ArchivDeutsches Ärzteblatt24/2010Börsebius: Spiel mir das Lied vom Tod

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Börsebius: Spiel mir das Lied vom Tod

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Das Geschäft mit dem Tod haben schon seit geraumer Zeit etliche Banken auf ihren Angebotszettel geschrieben, und ich selbst habe vor einigen Jahren an dieser Stelle gegen die Amoralität solcher Produkte gewettert. Genutzt hat es gleichwohl nichts, wie denn auch, zu attraktiv dünkten die zu schneidenden Gebühren für die Anbieter und zu lohnend die sicheren Renditen für die Anleger. So haben bis heute etwa eine Fünftelmillion Bundesbürger in gebrauchte Lebensversicherungen investiert.

Blöd nur, wenn die in diesem Spiel eigentlich wirklich wichtigen Hauptakteure später aus dem Leben scheiden als die Assekuranzmathematik ihnen vorschreibt, sie also quasi Vertragsbruch begehen, culpa in contrahendo. Solcherart Rechnung ohne den Wirt ist doch sage und schreibe der Deutschen Bank passiert, ausgerechnet einem Institut, das auf weise Voraussicht und strategische Planung ansonsten so viel Wert legt. Die Nummer eins des deutschen Bankgewerbes verkaufte bereits seit dem Jahr 2005 das Produkt „gebrauchte Lebensversicherungen“ von US-Bürgern mit dem unverfänglichen, gleichwohl lebendigen Namen „Kompass Life“ und einem Riesenrechenwerk im Hintergrund. Alles war genau prognostiziert, es wurden sogar eigens Ärzte engagiert, die das vor- aussichtliche Ausscheiden der amerikanischen Versicherten aus dem Leben errechneten – was für ein gruseliges Szenario für ein Geldanlageprodukt.

Das Szenario hätte den Anlegern in zehn Jahren 147 Prozent ihres eingesetzten Kapitals eingebracht. Aber eben nur theoretisch. Die Wette auf den Tod ging ganz und gar nicht auf, offenbar hatten die Fondsmanager den medizinischen Fortschritt nicht so recht berücksichtigt, mit dem schlichten Ergebnis, dass die US-Bürger zu oft später starben als vorgesehen und erst viel später die begehrten Versicherungssummen an Kompass Life gezahlt wurden.

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Der entgangene Gewinn ließ die Anleger auf die Barrikaden steigen, und die Deutsche Bank – wo Rauch, da auch viel Presse, fürchtete sie wohl – machte den Leuten ein Rückkaufangebot. 80 Prozent des Einstandspreises war die Bank bereit zu zahlen, und tatsächlich nahmen bis Ende des letzten Jahres neun von zehn Kompass-Life-Inhabern dieses Angebot an. Weitere 2 000 Investoren haben sich noch nicht entschieden, obwohl die Deutsche Bank sich offenbar heute gründlich schämt, wenn’s denn stimmt, und alles unternimmt, die Angelegenheit einigermaßen geräuschlos zu regeln.

Auch wenn das alles gutgegangen wäre, was – fast bin ich geneigt, Gottlob zu sagen – dann doch nicht funktioniert hat: Geschäfte mit dem Tod sind einfach garstig, grausam, grenzwertig. Solche Produkte gehören verboten. Das Lied vom Tod als Anlegersong zu spielen, ist schlicht menschenverachtend. Wenigstens die Deutsche Bank hat das begriffen.

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