ArchivDeutsches Ärzteblatt24/2010Röntgenschutzkleidung: Gefahr unerkannter Läsionen

MEDIZINREPORT

Röntgenschutzkleidung: Gefahr unerkannter Läsionen

Eder, Heinrich

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Röntgenschürzen aus Ersatzpolymeren sind mechanisch und thermisch empfindlich, so dass bereits nach zweijährigem Gebrauch Risse unterschiedlicher Art auftreten können.

Röntgenschutzkleidung muss komplexe Anforderungen erfüllen (1). Die wünschenswerten Eigenschaften sind derzeit allerdings noch nicht erreicht – obwohl mit Inkrafttreten der national gültigen DIN 6857–1 (2) nichtnormkonforme Schürzen in Deutschland nicht mehr ausgeliefert werden sollten. Es gibt jedoch nach wie vor Hersteller, die sich mit Hinweis auf die noch nicht geänderte (zurzeit in Arbeit befindliche) europäische Regelung nicht an diese Norm halten, obwohl sie in der Prüfrichtlinie (3) genannt wird und damit rechtsverbindlich ist.

a: Zahlreiche Haarrisse in zwei Jahre getragener Schürze
a: Zahlreiche Haarrisse in zwei Jahre getragener Schürze
b: Mehrere Flächendefekte in zwei Jahre getragener Schürze; Größenvergleich 20-Cent-Münze
b: Mehrere Flächendefekte in zwei Jahre getragener Schürze; Größenvergleich 20-Cent-Münze
c: Beginnende Nahtrisse an Stellen hoher Zugbelastung
c: Beginnende Nahtrisse an Stellen hoher Zugbelastung

Dies zeigt auch eine Untersuchung einer Spezialklinik, die im Rahmen der Qualitätssicherung ihre 200 Röntgenschürzen durchleuchtet hat: Man fand Risse und Löcher bereits nach ein bis zwei Jahren Tragezeit, obwohl die Schürzen bestimmungsgemäß getragen und nach Gebrauch stets sachgerecht aufgehängt worden waren.

Nebenbei: Die Angabe in der Gebrauchsanleitung „Röntgenschürzen nicht falten“ stimmt nachdenklich, werden neue Schürzen vom Hersteller doch gefaltet angeliefert.

Zudem muss es einem Untersucher möglich sein, sich zwischendurch mit Schürze hinsetzen zu dürfen; und schließlich gibt es im Gürtel- und Schulterbereich immer Falten. Wenn die Schäden in so kurzer Zeit entstehen, hilft auch das jährlich vorgeschriebene Durchleuchten nicht. Übrigens: Das medizinische Fachpersonal besitzt nicht die Sachkunde für Materialprüfungen gemäß Röntgenverordnung und darf diese nicht selbst durchführen.

Vorschriften sehen keine mechanische Prüfung vor

Die EU Richtlinie 89/686/EWG mit den Anhängen I bis V (4) bestimmt zusammen mit der Herstellungsnorm EN 61331–3 (5), unter welchen Bedingungen eine Schutzschürze als persönliche Schutzausrüstung (PSA) zugelassen wird. Hier steht unter anderen: Die PSA muss „eine ausreichende Festigkeit gegen die unter den voraussehbaren Einsatzbedingungen üblichen Fremdeinwirkungen aufweisen“. Die Benannten Stellen (notified bodies) sehen mangels konkreter Prüfvorschriften derzeit jedoch keine Veranlassung, die Schutzkleidung bei der CE-Zulassung auf mechanische Festigkeit zu prüfen. Die Verantwortung dafür wird derzeit mehr oder weniger auf den Anwender abgewälzt: Er muss die Intaktheit der Schutzausrüstung gewährleisten. Hierzu wäre folglich ein Materialprüfinstitut zu bemühen, das im Fall obiger Klinik regelmäßig 200 Schürzen überprüft. Infolge fehlender konkreter Vorgaben für ein Qualitätssicherungssystem mogeln sich manche Hersteller an der Verpflichtung vorbei, ein langzeitstabiles Material auf den Markt zu bringen.

Blei- und Blei-Composite-Schürzen auf Naturkautschukbasis sind häufig seit 15 Jahren im Einsatz und immer noch gebrauchstüchtig. Dagegen sind manche Schürzen aus Ersatzpolymeren mechanisch und thermisch wesentlich empfindlicher. Bereits nach zwei Jahren sind bei bestimmten Fabrikaten Ausrisse im Nahtbereich, Haar- und Flächenrisse wie auch durchgängige Reibungsschäden von der Größe mehrerer Eurostücke feststellbar (Abbildungen). Schon das Drücken mit der Fingerkuppe führt bei einem Material zur dauerhaften Schwächung. Die Schwachstelle ist damit für den Beginn von Rissen prädestiniert. Manche Schürzen dulden auch keinen Kontakt zu einer Wärmequelle (Heizkörper).

In der Mehrzahl der Fälle führen lokale Defekte an Schürzen nicht zu einer Überdosis auf dem Filmdosimeter und bleiben daher unerkannt. Allerdings können Löcher oder Schwachstellen, die sich naturgemäß immer an der gleichen Stelle befinden, zu einer Erhöhung der Organdosis bis zu mehreren zehn Millisievert pro Jahr führen. Da sich der Untersucher normalerweise bewegt, kommt es im Alltag meist zu einer Richtungsmittelung, so dass deterministische Organschäden aufgrund hoher lokaler Strahlenbelastung im Regelfall ausgeschlossen werden können.

