ArchivDeutsches Ärzteblatt26/2010Universitätsklinikum Giessen und Marburg: „Eine einmalige Herausforderung“

POLITIK

Universitätsklinikum Giessen und Marburg: „Eine einmalige Herausforderung“

Dtsch Arztebl 2010; 107(26): A-1290 / B-1138 / C-1118

Osterloh, Falk

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Ungewöhnliches Echo auf einen Titelaufsatz im Deutschen Ärzteblatt: 26 Marburger Universitätsprofessoren verfassten ein Papier zu den Auswirkungen der Privatisierung ihres Klinikums auf Patientenversorgung, Forschung und Lehre.

Pilotprojekt der Privatisierung: Das Universitätsklinikum Marburg wurde vor vier Jahren mit dem in Gießen fusioniert und an den neuen Träger, die Rhön-Klinikum AG, veräußert. Foto: Wikipedia
Pilotprojekt der Privatisierung: Das Universitätsklinikum Marburg wurde vor vier Jahren mit dem in Gießen fusioniert und an den neuen Träger, die Rhön-Klinikum AG, veräußert. Foto: Wikipedia

Für alle Beteiligten ist die Privatisierung eines Krankenhauses ein ebenso komplexes wie hochemotionales Thema. Das Deutsche Ärzteblatt machte das Für und Wider Ende April (Heft 17/2010) zum Titelthema. In dem Artikel wurde auch die Situation an Deutschlands erstem privatisiertem Universitätsklinikum Gießen und Marburg (UKGM) geschildert. Ein Oberarzt des Klinikums Marburg beklagte die fehlende Zeit für die Weiterbildung. Berichtet wurde auch von einem an die Öffentlichkeit gelangten internen Brandbrief der Oberärzte der Kinderklinik Marburg und von der Initiative „Notruf 113“, in der sich niedergelassene Ärztinnen und Ärzte der Umgebung zusammengeschlossen haben, die eine verschlechterte Qualität der Patientenversorgung im privatisierten Uniklinikum kritisieren.

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Das wird nach Ansicht vieler Marburger Klinikchefs der tatsächlichen Situation nicht gerecht. 26 Universitätsprofessorinnen und -professoren, zugleich Leiter klinischer Abteilungen des Universitätsklinikums Marburg, haben zu dem DÄ-Artikel eine gemeinsame Stellungnahme verfasst. Ihre zentrale Aussage: „Die Versorgung der Patienten des UKGM erfolgt auf hohem Niveau, so, wie man es in Deutschland von einem Universitätsklinikum erwarten darf.“ Die Hochschullehrer und Chefärzte fassen zusammen, was geschehen ist, seit das Land Hessen 2006 die Krankenversorgung in Marburg und Gießen zu 95 Prozent an die Rhön-Klinikum AG veräußerte: „Zum einen, für jedermann sichtbar, erfolgten massive Investitionen in die Strukturen beider Standorte des UKGM, zum Beispiel in Marburg durch den dritten Bauabschnitt des Zentralklinikums, der den Umzug einiger, noch in der Stadt angesiedelter Kliniken in eine adäquate Infrastruktur mit kurzen Wegen ermöglicht.“ Auch die Bereiche Forschung und Lehre seien dabei mit einer vernünftigen Infrastruktur ausgestattet worden. „Ferner wird in Marburg ein Partikeltherapiezentrum gebaut, was zu erheblichen Investitionen seitens des Betreibers geführt hat. Darüber hinaus hat das UKGM den Aufbau des Marburger Carreras-Leukämie-Centrum finanziell unterstützt“, heißt es in der Stellungnahme.

Dem gegenüber stehe das straffe wirtschaftliche Management des UKGM mit dem Ziel, die Erlössituation zu optimieren. Marburg habe von Anfang an schwarze Zahlen geschrieben. „Der befürchtete Abbau von Arzt- und Pflegestellen ist bislang ausgeblieben; in einzelnen Bereichen wurden Stellen aufgestockt. Hier warten wir die Entwicklungen ab 2011 ab, wenn der vertraglich geregelte Kündigungsschutz wegfallen wird“, schreiben die Klinikdirektorinnen und -direktoren.

