ArchivDeutsches Ärzteblatt38/1997Alkoholismus bei schizophrenen Patienten: Psychopathologie und therapeutische Implikationen

MEDIZIN: Diskussion

Alkoholismus bei schizophrenen Patienten: Psychopathologie und therapeutische Implikationen

Soyka, M.

Zu dem Beitrag von Prof. Dr. med. Joachim Zeiler in Heft 10/1997
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LNSLNS Dankenswerterweise hat sich der Autor des lange vernachlässigten Problems des Substanzmißbrauchs bei schizophrenen Patienten angenommen. Leider sind einige für die Behandlung und Therapie wichtige Aspekte des Alkoholismus bei schizophrenen Patienten dabei zu kurz gekommen.
¿ Eine Reihe von psychopathologischen Untersuchungen zeigen, daß Schizophrene mit Substanzmißbrauch sich in einer Reihe von Parametern von anderen Schizophrenen unterscheiden. Dazu gehört zum einen die von J. Zeiler angesprochene vermehrte Gewalttätigkeit, aber auch eine offensichtlich höhere Rate von Suizidversuchen sowie vermehrt produktiv-psychotische Symptome. Wichtig ist auch die höhere Rehospitalisierungsrate von Schizophrenen mit Substanzmißbrauch (1).
Dies zeigt, daß Schizophrene mit Substanzmißbrauch, verglichen mit anderen Schizophrenen, bezüglich der genannten Parameter eine Hochrisikogruppe darstellen.
À Empirisch nicht belegt, aufgrund der geschilderten Befunde auch fragwürdig, ist die Forderung des Autors, daß das Abstinenzprinzip bei Schizophrenen weder durchsetzbar noch sinnvoll ist. Gerade die höhere Rate von Suizidversuchen, aggressiven Durchbrüchen und die höhere Rehospitalisierungsrate zwingen vielmehr, den Substanzmißbrauch verstärkt ins therapeutische Blickfeld zu rücken. Zusätzlich zu den genannten psychotherapeutisch-psychosozialen Interventionen sollte darauf hingewiesen werden, daß eine psychopharmakologische Behandlung suchtkranker Schizophrener in der Regel nicht zu umgehen ist. Dabei muß berücksichtigt werden, daß zumindest für Cannabis ein Neuroleptika-Antagonismus diskutiert wird, die neuroleptische Dosierung also entsprechend angepaßt werden muß (2). Weiter deuten eine Reihe von klinischen wie auch epidemiologischen Befunden darauf hin, daß speziell Schizophrene mit Alkoholismus eine erhöhte Rate von extrapyramidal-motorischen Nebenwirkungen und auch Spätdyskinesien aufweisen (3, 4). Dies ist bei der Therapieplanung zu berücksichtigen. Im übrigen existieren eine Reihe pharmakologischer Interaktionen, speziell von Alkohol und Neuroleptika, zum Beispiel hinsichtlich des Metabolismus, die ebenfalls Erwähnung finden sollten (5).
Der Einsatz von Disulfiram ist aufgrund der Hemmung der Dopamin-Betahydroxylase und des daraus resultierend erhöhten Risikos für die Exazerbation psychischer Symptome tatsächlich kritisch zu sehen. Über den Gebrauch von sogenannten Anti-Craving-Substanzen vom Typ des Acamprosat und gegebenenfalls auch Naltrexon liegen noch wenige Informationen vor, diese Substanzen können aber im Einzelfall versucht werden. Bei Schizophrenen wurde zumindest kasuistisch eine gute sowohl antipsychotische wie auch Anti-CravingWirkung von Flupentixol (6, 7) beschrieben, einer Substanz, die in Europa als Neuroleptikum lange zugelassen ist, in den USA dagegen überwiegend als Anti-Craving-Substanz vor allem auch bei Kokain-Konsumenten überprüft wurde. Die Effizienz von Flupentixol in der Therapie suchtkranker Schizophrener ist Gegenstand laufender Untersuchungen. Es steht zu hoffen, daß sich die pharmakotherapeutischen Optionen bei suchtkranken Schizophrenen in den nächsten Jahren deutlich verbessern werden.


Literatur beim Verfasser


Priv.-Doz. Dr. med. M. Soyka
Psychiatrische Klinik der Universität München
Nußbaumstraße 7 80336 München


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