ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2010Kindesmissbrauch: Nicht heilbar?
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Herr Beier geht davon aus, dass Pädophilie nicht heilbar ist und dass die Betroffenen in einer Therapie lernen müssen, dies zu akzeptieren. Ich behandele pädophile Patienten, die selbst an der Behandlung interessiert sind. Dabei wird ein enormes Leid sichtbar, und zwar das bekannte Leid der missbrauchten Kinder, aber auch das Leid der Pädophilen, weshalb sie einen Therapeuten aufsuchen. Das Leid der Pädophilen ist allerdings nicht ohne Weiteres sichtbar. Da höre ich zum einen manchmal ihre Geschichte vom eigenen sexuellen Missbrauch als Kind, von einer extrem strengen Sexualmoral im Elternhaus und zum anderen Berichte über eine von Enttäuschungen und Kränkungen gezeichnete Pubertät in der Partnersuche bei Gleichaltrigen. Da zeigt sich eine Sehnsucht nach Liebe, die nur in der Pädophilie ihren Ausdruck zu finden vermag und jene meist versteckten Überzeugungen produziert, dass solche „Beziehungen“ berechtigt seien, ja sogar für die Kinder „gut“ seien. In der psychotherapeutischen Behandlung muss dieser Selbstbetrug offengelegt werden.

Die Patienten sind erschüttert, wenn ihnen bewusst wird, was sie tatsächlich den Kindern antun. Viele ahnen dies auch schon und suchen einen Therapeuten auf, wollen es sich selbst aber gefühlsmäßig noch nicht vollständig eingestehen. Deshalb reicht es nicht, dass sie dies auf einer intellektuellen Ebene erkennen oder sich nur am gesetzlichen Verbot orientieren. Das ist oberflächlich, der Mann mit pädophilen Neigungen muss fühlen, wie er mit seinem Verhalten das Leben und die Liebesfähigkeit der Kinder belastet oder sogar zerstört . . .

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Ich spreche hier nur über die therapiebereiten Pädophilen. Auf diesem „vorbereiteten Boden“ kann dann die Auseinandersetzung mit der speziellen sexuellen Konditionierung erfolgen. Die pädophilen Fantasien mit der damit verbundenen sexuellen Lust geraten durch das Fühlen der Lieblosigkeit und der meist subtilen Gewalt ins Wanken. Zugleich kommt das Interesse auf an dem Zusammenhang von Sexualität und Liebe, über das er vielleicht noch nie nachgedacht hat. Die Angst vor echter partnerschaftlicher Liebe kann bearbeitet werden. Auf diese Weise können sich die sexuellen Konditionierungen auf das kindliche Körperschema auflösen und, soweit dies in der Vorstellungswelt nicht vollständig geschieht, werden diese zunehmend in dem Ausleben gehemmt.

Ich halte es durch nichts – außer vielleicht durch erfolglose Therapien – für „wissenschaftlich“ belegt, dass Pädophilie nicht heilbar ist. Darüber hinaus halte ich es für einen schweren therapeutischen Fehler, den pädophil Konditionierten einzureden, dass sie an ihrer sexuellen Präferenz nichts ändern können. Diejenigen, die sich ändern wollen, weil sie unter ihrer Neigung in irgendeiner Weise leiden, werden entmutigt. Und diejenigen, die sich nicht verändern wollen, werden durch eine solche Theorie in ihrer Haltung bestätigt. Ich habe dagegen festgestellt: Dieser Irrglaube von der Unveränderbarkeit muss erst in der Therapie aufgelöst werden, um eine wirklich offene Haltung zu erzeugen. Denn nur dann entsteht eine echte Bereitschaft, in die verdrängten Gefühle der pädophilen Entwicklung einzudringen und sich ernsthaft mit der Störung und ihrer Entstehungsgeschichte auseinanderzusetzen. Und wenn dann trotzdem die Bilder von Sex mit Kindern im Kopf nicht aufhören, können sie mit den gewonnenen Einsichten ihre entsprechenden Aktivitäten auch leichter einstellen. Natürlich haben Konditionierungen, die durch sexuelle Lust verstärkt werden, eine große Veränderungsresistenz, aber es lässt sich eben nicht vorhersagen, ob die inneren Bilder auflösbar sind oder nicht . . .

Wolfgang Siegel, 44379 Dortmund

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