ArchivDeutsches Ärzteblatt26/2010Pluralismus: Der Theorienpluralismus
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. . . Unter den vielen aufgezählten Pluralismen wird nur einer nicht genannt, der in den vergangenen Jahrzehnten eine große Rolle gespielt hat, der „Theorienpluralismus“. Dieser angebliche medizinische Theorienpluralismus, von der Politik gern aufgegriffen, diente 1976 als eine Begründung für die Aufnahme von drei (vermeintlich) alternativen Medizinrichtungen (Homöopathie, anthroposophische Medizin und Phytotherapie) in das Arzneimittelgesetz, mit der Folge, dass bei uns Arzneimittel nach vier verschiedenen Standards gesetzlich zugelassen werden.

Jede Form von Medizin gründet sich, ausgesprochen oder nicht, auf eine Vorstellung von der vorhandenen Krankheit, eine „Theorie“. Glaubt zum Beispiel der Behandler, der Kranke sei von einem bösen Geist besessen, versucht er, diesen auszutreiben. Die heutige wissenschaftliche Medizin geht in ihrer Theorie seit dem 19. Jahrhundert davon aus, dass Krankheiten natürliche körperliche und psychische Ursachen haben, die mit rationalen Methoden erforscht und behandelt werden. Die angeblich „komplementären“ oder „alternativen“ Richtungen der Medizin – sie sind weder komplementär, weil sie keine notwendige Vervollständigung der wissenschaftlichen Medizin darstellen, noch alternativ, weil sie keine Alternative sind – haben sämtlich andere theoretische Vorstellungen, das heißt, es besteht eine Theorienkonkurrenz. Für diesen Fall gibt es wissenschaftstheoretische Kriterien zur Beurteilung der Qualität von Theorien: Zirkelfreiheit, innere und äußere Widerspruchsfreiheit, Erklärungswert, Prüfbarkeit, Widerlegbarkeit, Testerfolg, Reproduzierbarkeit und einige weitere. Diese Kriterien erfüllt keine einzige der alternativen Richtungen. Nimmt man nur das Kriterium des Testerfolgs, so wird dies allein von der wissenschaftlichen Medizin erfüllt. Den Alternativen ist es bis heute nicht gelungen, auch nur eine einzige ernsthafte Krankheit zu heilen. Darüber können auch die eschwörungen einzelner Wissenschaftstheoretiker nicht hinwegtäuschen. Mit alternativen Verfahren werden Symptome behandelt, zum Beispiel Schmerzen aller Art, die verschwinden können, ohne dass die zugrundeliegende Krankheit geheilt wird; oft ist diese überhaupt nicht definiert. Den Unterschied zwischen Heilung einer Krankheit und der Beseitigung eines Symptoms haben anscheinend auch etliche Publizisten bis heute nicht begriffen . . .

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Insgesamt ist zu fürchten, dass das Dialogforum „Pluralismus in der Medizin“ und die von manchen seiner Mitglieder ausgehenden Aktivitäten in bewährter Weise darauf hinzuwirken versucht, dass bei der bevorstehenden Gesundheitsreform die Alternativen einbezogen und nicht ausgegrenzt werden, begründet mit der großen Nachfrage und einem angeblich bestehenden Bedürfnis, mit Toleranz und Pluralismus. Über die Kosten spricht man nicht. Leider geschieht dies hier unter Mitwirkung des höchsten Repräsentanten der Ärzteschaft.

Die wissenschaftliche Medizin, wie sie an allen Universitäten der Industrienationen gelehrt wird, hat in Deutschland eine große Tradition – wir sollten sie bewahren.

Prof. Dr. med. Klaus-Dietrich Bock, 83708 Kreuth

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