ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2010Patienteninformation: Interaktiv und keines falls blutig

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Patienteninformation: Interaktiv und keines falls blutig

Dtsch Arztebl 2010; 107(25): A-1242 / B-1094 / C-1074

Krüger-Brand, Heike E.

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Die Aktion Meditech will verständlich über Medizintechnologien informieren und bezieht dabei die Nutzer von vornherein mit ein. Foto: bvmed
Die Aktion Meditech will verständlich über Medizintechnologien informieren und bezieht dabei die Nutzer von vornherein mit ein. Foto: bvmed
Als Patienteninformation oder für die Selbstdarstellung eines Krankenhauses sind Bilder wie diese nicht zu empfehlen. Foto: Barbara Krobath
Als Patienteninformation oder für die Selbstdarstellung eines Krankenhauses sind Bilder wie diese nicht zu empfehlen. Foto: Barbara Krobath

Der mündige Patient als Herausforderung für die Kommunikationsstrategien der Gesundheitsbranche

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Bilder auf der Krankenhaus-Website sind zwar ein Muss, aber wenn der Chefarzt auf blutigen Bildern „live und in Farbe“ direkt aus dem Operationssaal besteht, sollte man ihm dies unbedingt ausreden. Das empfahl Uwe Dolderer vom Vivantes-Netzwerk für Gesundheit beim Medinform-Kommunikationskongress in Frankfurt am Main. Der Leiter der Konzernkommunikation setzt auf eine positive Bildersprache. „Bilder sollen Vertrauen erzeugen, nicht Angst“, erläuterte Dolderer. Aufnahmen von blutverschmierten Patienten oder „Blicke in die Werkstatt“ eines Krankenhauses sind daher für konzerneigene Print- und Online-Medien tabu. Stattdessen werden authentische Darstellungen ohne Models und optisch ansprechende (nicht: beschönigende) Bilder genutzt, um sich von den Mitbewerbern abzuheben. Darüber hinaus verwendet der Berliner Krankenhauskonzern zur Patientenansprache beispielsweise auch Radiospots und Gesundheitssendungen, wie etwa die mehrteilige Sendung „Die Gesundmacher – (m)ein Fall für die Spezialisten“ bei TV-Berlin.

Mit welchen Strategien und Kommunikationsmaßnahmen kann der „mündige Patient“ am besten erreicht werden? Vor dieser Frage stehen viele Organisationen, Institutionen und Dienstleister der Gesundheitsbranche, Ärzte und Krankenhäuser ebenso wie Krankenkassen und Medizintechnikunternehmen. Denn der Patient oder Versicherte wird zunehmend anspruchsvoller: „Er will bei verstärkter Eigenbeteiligung besser über die medizinischen Möglichkeiten informiert sein“, erklärte Joachim M. Schmitt, Geschäftsführer des Bundesverbandes Medizintechnologie e.V. (BVMed).

Trend zu sozialen Netzwerken

Das Internet spielt für Patienten inzwischen eine der Hauptrollen bei der Informationsrecherche. Nach der Studie „Health Care Monitoring 2009“ (YouGovPsychonomics) informieren sich 79 Prozent der Internetnutzer über Gesundheitshintergründe im Web, davon 34 Prozent regelmäßig, wohingegen der Arzt lediglich mit 72 Prozent als Informationsquelle genannt wird. Darauf verwies Dr. Andreas L. G. Reimann von der Allianz Chronischer Seltener Erkrankungen und Geschäftsführer der Mukoviszidose e.V. Aus Sicht der Selbsthilfe werde das Modell der gemeinsamen Therapieentscheidung immer wichtiger, betonte Reimann. Seine Anforderungen an patientenfreundliche Informationen: Sie müssen aktuell, wissenschaftlich korrekt, vollständig, neutral und transparent, evidenzbasiert, verlässlich und nachprüfbar sowie verständlich und barrierefrei sein. Dabei sieht er einen Trend weg von statischen Informations-Websites über interaktive Portale hin zu sozialen Netzwerken (Web 2.0), in denen der Nutzer bestimmt. So würden entsprechende Community-Bereiche der Selbsthilfe in Facebook teilweise intensiver genutzt als die Foren auf den eigenen Seiten von Patientenorganisationen, berichtete Reimann.

