ArchivDeutsches Ärzteblatt24/2010Medizinethik: Absurdes Theater
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. . . Wie eine Szene absurden Theaters kommt rational denkenden Menschen der Kampf amerikanischer christlicher „Lebensschützer“ vor: Unter der religiösen Vorstellung, dass bereits nach der Vereinigung von Ei- und Samenzelle ein beseeltes menschliches Wesen entstanden sei, soll dieses Gebilde uneingeschränktem Schutz unterliegen, obwohl es weder Schmerz und Leid spüren, noch eigenes Bewusstsein, eigene Sinneswahrnehmungen, Gefühle oder Wünsche haben kann. Insofern ist die britische Definition eines „Präembryos“ (der Zellhaufen bis zum 14. Tag nach der Vereinigung von menschlicher Ei- und Samenzelle) mit ihren Konsequenzen juristischer Art ein Kompromissbeispiel in die richtige Richtung.

Deutsche Gesetzgeber, die sich nicht ganz dem Anliegen der Genforscher verschließen konnten, verfielen hingegen auf die absurde und halbherzige Kompromisslösung, Stammzellforschung nur an vor dem 1. Januar 2002 im Ausland hergestellten Stammzelllinien zuzulassen. Diese waren dann aufgrund von Kontaminierung mit tierischen Produkten nicht mehr sinnvoll einsetzbar und waren auch nicht durch eine Forschung mit ausschließlich adulten Stammzellen ersetzbar . . . Am 11. April 2008 hat der Bundestag entschieden, den Stichtag für den Import von embryonalen Stammzelllinien von Januar 2002 auf den 1. Mai 2007 zu verschieben. Die einzig vernünftige Position liegt hingegen klar auf der Hand: Da auf Stammzellforschung beruhende Therapien bereits jetzt medizinisch segensreich wirken, da die berechtigte medizinische Hoffnung besteht, dass durch weitere Forschung an Stammzellen künftig vielen Millionen von Diabetikern, von Krebskranken, Herz- und Kreislaufkranken und anderen Patienten geholfen werden kann und da andererseits bei erlaubten Abtreibungen vor dem Ende des dritten Schwangerschaftsmonats die benötigten Embryonen sowieso anfallen, spricht zumindest dann, wenn die Eltern des Embryos zustimmen, kein vernünftiges Argument gegen diese Art der Forschung. Wegen des hohen Potenzials für erfolgreiche neuartige Behandlungsmethoden sollte auch die Erzeugung von Embryonen für reine Forschungszwecke im Dienst der Medizin erlaubt sein, da solche Embryonen kein Bewusstsein besitzen, nicht leiden können und auch keine Chancen haben, sich zu einem ausgereiften Menschen zu entwickeln (siehe auch Franz M. Wuketits, Bioethik).

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Es ist an der Zeit, dass sich auch in Deutschland utilitaristisches Gedankengut verbreiten sollte. Der Artikel von Frau Rolf zeigt, dass man in Großbritannien in der Medizinethik rationalem Denken und Handeln und utilitaristischen Kompromisslösungen auf einer solchen Basis deutlich nähergekommen ist als in Deutschland . . .

Dr. med. Walter Neussel, 54516 Wittlich

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