ArchivDeutsches Ärzteblatt38/1997Alkoholismus bei schizophrenen Patienten: Schlußwort

MEDIZIN: Diskussion

Alkoholismus bei schizophrenen Patienten: Schlußwort

Zeiler, Joachim

Zu dem Beitrag von Prof. Dr. med. Joachim Zeiler in Heft 10/1997
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LNSLNS Die präzisierenden Ergänzungen Herrn Soykas greife ich gern auf. In der Tat finden sich, wie sich bereits aus meinen Ausführungen zur Pathogenese ergibt, gewisse typologische Unterschiede zwischen Schizophrenen mit und ohne Substanz- beziehungsweise Alkoholmißbrauch. Offenbar disponieren klinische Syndrome mit wechselvoller Verlaufsdynamik, akut-produktiven Symptomen und impulsiven Entäußerungen (zumal autodestruktiver und fremdaggressiver Art) zugleich zu einem Substanzmißbrauch. In diesem Zusammenhang von "Sucht" zu sprechen, halte ich freilich für problematisch, auch wenn - wie bei alkoholmißbrauchenden Schizophrenen erkennbar - ein Alkoholismus in der Elterngeneration gehäuft aufzutreten scheint. Zwar kann in seltenen Fällen ein Substanzmißbrauch eine solche Eigendynamik entfalten, daß die Komplikationen einer körperlichen Abhängigkeit in den Vordergrund geraten. Zumeist finden sich hierbei jedoch im Hintergrund wahnhafte Motivierungen, die sich von der Motivdynamik Abhängigkeitskranker durchaus unterscheiden. Der Umstand, daß der Substanzmißbrauch Schizophrener eben nicht in eine Persönlichkeitspathologie eingebettet ist, wie sie uns beim Abhängigkeitskranken begegnet, begründet auch den differenten therapeutischen Zugang. Von daher ist meine - gewiß etwas pointierte These zu verstehen, daß ein Abstinenzprinzip weder durchsetzbar noch sinnvoll sei. Damit ist nur folgendes gemeint: eine rigorose Abstinenz wird sich bei der überwiegenden Zahl substanzmißbrauchender Schizophrener nicht durchsetzen lassen, da es sich bei ihnen um eine - wie Soyka durchaus zutreffend feststellt - Hochrisikogruppe handelt, risikobehaftet hinsichtlich psychopathologischer Auffälligkeiten, sozialer Adaptation und Integration. Dies bedeutet nicht, daß nicht im therapeutischen Alltag auf eine weitgehende Stoffkarenz hingewirkt werden müßte. Allerdings bedarf es hierzu individueller Behandlungsplanung. Das variable Erscheinungsbild des Substanzmißbrauchs Schizophrener verbietet einen therapeutischen Schematismus. Man wird je nach besonderer Situation eine Strategie wählen, die innerhalb eines Spektrums liegen wird zwischen nachsichtiger und scharf sanktionierender Reaktion.
Daß substanzmißbrauchende Schizophrene - wie überhaupt die allermeisten schizophrenen Kranken - einer psychopharmakologischen Behandlung bedürfen, ist zweifellos richtig. Die pharmakologischen Maßnahmen dürften dabei jedoch in erster Linie auf die schizophrene Störung selbst und eventuelle Nebenwirkungen der Neuroleptika, nur mittelbar auf den Substanzmißbrauch zielen. Den Ausführungen Herrn Soykas zu dieser Frage kann ich insofern zustimmen.


Prof. Dr. med. Joachim Zeiler
Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie des Auguste-Viktoria-Krankenhauses
Rubensstraße 125 · 12157 Berlin

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