Dieser Umstand ändert jedoch nichts daran, dass der Betreiber gemäß Röntgenverordnung den Beschäftigten gegenüber verpflichtet ist, stets intakte Schutzkleidung nach dem „Stand der Technik“ bereitzustellen (§ 15 Röntgenverordnung).

Ein künftiges Qualitätssicherungssystem müsste von Schutzkleidung bestimmte Mindestanforderungen hinsichtlich Festigkeit und Langzeitstabilität verlangen. Dazu gehören zum Beispiel Reißfestigkeit, Weiterreißfestigkeit, Abriebfestigkeit, Stichausrissfestigkeit und so weiter. Vor allem müsste eine künstliche Alterung vorgeschrieben werden, denn die Weichmacher verdampfen häufig, und das Material verändert schon dadurch rasch seine Eigenschaften. Eine Herstellerverpflichtung, dass diese standardisierten Laborwerte in den Begleitpapieren angegeben werden müssen, wäre dringend erforderlich.

Europaweit gibt es derzeit keine harmonisierte Norm, die solches fordert. Die Bauartprüfungen an Schutzschürzen werden von den benannten Zulassungsstellen im Regelfall weitgehend formal abgehandelt. Es genügt die Angabe eines Produktverfallsdatums sowie von Prüfvorschriften in der Gebrauchsanleitung, ob sie nun realistisch sind oder nicht.

Im Zuge mehrerer Stichproben aus verschiedenen OP-Einrichtungen wurden in eigenen Untersuchungen zahlreiche (auch pathogene) Keime auf der Röntgenschutzkleidung nachgewiesen. In der Regel werden die Schürzen in bestimmten Zeitabständen lediglich der Flächendesinfektion unterzogen. Manche Hersteller schließen Desinfektionsmittel auch definitiv aus. Kontaminierte Schürzen können daher Zugang zu Operationssälen finden. Deshalb wäre zusätzlich zu obigen Materialeigenschaften auch die Aufbereitung durch fachgerechte Reinigung, Desinfektion und Sterilisation entweder im EO-Gas-Sterilisator oder im Autoklaven zu fordern.

Ein Qualitätssicherungssystem ist überfällig

Die Überzüge der Schürzen sind meist nicht barrieredicht, so dass Keime unter anderem über Sekrete zum Innenmaterial vordringen können, das dann zum kontaminierten „Langzeitspender“ wird.

Fazit: Wie man erkennen kann, muss Röntgenschutzkleidung komplexe Anforderungen erfüllen. Die wünschenswerten Eigenschaften sind derzeit noch lange nicht erreicht. Ein umfassendes Qualitätssicherungssystem – sowohl für die Herstellung als auch für die Anwendung – ist überfällig. Hier ist der Anwender gefordert, künftig kritische Fragen zu stellen.

Dr.-Ing. Heinrich Eder

E-Mail: eder-h@arcor.de

1.
Eder H, Zapf W: Röntgenschutzkleidung: Blei-Ersatz oft nicht gleichwertig. Dtsch Arztebl 2008; 105(42): A 2202. VOLLTEXT
2.
DIN 6857–1: Strahlenschutzzubehör bei medizinischer Anwendung von Röntgenstrahlen – Teil 1: Bestimmung der Abschirmeigenschaften von bleifreier und bleihaltiger Schutzkleidung. Beuth-Verlag, Berlin 2009.
3.
Richtlinie für die technische Prüfung von Röntgeneinrichtungen und genehmigungs-
bedürftigen Störstrahlern (SV-RL) vom 9. 1. 2009. Gem. Ministerialblatt 2009, 1375.
4.
Richtlinie 89/686/EWG zur Angleichung der Rechtsvorschriften der Mitgliedstaaten für persönliche Schutzausrüstungen vom 21. 12. 1989 ABl EG L 236, 44.
5.
DIN EN 61331–3 Strahlenschutz in der medizinischen Röntgendiagnostik, Teil 3: Schutzkleidung und Gonadenschutz. Beuth Verlag, Berlin 2002.
a: Zahlreiche Haarrisse in zwei Jahre getragener Schürze
Abbildung 1a
a: Zahlreiche Haarrisse in zwei Jahre getragener Schürze
b: Mehrere Flächendefekte in zwei Jahre getragener Schürze; Größenvergleich 20-Cent-Münze
Abbildung 1b
b: Mehrere Flächendefekte in zwei Jahre getragener Schürze; Größenvergleich 20-Cent-Münze
c: Beginnende Nahtrisse an Stellen hoher Zugbelastung
Abbildung 1c
c: Beginnende Nahtrisse an Stellen hoher Zugbelastung
1.Eder H, Zapf W: Röntgenschutzkleidung: Blei-Ersatz oft nicht gleichwertig. Dtsch Arztebl 2008; 105(42): A 2202. VOLLTEXT
2.DIN 6857–1: Strahlenschutzzubehör bei medizinischer Anwendung von Röntgenstrahlen – Teil 1: Bestimmung der Abschirmeigenschaften von bleifreier und bleihaltiger Schutzkleidung. Beuth-Verlag, Berlin 2009.
3.Richtlinie für die technische Prüfung von Röntgeneinrichtungen und genehmigungs-
bedürftigen Störstrahlern (SV-RL) vom 9. 1. 2009. Gem. Ministerialblatt 2009, 1375.
4.Richtlinie 89/686/EWG zur Angleichung der Rechtsvorschriften der Mitgliedstaaten für persönliche Schutzausrüstungen vom 21. 12. 1989 ABl EG L 236, 44.
5.DIN EN 61331–3 Strahlenschutz in der medizinischen Röntgendiagnostik, Teil 3: Schutzkleidung und Gonadenschutz. Beuth Verlag, Berlin 2002.

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