ArchivDeutsches Ärzteblatt24/2010Leistungsverlagerung stationär/ambulant: Ringen um die Messmethode

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Leistungsverlagerung stationär/ambulant: Ringen um die Messmethode

Dtsch Arztebl 2010; 107(24): A-1190 / B-1046 / C-1034

Korzilius, Heike

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Am Tropf in der Praxis: Mehr und mehr Chemotherapien werden inzwischen ambulant durchgeführt. Foto: dpa
Am Tropf in der Praxis: Mehr und mehr Chemotherapien werden inzwischen ambulant durchgeführt. Foto: dpa

Von 2011 an sollen Ärzte für Leistungen, die aus dem Krankenhaus in die Arztpraxen verlagert wurden, auch zusätzlich vergütet werden.

Das Geld muss der Leistung folgen“, lautet eine alte Forderung der Vertragsärzte. Denn der medizinische Fortschritt ermöglicht es, immer mehr Therapien, die früher ausschließlich im Krankenhaus erbracht werden konnten, inzwischen auch ambulant durchzuführen. Die Geldströme haben sich dieser Entwicklung jedoch bislang nicht angepasst. Das soll sich von 2011 an ändern.

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Der Grundstein dafür wurde mit der Gesundheitsreform im Jahr 2007 gelegt, die mit dem Prinzip brach, dass die ärztlichen Honorare nur so stark steigen dürfen wie die Grundlohnsumme. Stattdessen soll sich die Höhe der Gesamtvergütung an Faktoren wie der Morbidität der Versicherten oder eben an den Verlagerungseffekten vom stationären in den ambulanten Sektor (und umgekehrt) orientieren. Nehmen diese zu, gibt es auch mehr Geld für die Versorgung. Das ist jedenfalls die Theorie.

In der Praxis müssen sich die Partner der Selbstverwaltung – die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und der Spitzenverband der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) – zunächst einmal auf eine Methode einigen, wie man diese Verlagerungseffekte misst. Bis zum 30. Juni sollen deren Konzepte ebenso wie das des Instituts des Bewertungsausschusses im Bewertungsausschuss vorliegen. Das tragfähigste Konzept soll dann mit den Abrechnungsdaten aus den Krankenhäusern und Praxen erprobt werden. Bis zum 31. August will der Bewertungsausschuss erstmals über die Verlagerungseffekte für 2011 beschließen.

Angesichts leerer Kassen ist ein Honoraranstieg fraglich

Der Zeitplan ist ambitioniert, denn bislang ist noch keine Einigung über die Messmethoden in Sicht. Aus einem Schreiben der KBV geht hervor, dass die Kassen offenbar ein Antragsverfahren favorisieren, nach dem die Evaluation einzelner Verlagerungstatbestände beim Bewertungsausschuss beantragt und vom Institut des Bewertungsausschusses vorgenommen werden muss. Die KBV will dagegen Verlagerungseffekte mit Hilfe eines morbiditätsbezogenen Klassifikationsverfahrens messen (siehe „Wenn das Geld der Leistung folgen soll“ in diesem Heft). Das lehnen die Kassen ab. „Das KBV-Konzept sehen wir sehr kritisch“, sagte die stellvertretende Sprecherin des GKV-Spitzenverbandes, Ann Marini, dem Deutschen Ärzteblatt. „Hier drängt sich uns die Frage auf, ob echte Verlagerungseffekte oder nur statistische Zufälle gemessen werden.“ Hinzu komme, dass der größte Teil möglicher Verlagerungseffekte bereits automatisch bei der normalen Anpassung der morbiditätsbedingten Gesamtvergütung berücksichtigt werde.

Angesichts der prekären Finanzlage der Krankenkassen ist es ohnehin fraglich, ob die Ärzte im nächsten Jahr mit Honorarsteigerungen rechnen können. Marini zufolge sieht der GKV-Spitzenverband dafür jedenfalls keinen Spielraum. Auch CSU-Chef Horst Seehofer hatte im Streit um die Reformpläne von Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Philipp Rösler gefordert, im Gesundheitswesen vorrangig bei den Ausgaben anzusetzen. Dann könne der Minister auch mit der Unterstützung der CSU rechnen.

Die KBV will einer Sprecherin zufolge in jedem Fall auf einen Beschluss im Bewertungsausschuss drängen. „Sparen an der falschen Stelle hätte verheerende Auswirkungen – für die Versicherten genauso wie für die Ärzte“, hatte der KBV-Vorstandsvorsitzende Dr. med. Andreas Köhler erklärt.

Heike Korzilius

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