ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2010Schengen: Europa im stillen Winkel

KULTUR

Schengen: Europa im stillen Winkel

Dtsch Arztebl 2010; 107(25): A-1268

Felk, Wolfgang

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Durch das gleichnamige Abkommen vor 25 Jahren ist Schengen zum Symbol für ein Europa ohne Grenzen geworden. Aber wo liegt dieser Ort eigentlich?

Foto: Wolfgang Felk
Foto: Wolfgang Felk

Die letzten Fetzen Morgennebel wabern über der Mosel. Sanft gleitet die „Princesse Marie-Astrid“ heran, das Ausflugsschiff der Luxemburger Moselflotte. Es nimmt Kurs auf Schengen – ein kleines Winzerdorf, reizvoll eingebettet in die Rebhänge der Oberen Mosel im Großherzogtum Luxemburg. Diese leuchten jetzt im hellen Frühsommergrün zu beiden Seiten des Ufers. „Das Schengener Abkommen wurde aber am 14. Juni 1985 nicht im Ort selbst unterzeichnet“, erzählt Kapitän Jean Herrig, „sondern auf einem Vorgängerschiff der Marie-Astrid“ – bei einem Glas Moselwein in Sichtweite des Dorfes, weil dieses so schön symbolisch im Dreiländereck liegt, dort, wo Deutschland, Luxemburg und Frankreich aneinandergrenzen.

Anzeige

„Keiner hat geglaubt, dass da mal was Größeres draus wird“, räumt Roger Weber ein. Den Schengener Bürgermeister treffen wir in seinem Weinberg. Er pendelt zwischen Rathaus und Reben, schneidet früh morgens die Triebe, kümmert sich dann um Baustellen und die Müllabfuhr und empfängt am Nachmittag eine Delegation aus Osteuropa oder China. „Weil Schengen so berühmt ist, glauben viele, es sei eine Stadt mit 500 000 Einwohnern. Die sind total erstaunt, dass wir nur ein Dorf sind mit gerade einmal 500 Einwohnern.“

„Europa ohne Grenzen“ steht in drei Sprachen auf dem unauffälligen Gedenkstein am Rande des „Place de l’Europe“, dem Dorfplatz, der umgeben ist von buckligen Winzerhäusern und schmalen Gassen, die auf einen Park an der Mosel zulaufen. Am Rand des Parks hat das Großherzogtum im architektonisch extravaganten Europa-Zentrum ein kleines Museum eingerichtet. Auch das „Centre touristique“ ist hier untergebracht, geleitet von einer „Muster-Europäerin“: Martina Kneip ist in Freiburg im Schwarzwald geboren, hat einen Luxemburger geheiratet, Letzebuergesch und Französisch gelernt und zwei Kinder bekommen. Diese besuchen inzwischen das „Schengen-Lyzeum“ in der saarländischen Nachbargemeinde Perl. Hier sitzen Kinder aus Luxemburg, dem Saarland und Lothringen in einer Klasse, unterrichtet von Lehrern von hüben und drüben, und lernen Sprache und Kultur der anderen kennen.

Zehntausende Deutsche und Franzosen pendeln jeden Tag nach Luxemburg zur Arbeit (und zum billigen Tanken). Viele Luxemburger wohnen in Perl und Umgebung, weil es ihnen zu Hause zu teuer geworden ist. Auch Martina Kneip schickt ihre Gäste im Dreiländereck gerne in alle Richtungen: in Luxemburg zu einer Weinprobe in die „Caves du Sud“ von Schengen-Remerschen oder in das stille Naturschutzgebiet in den Moselauen. Auf der deutschen Seite empfiehlt sie den Besuch der rekonstruierten Römervilla von Perl-Borg. In Perl ist auch das runde Dutzend saarländischer Moselwinzer zu Hause, kleine Familienbetriebe wie der von Thomas Schmitt. Er veranstaltet kulinarische Weinbergwanderungen durch das Dreiländereck. Einen ganzen Tag lang geht es da berg-auf, bergab durch das Moselland. Und an besonders schönen Stellen warten auf die Wanderer Wein und Leckereien aus der Region: Schinkentorte mit Pinot blanc im Schmitt’schen Weinberg im Saarland, Schafskäse mit einem Rotwein Cuvée bei einem Bauern in Lothringen, und das Dessert wird in Luxemburg mit einem Gewürztraminer heruntergespült.

Mittlerweile sind 25 Staaten dem Schengener Abkommen beigetreten. Das „Schengen-Visum“, das auch Nichteuropäern das freie Reisen durch den „Schengen-Raum“ ermöglicht, ist heiß begehrt. Für viele bleibt es allerdings nur ein schöner Traum. Am Strand von Tanger in Marokko, von wo aus man schon das europäische Festland sieht, gibt es eine Kneipe mit dem Namen „Café Schengen“ – eine Art Sehnsuchtsort für Armutsflüchtlinge aus ganz Afrika. Europa – zum Greifen nah und doch unerreichbar.

Wolfgang Felk

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema