ArchivDeutsches Ärzteblatt24/2010Impfung gegen Rotaviren: Schutz hält mindestens drei Jahre

PHARMA

Impfung gegen Rotaviren: Schutz hält mindestens drei Jahre

Dtsch Arztebl 2010; 107(24): A-1226

Siegmund-Schultze, Nicola

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Die bei Säuglingen und Kleinkindern häufigen Rotavirusinfektionen belasten nicht nur die Familien, sondern auch die Gesundheitsversorgungssysteme erheblich. Schutzimpfungen haben ein sehr günstiges Kosten-Nutzen-Verhältnis.

Rotavirusinfektionen sind die häufigste Ursache für schwer verlaufende Brechdurchfälle mit Dehydrierung im Kindesalter und damit auch für Arztbesuche und Klinikaufenthalte. Rotaviren verursachen allein in den EU-Staaten jährlich rund 3,6 Millionen Erkrankungsfälle bei unter Fünfjährigen, circa eine Million Arztbesuche und etwa 100 000 Kranken­haus­auf­enthalte. Zwar haben bereits vor drei Jahren die Europäische Gesellschaft für Pädiatrische Infektionskrankheiten (ESPID) und die Europäische Gesellschaft für pädiatrische Gastroenterologie, Hepatologie und Ernährung die Empfehlung zur Rotavirusschutzimpfung von Kindern in ihre Leitlinien aufgenommen, in Deutschland allerdings ist die Rotavirusimpfung noch nicht in die Impfempfehlungen integriert.

Rotavirusimpfung erzeugt eine Herdenimmunität

Anzeige

Aktuelle Studiendaten belegen nun, dass ein fast vollständiger Schutz vor schwer verlaufenden rotavirus-bedingten Gastroenteritiden (RVGE) durch die pentavalente Vakzine RotaTec® für mindestens drei Jahre besteht und die RVGE-assoziierte Krankheitslast auch bei Ungeimpften durch Herdenimmunität gesenkt wird. So hat Prof. Dr. med. Timo Vesikari (Tampere, Finnland) bei der Jahrestagung der ESPID im französischen Nizza die Daten der Finnischen Extensionsstudie (FES) zur REST-Study1 vorgestellt. An der REST-Study hatten 28 006 Kinder aus europäischen Ländern teilgenommen, von denen etwa die Hälfte (n = 14 018) den Schluckimpfstoff erhalten hatte, die andere Hälfte Placebo. Das Ergebnis der Intent-to-treat-Analyse der REST-Studie: Die Rate der RVGE-bedingten Hospitalisierungen und Notfallanalysen sank in der ersten und zweiten Saison nach Immunisierung um 92 Prozent, die der RVGE-assoziierten Arztbesuche um 83 Prozent (Vaccine 2010; 28: 345–51).

Die Auswertung der Per-Protokoll-Analyse (drei Immunisierungen im Alter zwischen sechs Wochen und sechs Monaten) ergab eine Effektivität bis zu 96 Prozent. Das Risiko für schwere RVGE wurde in der ersten und zweiten Saison nach Impfung um 98 Prozent vermindert, für jegliche Art von RVGE betrug die Risikoreduktion 68 Prozent. An der FES-Studie haben 21 000 finnische Kinder teilgenommen. Sie wurden nach der dritten Impfung für 3,1 Jahre beobachtet. In der dritten Saison nach abgeschlossenem Impfprogramm wurden fast keine RVGE-verursachten Klinik- und Notfallaufnahmen notwendig (Risikoreduktion um 95 bis 100 Prozent). Die Impfung war nach den Worten von Vesikari gut wirksam gegen die in Europa häufigsten Serotypen, nämlich G1, G2, G3, G4 und G9.

Die Herdenimmunität belege eine Studie an allen New Yorker Akutversorgungskrankenhäusern: Eine hohe Durchimpfungsrate von Kindern bis zum 24. Lebensmonat habe auch die RVGE-assoziierte Hospitalisierungrate bei ungeimpften, älteren Kindern um 60 bis 70 Prozent reduziert (Vaccine 2010; 28: 754–8), berichtete Vesikari.

Dieses Ergebnis bestätigte sich ebenfalls in einer französischen prospektiven Kohortenstudie (IVANHOE2), für die Prof. Dr. med. Arnaud Gagneur (Universität Brest) die Daten aus dem Raum Brest vorstellte. 2008/2009 gab es das Angebot einer Impfung für Kinder unter zwei Jahren, 47,1 Prozent von ihnen erhielten alle drei Impfungen. Bei den Geimpften sank das Risiko für eine RVGE-bedingten Klinikaufenthalt um 98 Prozent, in der gesamten Population der Kinder, also auch der Ungeimpften, halbierte sich die Rate der RVGE-verursachten Klinikaufenthalte im Vergleich zu den Daten aus den Jahren 2002 bis 2008. Dies belege zudem die hohe Kosteneffektivität der Impfung, sagte Gagneur.

Kein erhöhtes Risiko für Intussuszeption des Darms

Die Studien nach der Markteinführung bestätigten die vor der Zulassung festgestellte gute Verträglichkeit: Es bestünde kein erhöhtes Risiko für Intussuszeption des Darms und Kawasaki-Syndrom, sagte Vesikari.

Zeitlich fast parallel zum Kongress hat die Cochrane Library auf Basis einer Metaanalyse die Rotavirusimpfungen als „hocheffektiv“ (Cochrane Database of Systematic Reviews 2010; 5: CD008521) eingestuft. 34 Studien entsprachen den Kriterien der Auswerter, darunter acht, in denen RotaTec getestet wurde. Das Ergebnis mit einem Schutzeffekt von 70 bis 90 Prozent (je nach Vakzine) mache deutlich, wie nützlich die Impfung für die Bekämpfung von Rotavirusinfektionen bei Kleinkindern sei, so das Fazit. Es sei wichtig, dass diese Daten auch die für die öffentliche Gesundheit verantwortlichen Institutionen erreichten.

Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze

1 REST = Rotavirus Efficacy and Safety Trial
2 IVANHOE = Impact of a Vaccination Campaign in Infants on Hospitalisations for Acute Rotavirus Diarhhea in France

Veranstaltung: Value of real-life experience in pediatric vaccine von Sanofi-Pasteur-MSD, beim ESPID in Nizza

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema