ArchivDeutsches Ärzteblatt26/2010Krebstherapie: Innovationen nützen auch Älteren

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Krebstherapie: Innovationen nützen auch Älteren

Dtsch Arztebl 2010; 107(26): A-1317

Vetter, Christine

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Krebsmedikamente werden vergleichsweise selten in jener Patientengruppe klinisch geprüft, in der die Malignome am häufigsten auftreten: bei den Älteren. Dabei sind neue Arzneimittel oft auch im hohen Lebensalter effektiv und verträglich.

Die Lebenserwartung eines 65-jährigen Mannes liegt bei 82,1 Jahren, die einer 65-jährigen Frau sogar bei 85,4 Jahren. In den kommenden Jahren wird sie nach Angaben des Statistischen Bundesamtes weiter steigen, und das bis 2060 voraussichtlich auf 87,3 Jahre bei den dann 65-jährigen Männern und auf 90,5 Jahre bei den gleichaltrigen Frauen. Damit bleibe Menschen, bei denen im Alter von 65 Jahren und mehr eine Krebserkrankung festgestellt werde, noch eine beträchtliche Lebenserwartung, und es gebe keine Berechtigung dafür, ihnen eine effektive Krebstherapie zu versagen, so hieß es beim 29. Deutschen Krebskongress in Berlin. „Immerhin sind zwei Drittel der Krebspatienten älter als 65 Jahre, wenn der Tumor festgestellt wird“, sagte Priv.-Doz. Dr. med. Ulrich Wedding, Jena. „In den klinischen Studien spiegelt sich das aber nicht wider. Dort sind ältere und alte Patienten unterrepräsentiert.“

Klinische Prüfungen fehlen

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Damit stehe die moderne Krebstherapie vor einem Dilemma, meint Wedding, denn es fehle an klinischen Prüfungen zur Wirksamkeit und Sicherheit von Medikamenten für alte Menschen, obwohl das genau jene Patientengruppe sei, für die diese Medikamente im Wesentlichen entwickelt würden. Dennoch sei, fügte Wedding hinzu, wenig darüber bekannt, ob und wenn ja, wann und wie, eine medikamentöse Krebstherapie an die besonderen Gegebenheiten des alternden Organismus anzupassen sei.

Klar sei, dass ein geriatrisches Assessment erfolgen und sich die Therapieanpassung am biologischen und nicht am kalendarischen Alter des Patienten orientieren müssten. Eine Art „Krücke“ biete in dieser Situation die Unterscheidung älterer Krebspatienten anhand ihrer Fitness, erklärte Dr. Valentin Goede, Köln. Sie würden differenziert nach sogenannten fitten Patienten, auch „Go-go-Patienten“ genannt, also solchen bei denen eine Krebstherapie problemlos möglich erscheine, und „unfitten“ Patienten, den sogenannten Slow-go-Patienten, bei denen die Behandlungsintensität zurückgenommen werden müsse, sowie den „No-Go-Patienten“, bei denen man sich aufgrund der körperlichen Einschränkungen auf einen palliativen Ansatz beschränke.

Auch solche Unterscheidungen rechtfertigen es nicht, älteren Krebspatienten innovative Medikamente vorzuenthalten. Als Beispiel führte Priv.-Doz. Dr. med. Arnd Hönig aus Würzburg die Behandlung mit dem Antikörper Trastuzumab bei Frauen mit HER2-positivem Brustkrebs an. Denn eine nach dem Alter differenzierte Analyse der vorliegenden Studiendaten weist für ältere Frauen unter Trastuzumab eine Ansprechrate von 62 gegenüber 60 Prozent bei jüngeren Frauen aus. Und beim progressionsfreien Überleben schneiden Hönig zufolge ältere Frauen mit 12,9 Monaten sogar besser ab als jüngere Patientinnen mit durchschnittlich nur 9,9 Monaten. Bei der Verträglichkeit des Antikörpers ist es nach Hönig ähnlich: „Ältere Frauen vertragen den Antikörper in aller Regel gut, es ist lediglich auf eine etwas häufiger auftretende kardiale Dysfunktion zu achten.“

Effektiv für alle Altersgruppen

Nicht viel anders sieht es nach Angaben des Mediziners bei der Behandlung mit Bevacizumab beim HER2- negativen metastasierten Mammakarzinom aus: „Subgruppenanalysen der Phase-III- und -IV-Studien zeigen, dass die Behandlung über alle Altersgruppen effektiv ist und gut vertragen wird.“ Auch unter der Therapie mit dem Angiogenesehemmer sei die Zeit bis zum Tumorprogress bei älteren nicht schlechter als bei jüngeren Frauen. Im Gegenteil: Frauen über 70 Jahre lebten mit durchschnittlich 10,5 Monaten gegenüber 9,5 Monaten bei jüngeren Frauen im statistischen Mittel sogar einen Monat länger ohne Tumorprogress.

Christine Vetter

Symposium „Therapie des alten Tumorpatienten: tägliche Herausforderung auf dünner Datenbasis“ beim 29. Deutschen Krebskongress in Berlin, Veranstalter: Roche Pharma AG

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