ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2010Sektorenübergreifende Qualitätssicherung: Ein Anfang ist gemacht

POLITIK

Sektorenübergreifende Qualitätssicherung: Ein Anfang ist gemacht

Dtsch Arztebl 2010; 107(25): A-1250 / B-1101 / C-1081

Gerst, Thomas

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Die Erwartungen sind groß. Der Nachweis, dass die Daten, die mit dem neuen Verfahren gewonnen werden, effektiv genutzt werden, muss noch erbracht werden.

Große Worte in einer doch eher kleinen Stadt: „Ein neues Zeitalter der Qualitätssicherung beginnt mit dieser Veranstaltung“, verkündete in der Göttinger Stadthalle Stefan Kapferer, Staatssekretär im Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium, den circa 700 Teilnehmern der Veranstaltung „Qualität kennt keine Grenzen – neue Orientierung im Gesundheitswesen“. Dorthin eingeladen hatte am 16. Juni das „AQUA-Institut für angewandte Qualitätsförderung und Forschung im Gesundheitswesen GmbH“ mit Sitz in Göttingen. Nach einer europaweiten Ausschreibung hatte der Gemeinsame Bundes­aus­schuss (G-BA) zum Jahresende das AQUA-Institut mit der sektorenübergreifenden Qualitätssicherung (SQS) nach § 137 a Sozialgesetzbuch V beauftragt. Gleichzeitig hat der G-BA das Göttinger Institut anstelle der Bundesgeschäftsstelle Qualitätssicherung (BQS) mit der Fortführung der externen Qualitätssicherung in den Krankenhäusern beauftragt.

Vertragsabschluss im vergangenen Jahr zwischen G-BA und AQUA-Institut. Joachim Szecsenyi (links) und Rainer Hess. Foto: G-BA
Vertragsabschluss im vergangenen Jahr zwischen G-BA und AQUA-Institut. Joachim Szecsenyi (links) und Rainer Hess. Foto: G-BA
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Der Geschäftsführer des AQUA-Instituts, Prof. Dr. med. Joachim Szecsenyi, betonte die Notwendigkeit, bei der Qualitätssicherung das Leistungsgeschehen sektorenübergreifend und über Ländergrenzen hinweg nachvollziehen zu können. „Wir schauen dahin, wo der Patient behandelt wird. Unabhängig davon, ob das im Krankenhaus ist oder beim niedergelassenen Arzt. Daher auch das Motto der Veranstaltung ,Qualität kennt keine Grenzen‘“, sagte Szecsenyi.

Das AQUA-Institut wird sich mit ausgewählten Aspekten der SQS befassen. Auftraggeber ist der G-BA. Die ersten vier Aufträge sind bereits erteilt: Das Göttinger Institut soll Qualitätssicherungsverfahren zur Konisation am Gebärmutterhals, zur Kataraktoperation, zur perkutanen transluminalen Koronarangioplastie und zum kolorektalen Karzinom entwickeln. Diese Verfahren seien gewählt worden, so Szecsenyi, weil sie eine Vielzahl von Patienten beträfen und die Behandlungen in beiden Sektoren, also sowohl bei niedergelassenen Ärzten als auch im Krankenhaus, vorgenommen würden. In den bereits durchgeführten externen Panelverfahren zur Entwicklung von Qualitätsindikatoren für diese Eingriffe habe es sehr intensive Diskussionen frei von politischen Erwägungen und unter Einbeziehung von Patientenvertretern gegeben.

Zähe Diskussion um Richtlinie

Die vom G-BA nach kontroversen Diskussionen beschlossene Richtlinie 13 ist die organisatorische Grundlage für die SQS. Die an der G-BA-Richtlinie direkt Beteiligten zeigten sich bei der Tagung in Göttingen wenig euphorisch; wahrscheinlich standen sie noch immer unter dem Eindruck der langen Auseinandersetzung über Daten- und Deutungshoheit. Der Vorsitzende des G-BA, Dr. Rainer Hess, sprach von einer manchmal sehr kleinkarierten Diskussion, betonte aber, der G-BA sei ja gerade dafür da, „die Vielzahl von Partikularinteressen in der GKV moderierend zu Kompromissen zusammenzuführen“. Das Ringen um die Richtlinie zeige, dass es sich bei der SQS um etwas komplett Neues handele. Nach der Pseudonymisierung der Daten werde es möglich sein, individuelle Behandlungsabläufe über Sektoren- und Ländergrenzen hinweg verfolgen zu können. Der Kompromiss sieht die Beibehaltung bisheriger Einrichtungen der Qualitätssicherung auf Länderebene vor. Diese kommen in einer sektorenübergreifenden Landesarbeitsgemeinschaft zusammen. Die Datenzusammenführung erfolgt auf Bundesebene mit der landesbezogenen Zuordnung von Behandlungsketten. Bundesbezogene Datenerhebungen können für Auswertungen auf Landesebene genutzt werden.

Förderung statt Sanktionen

Johann-Magnus von Stackelberg vom GKV-Spitzenverband sieht noch Hindernisse auf dem Weg zu einer effizienten SQS und die Gefahr des Aufbaus einer neuen Qualitätssicherungsbürokratie. Es gebe Probleme bei der schnellen Datenverfügbarkeit und bei den Schnittstellen. Es dauere zu lange, bis Ergebnisse rückgespiegelt würden. Als bisher sehr unbefriedigend empfinde er es, „nichts machen zu können, wenn über Jahre hinweg ein Krankenhaus ganz unten auf der Liste steht“. Im ambulanten Bereich sei man da schon weiter, betonte Dr. med. Franziska Diehl, Dezernentin der Kassenärztlichen Bundesvereinigung. Hier gebe es bereits eine Vielzahl von Qualitätssicherungsmaßnahmen – auch mit der Möglichkeit von Sanktionen. Bei der SQS sollten aber zunächst qualitätsfördernde Elemente im Vordergrund stehen. Wichtig sei es, die reine Anhäufung von Datenbergen zu vermeiden. „Der zweite Teil von check and act sollte nicht vergessen werden.“

Thomas Gerst

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