Sie betonen, dass die meisten Kliniken sehr gute Kontakte zu den Einweisern und niedergelassenen Kollegen hätten, „so wie es in der Patientenversorgung im Sinne des Patienten auch sein sollte“. „Dass ein nicht unseren Qualitätsstandards entsprechender Arztbrief versendet wird, kommt leider in den besten Kliniken vor und kann sicher nicht pauschal der Privatisierung angelastet werden. Auch die zunehmende Öko­nomi­sierung bei steigendem Kostendruck und Arbeitszeitverdichtung sind keine exklusive Erfindung privater Träger, sondern seit der DRG-Einführung ein Phänomen der Zeit.“

Hohe Qualitätsstandards

Bereits vor der Privatisierung habe es gerade in Marburg intensive Bemühungen um einen hohen Grad an Qualitätssicherung gegeben. „Als Beispiel sei hier das Competence Cancer Center genannt, in dem viele Organtumorzentren bereits zertifiziert sind“, heißt es. Darüber hin-aus seien weitere Zentren entstanden, wie das Epilepsiezentrum und das Allergie-Zentrum Hessen, Einrichtungen mit hohem Qualitätsanspruch und dem Fokus auf die innerklinische Ausbildung, aber auch Aus- und Weiterbildung der niedergelassenen Kollegen. Für ihre Pionierarbeit zur Patientensicherheit seien prominente Marburger Kliniker ausgezeichnet worden. Davon sei in dem Artikel nicht die Rede gewesen, beklagen die Ärzte.

„Wir, als primär von der Privatisierung betroffene, klinisch tätige Universitätsprofessorinnen und -professoren beobachten den laufenden Prozess der Privatisierung kritisch und begleiten ihn konstruktiv, in der Hoffnung und mit dem Ziel, in einem gemeinsamen Lern- und Weiterbildungsprozess die vom Land nicht aus eigenen Kräften kompensierten Defizite erfolgreich bewältigen zu können. Damit diese bislang einmalige Herausforderung an die deutsche Hochschulmedizin in Mittelhessen gelingen kann, ist unserer Ansicht nach einer fairer und respektvoller Umgang aller Partner unerlässlich.“

Im Mai hat sich der Wissenschaftsrat mit der Uniklinik Gießen und Marburg befasst. Sein Fazit: Investitionen durch Betreiber und Land haben die Bedingungen für Forschung und Lehre verbessert. Die Fachbereiche hätten jedoch versäumt, eine gemeinsame Strategie für Forschung und Lehre zu entwickeln. Die Initiative „Notruf 113“ hat gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt diese Beurteilung kommentiert: „In seiner Bewertung der Beschäftigungsstrukturen kritisiert der Wissenschaftsrat wie vorher schon Personalvertreter oder ,Notruf 113‘, dass für die Bedarfsplanung in einem Benchmarking ein nichtuniversitäres Haus als Vergleich herangezogen worden sei. Ausdrücklich stellt der Wissenschaftsrat dabei einen Eindruck der Willkür fest, der zu einer Verunsicherung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beigetragen habe.“ Zudem sehe der Rat die Leistungsverdichtung in der Krankenversorgung an Universitätsklinika als Gefahr für die wissenschaftliche Arbeit an. Die im UKGM vorhandenen Arbeitszeitmodelle könnten laut Wissenschaftsrat in vielen Abteilungen nach Angaben der Betroffenen jedoch nicht verlässlich umgesetzt werden.

„Die Stellungnahme des Wissenschaftsrates stellt insbesondere die Situation im Jahre 2008 dar“, schreibt „Notruf 113“. Seither sei „eine Dynamik in der personellen zum dramatisch Schlechteren“ eingetreten. „Immer mehr engagierte und gut ausgebildete Ärzte haben das Klinikum nach der Privatisierung aufgrund der schlechten Arbeitsbedingungen verlassen. Auch wenn sie durch jüngere Kollegen ersetzt werden, hinterlassen sie große Lücken. “

