ArchivDeutsches Ärzteblatt24/2010Boris Pasternak: Zwischen den Stühlen

KULTUR

Boris Pasternak: Zwischen den Stühlen

Dtsch Arztebl 2010; 107(24): A-1215 / B-1069 / C-1057

Goddemeier, Christof

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Fotos: Picture-Alliance
Fotos: Picture-Alliance

Vor 50 Jahren starb der Autor des unter anderem auch durch seine Verfilmung weltberühmten Romans „Doktor Schiwago“.

Von Sir Arthur Conan Doyles Doktor Watson bis zu Doktor Pascal in Emile Zolas gleichnamigem Roman sind Ärzte in der Literatur zahlreich vertreten. Doch kaum einer berührt so tief wie der von Boris Pasternak geschaffene „Doktor Schiwago“. David Lean, der das Buch 1965 verfilmte, nannte es ein „verkapptes Gedicht“. Die Geschichte um den Arzt und Dichter Jurij Schiwago macht seinen Autor weltberühmt. Den Roman schreibt Pasternak in einer Art von „innerem“ Exil. Zweimal steht er kurz davor, Russland zu verlassen. Nach der Oktoberrevolution emigrieren seine Eltern und Schwestern. Als nach Erscheinen des Romans Teile der Sowjetpresse seine Ausweisung fordern, bittet Pasternak in einem Brief an Nikita Chruschtschow, ihm ein solches Schicksal zu ersparen.

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Dabei ist Jurij Schiwago – wie Pasternak – kein Gegner der Revolution. Doch er macht sich nicht gemein mit denen, die ihre Ziele mit Gewalt durchsetzen wollen. Damit sitzt er zwischen den Stühlen: „Den gemäßigten Elementen, deren Stumpfsinn Schiwago ärgerlich machte, schien der Doktor gefährlich zu sein; den politisch Engagierten war er nicht rot genug. Er gehörte weder der einen noch der anderen Gruppe an.“

Schiwago ist etwa zur selben Zeit geboren wie sein Autor, der im Jahr 1890 das Licht der Welt erblickte. Die Handlung des Romans erstreckt sich über fast drei Jahrzehnte und endet mit Schiwagos frühem Tod 1929. Ein Epilog führt ins Kriegsjahr 1943. Schiwago wächst bei einer Pflegefamilie auf und studiert trotz großer Neigung zu Kunst und Geschichte Medizin: Doch bereits als Gymnasiast träumt er davon, ein „Buch des Lebens“ zu schreiben. Seine Gedichte sind dem Roman als Anhang beigefügt. Auf dem Hintergrund der Zeitgeschichte Russlands schildert Pasternak das bewegende und leidvolle Leben seines Helden. So verknüpft der Roman konkret Historisches mit dem Schicksal Schiwagos, das sinnbildlich für das Schicksal des russischen Volkes steht.

Schreibt der Dichter Pasternak zunächst vor allem für einen kleinen Kreis, zeigt er sich nach eigenem Bekunden froh darüber, mit „Doktor Schiwago“ ein jedermann zugängliches Werk geschaffen zu haben – „meine größte und wichtigste Arbeit (. . .), die einzige, deren ich mich nicht schäme (. . .)“, heißt es in seiner Autobiografie. Dabei liest das Buch sich nicht leicht. Schiwago setzt sich intensiv mit Kunst und Philosophie ausein- ander und bezieht Position. Und es ist ein trauriges Buch. Doch auch wenn der einzelne scheitert – Trost bietet das Leben selbst mit seiner Fähigkeit zur Selbsterneuerung, das Ideen von gewaltsamer Vervollkommnung eine Absage erteilt.

Etwa zehn Jahre arbeitet Pasternak an seinem einzigen Roman, 1956 ist das Manuskript fertig. Auch drei Jahre nach Stalins Tod darf das Buch in der Sowjetunion nicht erscheinen. Zu deutlich formuliert Schiwago/Pasternak seine Kritik an absurden Verkennungen der Realität und gewalttätigen Auswüchsen der jungen Revolution. Schwerer noch wiegen seine Kritik am Marxismus, den er für unwissenschaftlich hält, und seine sarkastische Ablehnung jeder Form von Propaganda: „Ich kenne keine geistige Bewegung, die mehr auf sich selber bezogen und weiter entfernt von den Tatsachen wäre als der Marxismus.“ 1957 erscheint „Doktor Schiwago“ in Italien, erst unter Michail Gorbatschow wird der Roman in der Sowjetunion veröffentlicht. 1958 erhält Pasternak den Literatur-Nobelpreis. Er lehnt allerdings auf Druck der sowjetischen Machthaber die Annahme ab. Dennoch schließt der Moskauer Schriftstellerverband ihn aus. Von Kindheit an ist Pasternak der westeuropäischen Kultur verbunden, überträgt Goethes „Faust“ und Werke von Kleist, Schiller und Shakespeare ins Russische. Doch er will seine Heimat nicht verlassen. Am 30. Mai 1960 ist Boris Pasternak im Dorf Peredelkino bei Moskau gestorben.

Christof Goddemeier

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