„Wir sind noch ganz am Anfang auf dem Weg zu evidenzbasierten Patienteninformationsportalen“, befand der Vorstandsvorsitzende der Stiftung Gesundheit, Dr. Peter Müller. Neben guten Beispielen wie etwa dem Informationsportal des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (www.iqwig.de) oder den Krebsinformationen der Online-Enzyklopädie Wikipedia, die mit den Patienteninformationen des US-National Cancer Institutes mithalten können, gibt es zahlreiche privatwirtschaftliche Portalanbieter, die sich zwar um Seriosität bemühen, aber abhängig vom Werbemarkt bleiben. Studien zufolge hält jeder Fünfte die verfügbaren Informationen zu Gesundheitsthemen im Internet für verwirrend, und mehr als die Hälfte der Nutzer wünscht sich eine unabhängige Instanz, die ihnen die medizinischen Informationen bestätigt.

Die Frage der Qualität

Nach Meinung von Müller können Rankings Patienten nur bedingt Orientierung bieten. Im Krankenhausbereich ließen sich „harte Fakten“ wie Fallzahlen, Nachoperationen, Mortalitätsraten noch als Qualitätsindikatoren fassen. Arztbewertungsportale im niedergelassenen Bereich hingegen seien eher als Patientenzufriedenheitsportale zu bezeichnen. Ein Weg, die Qualität medizinischer Websites für den Nutzer transparent zu machen, ist nach Müller die Zertifizierung der Online-Angebote und die Vergabe von Gütesiegeln. Beispiele sind das AFGIS-Siegel des Aktionsforums Gesundheitsinformationssystem und das HON-Siegel der Health on the Net Foundation. Auch die Stiftung Gesundheit vergibt ein Zertifikat („Geprüfte Homepage“) auf Basis eines umfangreichen Bewertungskatalogs.

Auf die besondere Verantwortung der Medizintechnikbranche bei der Gesundheitsaufklärung und die Gefahren beim direkten Patientenmarketing ging Marc Michel von der Peter Brehm GmbH ein. Ärzte, Krankenkassen und zunehmend auch Patienten wollten über neue Behandlungsverfahren informiert werden. Brehm wandte sich gegen Bestrebungen aus der Medizintechnikindustrie, Wissen über Innovationen direkt an die Patienten zu geben, „quasi an Krankenhäusern und Ärzten vorbei“. Die Unternehmen stünden im Spannungsfeld zwischen Wettbewerb und Ethik. Durch Web-2.0-Anwendungen wie Twitter und Blogs komme es zu einer häufig zu schnellen Verbreitung von Meinungen und falschen Aussagen. Einige Kampagnen würden Hoffnungen wecken, die eventuell nicht eingehalten werden könnten. Die Flut an Informationen lasse oft ratlose Patienten zurück. Ärzte gerieten unter Zugzwang, bestimmte Produkte oder Verfahren zu verwenden.

Beispiel Endoprothetik: „Die Erkenntnis, ob ein Verfahren signifikant die Ergebnisse verbessert, ist gerade in der Endoprothetik erst nach einem längeren Zeitraum, im Regelfall nach über zehn Jahren, möglich“, erläuterte Brehm. Besser sei es zu warten, bis valide Informationen zu neueren Produkten und Methoden vorlägen. Sein Fazit: „Qualitativ hochstehende Information und Aufklärung des betroffenen Patienten sind wichtig. Problematisch ist es, wenn Aufklärung im wesentlichen produktgerichtet ist und Patienten in eine Richtung gelenkt werden, die vornehmlich im Interesse des Anbieters sind.“

Nicht zuletzt vor diesem Hintergrund hat der BVMed die Aktion Meditech gestartet (www.aktion-meditech.de), eine Informationskampagne, in der sich Ärzte, Patienten und Unternehmen gemeinsam engagieren, um über neue Behandlungsmethoden der Medizintechnologie zu informieren und dabei die betroffenen Patienten einzubeziehen.

Heike E. Krüger-Brand

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