Unzureichende Landesmittel

Dagegen schreiben die Professorinnen und Professoren, dass man auch vier Jahre nach der Privatisierung noch nicht alle durch die Privatisierung ausgelösten Entwicklungen in den Bereichen Krankenversorgung, Forschung und Lehre eindeutig bewerten könne. „Natürlich sehen auch wir, dass ein privater Krankenhausträger als Wirtschaftsunternehmen im Bereich Krankenversorgung nicht selbstverständlich die Interessen für die ureigensten akademischen Aufgaben einer medizinischen Fakultät, nämlich Lehre und Forschung, vertritt.“ Wie sich dies auf die Qualität von Lehre und Forschung auswirkt, habe auch der Wissenschaftsrat nicht abschließend bewerten können. In jedem Fall habe er dem Land Hessen aber sehr deutlich nahegelegt, den Zuführungsbeitrag für die medizinischen Fachbereiche zu erhöhen. „Hierzu muss man wissen, dass die Fachbereiche Medizin in Gießen und Marburg die im Bundesvergleich am schlechtesten ausgestatteten medizinischen Fachbereiche sind“, heißt es in der Stellungnahme. Forschung und Lehre müssten auch vom UKGM aktiv unterstützt werden. „Ein Benchmarking des UKGM mit ausschließlich in der Krankenversorgung tätigen Häusern der Rhön-Klinikum AG wäre sicherlich weder angemessen noch fair“, schreiben die Chefärztinnen und -ärzte. „Die Umsetzung der Kritikpunkte des Wissenschaftsrats hin zu einer besseren Kommunikation und Kooperation zwischen UKGM und Fachbereich Medizin/ Philipps-Universität Marburg ist eine Aufgabe, der wir uns stellen. Auch die vom Wissenschaftsrat geforderten Anstrengungen, verstärkt mit dem Fachbereich Medizin der Justus-Liebig-Universität Gießen zu kooperieren, nehmen wir ernst und werden sie aktiv angehen.“

Falk Osterloh

Die Stellungnahme gegenüber dem DÄ zur Privatisierung haben unterzeichnet: Detlef Bartsch, Katja Becker, Stephan Becker, Thomas Behr, Roswitha Berger, Rita Engenhard-Cabillic, Susanne Fuchs-Winkelmann, Thomas Gress, Michael Hertl, Rainer Hofmann, Joachim Hoyer, Tilo Kircher, Klaus Jochen Klose, Beate Kolb-Niemann, Michael Lohoff, Rolf Maier, Andreas Neff, Andreas Neubauer, Christopher Nimsky, Wolfgang Oertel, Steffen Ruchholtz, Stephan Schmidt, Walter Sekundo, Claus Vogelmeier, Jochen A. Werner, Hinnerk Wulf.

Vom Saulus zum Paulus

Selbstverständlich habe er als grüner Gesundheitspolitiker die Privatisierung von Krankenhäusern immer abgelehnt, berichtet Dr. Bernd Köppl, lange Jahre Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses. Seine Wandlung vom Saulus zum Paulus begann mit der Beobachtung, „dass öffentliche Pflegeeinrichtungen in Berlin rote Zahlen schrieben und unzufriedene Patienten hatten und dass es bei den privaten und freigemeinnützigen anders war“. Köppl, bis zum Frühjahr Ärztlicher Leiter des Sana-Gesundheitszentrums Berlin und heute Vorsitzender des Bundesverbandes der Medizinischen Versorgungszentren, verweist auf die hohen Investitionen privater Träger nach der Übernahme von Kliniken und ambulanten Versorgungszentren. In der Mobilisierung privaten Kapitals für die stationäre und ambulante Versorgung sieht Köppl nichts Negatives. Er empfiehlt den Grünen, sich diesem Weg politisch zu öffnen. „Aber werden Ärzte in renditeorientierten Unternehmen nicht eher unter Druck gesetzt?“, wurde in einer Diskussionsveranstaltung der Heinrich-Böll-Stiftung Mitte Juni in Berlin gefragt. Köppls Antwort: Fremdbestimmung könne man ausschließen, notfalls mit Hilfe des Gesetzgebers. Die ärztliche Berufsfreiheit müsse bestehen bleiben. Stü.

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