ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2010Ärztegenossenschaft Schleswig-Holstein: Keine Revolution, aber erfolgreich

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Ärztegenossenschaft Schleswig-Holstein: Keine Revolution, aber erfolgreich

Dtsch Arztebl 2010; 107(25): A-1244 / B-1096 / C-1076

Maus, Josef

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Vor zehn Jahren startete die erste landesweit agierende Ärztegenossenschaft mit hohen Zielen und großen Erwartungen. Ihr Vorsitzender Klaus Bittmann zog jetzt Bilanz.

Als am 24. Mai 2000 die Ärztegenossenschaft Schleswig-Holstein in der Holstenhalle in Neumünster aus der Taufe gehoben wurde, war das Echo durchaus unterschiedlich. Während die regionale Kassenärztliche Vereinigung (KV) nach intensiven Beratungen und Abstimmungen mit den Berufsverbänden, den freien Verbänden und den Ärztenetzen der Neugründung ihren Segen gab, argwöhnten viele KV-Vorsitzende aus anderen Regionen, hier würde in gefährlicher Weise am Ast der KVen gesägt. Gemeint war damit die Zielsetzung der Genossenschaft, als Parallelorganisation zur Kassenärztlichen Vereinigung die Interessen der niedergelassenen Ärzte ohne „körperschaftliche Fesseln“ vertreten zu wollen. Die Krankenkassen zeigten sich gleichfalls skeptisch – ein Vertreter der Ersatzkassen sprach wenig schmeichelhaft von einer „Einkaufsgenossenschaft für Buntstifte“.

Keine paradiesischen Inseln geschaffen, aber den Wandel rechtzeitig erkannt: Klaus Bittmann, Vorsitzender der Ärztegenossenschaft Schleswig-Holstein. Foto: Pietschmann/NAV-Virchow-Bund
Keine paradiesischen Inseln geschaffen, aber den Wandel rechtzeitig erkannt: Klaus Bittmann, Vorsitzender der Ärzte­genossenschaft Schleswig-Holstein. Foto: Pietschmann/NAV-Virchow-Bund
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Heute, zehn Jahre später, haben sich die Dinge längst zurechtgerückt. Die Gründung der ersten landesweit agierenden Ärztegenossenschaft hat nicht zu einer Revolution und Befreiung von allen Zwängen des Sozialrechts geführt. Aber die ärztliche Initiative ist auch keineswegs in der Bedeutungslosigkeit verschwunden. Im Gegenteil: Dr. med. Klaus Bittmann, der Vorsitzende der Ärztegenossenschaft Schleswig-Holstein, konnte bei der Generalversammlung Ende Mai auf eine ganze Reihe von Erfolgen verweisen. Am Anfang stand tatsächlich die Einkaufsgenossenschaft, aber schon bald galt das Augenmerk dem Vertragsgeschäft in Form von ersten Integrationsverträgen – in gewisser Weise die Vorläufer der heutigen Selektivverträge.

Inzwischen bietet die Ärztegenossenschaft fast ein Dutzend Verträge mit verschiedenen Kassen und für verschiedene Arztgruppen an. Darunter sind spezielle Versorgungsverträge wie „Willkommen Baby“ mit der Deutschen Angestellten-Krankenkasse und Gynäkologen zur Verhinderung von Frühgeburten. Ähnliche Vereinbarungen gibt es auch mit einer Vielzahl von Betriebskrankenkassen. Verträge zur Wundversorgung, zu Vorsorgeuntersuchungen bei Kindern und zur hausärztlichen Versorgung gehören ebenso zum Portfolio wie spezialisierte Nephrologieverträge und Verträge zur ambulanten Palliativversorgung. Pro Quartal haben diese Abschlüsse nach Angaben der Genossenschaft im vergangenen Jahr ein Honorarvolumen von circa 5,3 Millionen Euro erreicht.

Neben dem Vertragsgeschäft vertreibt die Ärztegenossenschaft seit mehreren Jahren bundesweit Generika unter dem Dach der Eigengründung Q-Pharm. Auch ein Verlag gehört inzwischen zum unternehmerischen Spektrum der Vereinigung, der rund 2 200 Ärzte und Psychotherapeuten angehören. Das ist etwa die Hälfte aller Niedergelassenen in Schleswig-Holstein. Mit Blick auf die gesundheitspolitischen Veränderungen der letzten zehn Jahre stellte Bittmann fest: „Die Landschaft hat sich sehr stark gewandelt. Die Ärztegenossenschaft hat den Wandel nicht verhindert, nicht wirksam beeinflussen können, keine paradiesischen Inseln in der umkämpften Welt der ambulanten Versorgung geschaffen – aber wir haben den Wandel rechtzeitig erkannt und unsere Wege und Ziele von Anfang an darauf ausgerichtet.“ Der Stellenwert der Kassenärztlichen Vereinigung für die niedergelassenen Ärzte hat sich aber offenbar auch in der Zeit des Wandels nicht so sehr verändert. „Die meisten Niedergelassenen arrangieren sich, wenn auch murrend, mit den bestehenden Rahmenbedingungen. Die behütende Werkstatt Kassenärztliche Vereinigung wird von uns kritisiert, aber im Sinne aller Zwangsmitglieder und der verbliebenen Bedeutung nicht angegriffen.“

Bittmann hat im Laufe der Zeit die Erkenntnis gewonnen, dass „die Geschlossenheit und Entschlossenheit für einen Systemausstieg oder für mutige Verweigerungshaltung nicht diktierbar“ ist und es vielmehr des überzeugten Willens einer qualifizierten Mehrheit bedarf, um Grundlegendes zu ändern. So sind alle bisherigen Versuche, über sogenannte Korbmodelle einen geordneten Ausstieg aus dem KV-System zu organisieren, fehlgeschlagen. Andererseits hält Bittmann zumindest die Entwicklung hin zu Selektivverträgen außerhalb der KVen für unumkehrbar. „Sicherstellungsauftrag und Alleinvertretungsanspruch der Körperschaften werden durchlöchert“, sagte der Vorsitzende der Ärztegenossenschaft.

Josef Maus

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