ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2010Ärztlicher Stellenmarkt: Alles bleibt anders

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Ärztlicher Stellenmarkt: Alles bleibt anders

Dtsch Arztebl 2010; 107(25): A-1275 / B-1123 / C-1103

Flintrop, Jens

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Guter Dinge – Medizinstudierende und Klinikärzte können sich ihre erste Stelle derzeit aus einem großen Angebot aussuchen. Fotos : DÄV
Guter Dinge – Medizinstudierende und Klinikärzte können sich ihre erste Stelle derzeit aus einem großen Angebot aussuchen. Fotos : DÄV

Der ärztliche Arbeitsmarkt ist nach wie vor ein Anbietermarkt: Die Ärzte bieten ihre Arbeitskraft an und können Forderungen stellen. Dies zeigte sich auch beim Kongress „Perspektiven und Karriere“.

Das typische Bild am Rande eines Kongresses sieht doch so aus: Während im Plenum diskutiert wird, langweilen sich draußen die Aussteller. Selbst in den Vortragspausen finden oft nur wenige Kongressteilnehmer den Weg zu ihnen – die Nahrungsaufnahme oder auch das Networking mit den anderen Teilnehmern und den Referenten hat in der Regel Vorrang.

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Ganz anders war hingegen die Situation beim Regionalkongress „Perspektiven und Karriere“ des Deutschen Ärzteblattes Ende Mai in Hamburg. Während drinnen hochrangige Referenten über Berufsperspektiven für Ärztinnen und Ärzte in Deutschland, strukturierte Aus- und Weiterbildungsprogramme sowie die besonders guten Aussichten für Spezialisten im Krankenhaus informierten, herrschte an den Ausstellungsständen stets reger Betrieb. Mehr als 30 Aussteller und mit ihnen circa 100 Klinikstandorte präsentierten sich dem Ärztenachwuchs im Institut für Anatomie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf als potenzieller Arbeitgeber. „Für uns ist der Kongress ein Erfolg, weil wir Gelegenheit haben, vielen interessierten und angehenden Ärzten die Karriereperspektiven bei der Rhön-Klinikum AG aufzuzeigen“, meinte Martin Gösele, Leiter der Personal- und Führungskräfteentwicklung beim börsennotierten Klinikkonzern. Wie sich die Zeiten geändert haben – denn noch bis vor wenigen Jahren war der Start in den Arztberuf in gewisser Hinsicht recht einfach: Angesichts der geringen Auswahl nutzte man als junge Ärztin, als junger Arzt die erstbeste Gelegenheit, eine Stelle in einer Klinik anzutreten. Die heutige Ärztegeneration hat hingegen die Qual der Wahl.

„Sie leben in goldenen Zeiten“, versicherte denn auch Rüdiger Sprunkel, Verlagsleiter des Deutschen Ärzteblattes, dem Ärztenachwuchs zur Eröffnung des Kongresses: „Sie können sich Ihre erste Stelle als Arzt aus einem großen Angebot heraussuchen.“ Daraus ergäben sich aber auch Fragen: „Welche Fachgebiete haben Zukunft? Wie sehen die Arbeitszeitmodelle in den Kliniken aus? Was bieten welche Arbeitgeber?“ Ziel des Ärzteblatt-Kongresses sei es, den Bewerbern hier Antworten zu bieten – im Plenum oder direkt draußen bei einem der potenziellen Arbeitgeber. Sprunkel: „Nutzen Sie die feudale Situation, seien Sie wählerisch, stellen Sie Forderungen.“

„Ich bin hier, um zu vergleichen“, sagte eine Medizinstudentin im siebten Semester, „man hört ja immer, dass die Krankenhäuser wegen des Ärztemangels um uns werben müssen – da wollte ich mal sehen, was geht.“ Im Laufe des Tages suchte die junge Frau den Kontakt mit zahlreichen möglichen Klinikarbeitgebern: vom Katholischen Klinikum Kleve, dem Harz-Klinikum Wernigerode bis hin zum Klinikum Herford. Und? „Die bemühen sich wirklich. Aber leider gibt es hier nur ein Krankenhaus, das Pädiater sucht – da habe ich mich dann aber auch direkt beworben“, berichtete die junge Frau.

Dr. med. Frank Ulrich Montgomery, Vizepräsident der Bundes­ärzte­kammer und Präsident der Ärztekammer Hamburg, hat mit Aufkommen des Ärztemangels eine „Gnadenverschiebung“ beobachtet: „Früher erwies der Chefarzt dem Bewerber die Gnade eines Bewerbungsgesprächs – heute zeigen sich die Bewerber gnädig.“ Er begrüße es außerordentlich, dass das Selbstbewusstsein der Klinikärzte in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen habe, was sich letztlich auch in den jüngsten Streiks an den kommunalen Krankenhäuser zeige. „Wir dürfen uns nicht alles gefallen lassen. Ja, wir Ärzte sind bereit, lange zu arbeiten. Aber dabei muss es planbar, geregelt und gerecht zugehen“, sagte Montgomery und forderte die Medizinstudierenden und jungen Klinikärzte auf, Rückgrat zu zeigen.

Während drinnen über Berufsperspektiven referiert wurde, herrschte auch draußen bei den Ausstellern reger Betrieb.
Während drinnen über Berufsperspektiven referiert wurde, herrschte auch draußen bei den Ausstellern reger Betrieb.

Ohne Druck gebe es keine Veränderung, ergänzte Prof. Dr. med. Jörg F. Debatin, Vorstand und Ärztlicher Direktor des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf: „Gäbe es den Ärztemangel nicht, würden die Hierarchien in den Kliniken nicht hinterfragt, würden keine Krippenplätze geschaffen und die Qualität der ärztlichen Weiterbildung wäre kein Thema.“ Ein Blick in die Ausstellungshalle zeige jedenfalls, dass es genügend Klinikarbeitgeber gebe, die die Zeichen der Zeit erkannt hätten.

„Die Arbeitsbedingungen für die Ärzte in den Krankenhäusern sind besser als je zuvor“, konstatierte Dr. med. Peter Windeck, Geschäftsführer der Beratungsgesellschaft Mummert Healthcare. Um ihre ärztlichen Stellen besetzen zu können, hätten die Krankenhäuser zuletzt enorm viel unternommen und die Bedingungen für die Ärzte erheblich verbessert. Und der Ärztemangel hat einen weiteren positiven Effekt: „Heute gibt es bereits einen Wettbewerb unter den Krankenhäusern um Medizinstudenten im praktischen Jahr“, berichtete Priv.-Doz. Dr. med. Tilman von Spiegel, Chefarzt der Klinik für Anästhesie und Intensivmedizin am Westküstenklinikum Brunsbüttel: „Wir wollen Sie als PJler haben, um Sie von unserer Klinik zu überzeugen und so für eine spätere Tätigkeit zu gewinnen.“

Doch noch haben längst nicht alle Krankenhausträger verinnerlicht, dass der ärztliche Arbeitsmarkt derzeit ein Anbietermarkt ist. So fanden nicht nur Berufseinsteiger den Weg ins Anatomische Institut der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf, sondern auch Fachärzte, die vom Arbeitsplatz Krankenhaus offensichtlich mehr erhoffen, als ihnen ihr derzeitiger Arbeitgeber bietet. „Die Fachärzte kommen hierhin, um zu benchmarken: Was bieten andere Krankenhäuser im Vergleich zu meinem Arbeitgeber?“, erläuterte Oberstleutnant Joachim Horstmann vom Sanitätsdienst der Bundeswehr. Dies sei eine neuere Entwicklung: „Noch vor zwei, drei Jahren besuchten nur Berufseinsteiger solche Veranstaltungen.“

Jens Flintrop

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