ArchivDeutsches Ärzteblatt26/2010Pluralismus: Ein anderer Denkstil
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. . . Eine wesentliche Grundlage der regulären Medizin (mit abwertendem Unterton auch als „Schulmedizin“ bezeichnet) ist das wissenschaftliche Denken. Die Kriterien dieses Denkens („kritischer Rationalismus“) sind von Karl Popper klar herausgearbeitet worden. Natürlich darf es auch andere „Denkstile“ geben, aber diese erfüllen nicht das Kriterium der Wissenschaftlichkeit. Da hilft es auch nicht, sich neue „Paradigmen“ auszudenken und verschiedene „Pluralismen“ auszurufen. Aus der Sicht des rationalen Denkens können wir die Methoden der magisch-mystischen „Komplementärmedizin“ nicht als eine komplementäre Wissenschaft anerkennen.

Dass es in Deutschland zweierlei Arzneimittelrechte gibt – ein strenges für reguläre Medikamente und ein mildes für anthroposophische Medizin und Homöopathie – ist aus der Sicht des vernünftigen Denkens nicht nachvollziehbar. Dass laut Sozialgesetzbuch in Deutschland diese „besonderen Therapierichtungen“ nur „nach dem jeweiligen Stand der wissenschaftlichen Erkenntnisse in der jeweiligen Therapierichtung“ beurteilt werden sollen, ist ein juristischer Schildbürgerstreich.

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Jener medizinische Pluralismus, wie ihn Kiene und Heimpel propagieren, „stellt das Deutungsmonopol des wissenschaftlichen Mainstreams infrage“, soll aber angeblich die Wissenschaftsverpflichtung nicht aufheben. Um diese kühne Behauptung zu verteidigen, hantieren die Autoren mit „unterschiedlichen Denkstilen und Denkkollektiven“ und einem „Pluralismus der Evidenzebenen“ . . .

In Wirklichkeit ist es ausgeschlossen, die Denkstile der anthroposophischen Medizin, der Homöopathie oder der Bioresonanz wissenschaftlich zu evaluieren. Soweit sich einzelne Therapieempfehlungen innerhalb dieser komplementärmedizinischen Glaubenslehren in Studien überprüfen ließen, wurde deren Unwirksamkeit bewiesen. Es ist jedoch leicht einzusehen, warum Kiene und Heimpel solche negativen Studien als irrelevant abtun werden. Sie pflegen einfach einen anderen „Denkstil“, der intersubjektiv nicht vermittelbar ist.

Der eklatante Widerspruch zwischen rational begründbarer und magisch-mystischer Medizin lässt sich zwar mit einem pluralistischen Wortschwall übertünchen, aber nicht aus der Welt schaffen. Hier gibt es kein „Sowohl-als-auch“, sondern nur ein „Entweder-oder“.

Zugegeben, magisch-mystische Methoden gehören zu den ältesten Formen der Medizin. Sofern Patienten in dieser Weise behandelt werden wollen, steht ihnen dies frei. Allerdings halten wir daran fest, dass drei Einschränkungen zu beachten sind:

– Erstens ist es unseriös, diese Methoden als eine besondere Form der Wissenschaft auszugeben.

– Zweitens ist es unseriös, diese Methoden an Universitäten zu lehren, wie es derzeit in unserem Lande leider geschieht.

– Und drittens ist es nicht akzeptabel, dass die Solidargemeinschaft für diese Methoden bezahlen soll.

Prof. Dr. med. Rudolf Happle,
Universitäts-Hautklinik Marburg, 35033 Marburg

Prof. Dr. Hans Wolff, Klinik und Poliklinik für
Dermatologie und Allergologie der LMU München, 80337 München

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