiative. Ein Wettbewerb zwischen der HGF und den Universitäten ist nicht erforderlich, da als Folge der Föderalismusreform aus dem Jahr 2006 eine Förderung der Universitätsmedizin durch den Bund sowieso nur durch die Partnerschaft mit den Helmholtz-Zentren möglich ist. An Universitäten sind nämlich nur projektbezogene Förderungen erlaubt.

Steht der Kooperation offen gegenüber: MFTPräsident Dieter Bitter-Suermann. Foto: MFT
Steht der Kooperation offen gegenüber: MFTPräsident Dieter Bitter-Suermann. Foto: MFT

„Die HGF befindet sich in einer komfortablen Situation“, räumte auch der Vizepräsident der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), Prof. Dr. Klaus Dicke, ein. Sie benötige keine Zustimmung der Länder und erhalte 90 Prozent der Finanzmittel vom Bund. Eigentlich wären nach Ansicht von Dicke die Universitätskliniken prädestiniert, als Herzstück der Gesundheitsforschungsinitiative zu wirken, „doch aufgrund der Bund-Länder-Kompetenzverteilung hat die außeruniversitäre Forschung einen Vorteil, und die Universitätskliniken werden zu Juniorpartnern.“

Die HRK wolle sich für eine gleichberechtigte Kooperation einsetzen und darauf achten, dass den Universitäten keine Wettbewerbsnachteile entstünden, versprach Dicke. „Die Selbstorganisation der Hochschulmedizin muss durch den Bund gestärkt werden“, sagte er. Dazu bedürfe es zwar keiner gesetzlichen Regelung, aber fairer Verträge zwischen der HGF und den Universitäten. Ferner müssten die Strukturen regelmäßig durch international besetzte Gremien begutachtet werden. Auch eine Schließung nichterfolgreicher Zentren müsse möglich sein. „Zudem werden wir darauf achten, dass die Einbindung von Universitätskliniken in Zentren der Gesundheitsforschung nicht dazu führt, dass die projektbezogene Forschung an den Universitätskliniken verkümmert oder es im Bereich der Grundfinanzierung zu Kürzungen kommt“, versprach der HRK-Vizepräsident.

Auch der Vorsitzende des Verbands der Universitätsklinika in Deutschland (VUD), Prof. Dr. med. Jörg-Rüdiger Siewert, misst der derzeit anstehenden Ausgestaltung der bilateralen Kooperationsverträge höchste Bedeutung zu. Zwar unterstütze der VUD prinzipiell die Initiative zur Bildung von Zentren der Gesundheitsforschung, gleichzeitig befürchte er jedoch, dass die Handlungsfreiheit der Universitätskliniken eingeschränkt werden könnte, erklärte Siewert. „Es besteht die Gefahr, dass die Forschungsschwerpunkte durch die Helmholtz-Gemeinschaft bestimmt werden.“ Allerdings seien die fokussierten Themen ohnehin bereits Leitthemen der Universitätskliniken. Sicher ist sich der VUD-Vorsitzende, dass es mit der Initiative zu einem erheblichen Umbruch in der Wissenschaftslandschaft und zu einer Mehrklassengesellschaft unter den Universitätskliniken kommen wird. „Dieser Kulturwandel wird sich für viele Fakultäten zu einem Problem entwickeln“, prophezeite Siewert.

Mit besonderer Sorge sieht Prof. Dr. med. Josef Pfeilschifter, Dekan der Medizinischen Fakultät Frankfurt am Main, der Zukunft der deutschen Hochschulmedizin entgegen: „Da eine anteilige Mitfinanzierung der Satelliten durch die jeweiligen Bundesländer vom Bun­des­for­schungs­minis­terium gefordert wird, besteht die Gefahr, dass die Gelder für die Universitäten entsprechend gekürzt werden.“ Über das zusätzliche Geld vom Bund zeigte sich Pfeilschifter zwar erfreut, enttäuscht ist er jedoch über die eingeschlagene Richtung. „Es droht der Verlust jeder Flexibilität, die Wissenschaft braucht“, sagte er. „Der Blinde führt den Sehenden in die Zukunft.“

