ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2010Arztgeschichte: Mein lieber Schwan!

SCHLUSSPUNKT

Arztgeschichte: Mein lieber Schwan!

Dtsch Arztebl 2010; 107(25): [92]

Ullrich, Helmut

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Zeichnung: Elke R. Steiner
Zeichnung: Elke R. Steiner

„Die beiden Großvögel waren in einen Tiefschlaf versunken, aus dem sie selbst das laute Rumpeln und Poltern ihres altersschwachen Transportgefährts nicht wecken konnte.“

Bald 60 Jahre mag es schon her sein. Anfang der 50er Jahre bewegte sich langsamen Tempos ein damals zeitgemäßer alter Arztwagen vom Typ Opel P 4 auf der Landstraße zwischen einem Baggersee in Fußballfeldgröße und einer ländlichen Kleinstadt im Thüringischen. Auf der Rückbank saßen zwei Männer (Bürgermeister und Stadtarbeiter). Beide hatten einen großen, schneeweißen Vogel der Gattung Anseriformis (Schwan) auf dem Schoß. Vorbeugend hielten sie die Hälse ihres Schoßtieres umklammert, eine Vorsichtsmaßnahme, die völlig unnötig gewesen war, denn die beiden Großvögel waren in einen Tiefschlaf versunken, aus dem sie selbst das laute Rumpeln und Poltern ihres altersschwachen Transportgefährts nicht wecken konnte.

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Die höchst ungewöhnliche Fuhre hatte eine ebenso außerordentliche, wie durchaus amüsante Vorgeschichte: Dem Bürgermeister der Kleinstadt war bald nach seiner Wahl eingefallen, zur Zierde eines im Zentrum seiner Stadtgemeinde gelegenen, wunderschön gestalteten Teichs ein Schwanenpärchen anzuschaffen. Für dieses relativ teure Ziergeflügel gab es damals nur wenige Angebote. Als ihm ein solches auf den Schreibtisch kam, wurde der Handel etwas überstürzt perfekt. Erst danach, als der nicht geringe Kaufpreis aus dem Stadtsäckel entrichtet war, kamen dem wohlmeinend handelnden Stadtoberhaupt Skrupel, hatte der doch die gutgemeinte Anschaffung ohne die Zustimmung des Stadtparlaments vollzogen. Seine durchaus berechtigten Bedenken erreichten Panikcharakter, als er nach zwei Tagen feststellen musste, dass seine beiden kostspieligen Neuanschaffungen entflogen und auf dem Baggersee gelandet waren. Der unglückliche Bürgermeister und eine Handvoll seiner hilfsbereiten Mitbürger hatten dort schon vergeblich versucht, der schneeweißen Ausreißer habhaft zu werden.

Sicher als Ultima Ratio fiel dem leidgeprüften Bürgermeister schließlich der mit ihm befreundete Ortsarzt als geeigneter Nothelfer ein. Eine „Tatort“-Besichtigung zeigte, dass sich ein kräftiger Wind entwickelt hatte, der der ärztlichen Idee, den Schwänen mit einem starken Schlafmittel beizukommen, nützlich sein konnte. Eine Rückfrage beim ortsansässigen Tierarzt, welche Schlafmitteldosis einem ausgewachsenen Schwan zuzumuten sei, ohne sein Leben zu gefährden, ergab recht große, ungefährliche Toleranzen.

Die weiteren Schritte waren zwar nicht gerade Routine, vollzogen sich aber wie im Zeitraffer: Zwölf Tabletten Luminal wurden im Mörser zu Pulver zerrieben, mit einem guten Esslöffel Margarine vermischt und zwischen zwei gerösteten Weißbrotschnitten bleistiftdick aufgetragen. Wenig später schaukelten daumenendgliedgroße Brocken dieser raffinierten Zubereitung auf dem windbewegten Wasser des Baggersees und trieben auf die am jenseitigen Ufer ahnungslos schwimmenden Schwäne zu. Sobald sie die ausgehungerten Tiere erreicht hatten, schnappten diese begierig danach. Nach weniger als 20 Minuten war aus den ins Gefieder versenkten Köpfen der Vögel zu schließen, dass sie der Schlaf übermannt hatte.

Kurz darauf traten die beiden prachtvollen Großvögel ihre kurze Reise ins nahe Städtchen an. Sie fanden auf der Strohschütte eines leer geräumten Pferdestalls eine komfortable Unterkunft. Noch etwas torkelig erwachten sie sichtbar erstaunt, aber unbeschadet aus ihrem Tiefschlaf. Als ausgesprochene Lieblinge der Bevölkerung genossen sie die ihnen gewährte Gastfreundschaft.

Helmut Ullrich

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