ArchivDeutsches Ärzteblatt24/2010Mammographie: Wichtiges fehlt
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Mit großem Unverständnis habe ich den aktuellen Artikel zum Mammographie-Screening zur Kenntnis genommen.

Das DÄ berichtet im ersten Teil des Artikels ausführlich über die aktuelle Studie aus Dänemark, die von ausgewiesenen Kritikern des Mammographie-Screenings publiziert wurde. Es liegt auf der Hand und gehört zum journalistischen Handwerk, solch eine Studie kritisch zu reflektieren und nach der Güte solch einer Studie zu fragen. Namhafte Experten wie Prof. Walter Heindel, Prof. Nikolaus Becker und Prof. Alexander Katalinic hatten sich bereits kritisch zu der Studie geäußert und die methodischen Mängel gelistet. Die Redaktion hatte davon Kenntnis. Besonders kritisch wird von diesen Experten beurteilt, dass es sich nicht um eine randomisierte Studie handelt, sondern um eine Beobachtungsstudie mit vielfältigen Einfluss- und potenziellen Verzerrungsfaktoren. Doch diese wichtige Kritik an der Studie wird mit keinem Wort in dem Artikel genannt.

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Erwähnt wurde auch nicht eine aktuelle Studie zum Thema Überdiagnosen, die im „Journal of Medical Screening“ im März veröffentlicht wurde. Die Autoren kommen zu dem Ergebnis, dass durch das Mammographie-Screening mehr Frauen vor dem Tod durch Brust-krebs gerettet als durch eine Überdiagnose beunruhigt werden. Die Autoren konstatieren, dass einer Frau, die ohne Screening nie von der Diagnose Brustkrebs erfahren hätte, zwei Frauen gegenüberstehen, die vor dem Tod durch Brustkrebs bewahrt werden können . . .

Als weiteren Beleg für die als „ernüchternd“ bezeichneten Ergebnisse beschreibt die Autorin die in den USA geführte Diskussion über die veröffentlichten Empfehlungen der US Preventive Task Force. Das Beratergremium beim US-Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium hat Mitte November seine Empfehlungen zur Mammographie aktualisiert und die regelmäßige Mammographie für Frauen ab 50 Jahren und nicht mehr schon ab 40 empfohlen. Für Europa ist das nicht neu, im Gegenteil: Aus gutem Grund haben sich europäische Fachgremien und Experten hierzulande schon 2002 auf die Altersgrenze von 50 bis 69 Jahren festgelegt. Alle Studien zeigten damals wie heute: Das ist der Bereich, in dem ein Screening den größten Nutzen bringen kann. Wir wissen, dass auch einige Frauen im Alter von 40 bis 49 Jahren profitieren könnten – allerdings um den Preis einer erhöhten Rate an Fehldiagnosen und damit unnötigen Belastungen. Diese Hintergrundinformationen und Einschätzungen wären von einem seriösen Blatt wie dem DÄ zu erwarten gewesen. Doch auch diese Informationen werden verschwiegen.

Dann berichten Sie über die Broschüre „Mammographie-Screening. Früherkennung von Brustkrebs. Was Sie darüber wissen sollten“. Im Artikel wird behauptet, dass die Broschüre als Veröffentlichung durch eine Organisation des Programms „selbstverständlich“ zum Screening rät . . . Die Broschüre ist in Kooperation mit den im Bericht genannten Organisationen entwickelt worden mit dem ausdrücklichen Ziel, die Frauen ausgewogen zu informieren. Den Frauen wird empfohlen, sich zu informieren und danach zu entscheiden.

Doch im Artikel folgt die Autorin unreflektiert dem zitierten HTA-Bericht, der davon ausgeht, dass eine objektive Darstellung von Vor- und Nachteilen aufgrund eines Interessenkonflikts nicht zu erwarten sei. Das ist weder eine journalistische noch wissenschaftliche, sondern eine voreingenommene, unprofessionelle Haltung, die als Ergebnis zu einer tendenziösen Berichterstattung führt . . .

Dr. Wolfgang Aubke, Vorsitzender des Beirats der Kooperationsgemeinschaft Mammographie,
50858 Köln

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