Relativ optimistisch schaut indes Bitter-Suermann der Gesundheitsforschungsinitiative entgegen. „Der MFT wird als Treiber agieren und die entstehenden Konstrukte aufmerksam verfolgen“, versprach der Präsident des MFT und der Medizinischen Hochschule Hannover. Er hob in der kontroversen Diskussion die positiven Seiten der Kooperation hervor: Erstmals entwickelten sich Netzwerke zwischen den einzelnen Universitäten, durch die eine neue Dimension der Zusammenarbeit entstünde. Die ersten beiden „Sündenfälle“, wie er die Verträge zu den Forschungsbereichen Demenz und Diabetes mellitus nannte, müssten nachgearbeitet werden. Positiv bewertet er jedoch die entstehenden Verträge zu den Forschungsbereichen Krebs, Infektionen und Herz/Kreislauf. „Hier sind wir auf einem guten Weg.“

Eckpfeiler: Nationale Kohorte

„Wir wollen keine Dominanz einzelner Akteure, sondern eine gleichberechtigte Zusammenarbeit unter Nutzung der jeweiligen Stärken“, erklärte Brigitte Klempt, Ministerialdirigentin im Wissenschaftsministerium Rheinland-Pfalz. So könnten erhebliche Synergien ausgelöst und die Universitäten als Organisationszentren der Wissenschaft genutzt werden. „In Zukunft wird die Wettbewerbsfähigkeit in der Gesundheitsforschung noch mehr davon abhängen, ob die Prozesse standortübergreifend und als strategische Gesamtleistung in Deutschland angegangen werden“, betonte sie.

Ein wichtiger Eckpfeiler innerhalb der Nationalen Gesundheitsforschungsinitiative wird die prospektive „Nationale Kohorte“ sein. Über einen Zeitraum von zehn bis 20 Jahren sollen etwa 200 000 gesunde Bürger befragt und die Entstehung und der Verlauf von chronischen Erkrankungen verfolgt werden. Ziel ist es, Krankheitsbilder frühzeitiger zu erkennen und effektiver zu therapieren. Prof. Dr. med. Wolfgang Hoffmann, Epidemiologe an der Universität Greifswald, verwies dabei auf das Know-how der Universitäten bei der Durchführung von bevölkerungsbezogenen Kohorten. Die universitären Kohorten seien letztlich die Voraussetzung für die große nationale Kohorte. „Die Zusammenarbeit auf Augenhöhe mit Helmholtz wird jedoch der zentrale Faktor bei der Kooperation sein“, sagte er. Diese müsse vor allem von wissenschaftlicher Freiheit geprägt sein.

Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

Resolution: Kinder und karriere

Nachdrücklich setzte sich beim 71. MFT in Hannover Dr. med. Ursula von der Leyen, Bundesministerin für Arbeit und Soziales, für verbesserte Arbeitsbedingungen für Ärztinnen und Ärzte mit Kindern ein. Kinder seien ein Grund zur Freude und nicht für Vorwürfe, rief sie den Dekanen und Prodekanen der medizinischen Fakultäten zu und forderte ein Umdenken an den Universitäten.

Der Medizinische Fakultätentag reagierte auf ihren Aufruf und verabschiedete eine Resolution. Darin empfiehlt er, die strukturellen Rahmenbedingungen in Studium und Weiterbildung so zu verbessern, dass eine Familiengründung und eine berufliche Karriereentwicklung vereinbar sind. Reformbedarf bestehe bei den Mutterschutzbestimmungen sowohl im Bundesgesetz wie in den Landesgesetzen, erklärt der MFT. Ferner regt das Gremium an, dass studierende Eltern oder Schwangere das Pflegepraktikum und Famulaturen auch in der Vorlesungszeit absolvieren können, um Rückstände zu minimieren. Die möglichen maximalen Fehltage im praktischen Jahr sollten für Studierende mit Kind und Schwangere um die im Sozialgesetzbuch (SGB V, § 45) definierten Krankheitstage von Kindern erweitert werden. Forschungsförderer und Universitätsklinika fordert der MFT ferner auf, für Familien in Elternzeit spezifische Karrieremodelle zu etablieren. ER

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