ArchivDeutsches Ärzteblatt26/2010Infektionen nach Überschwemmungen: Hilfe für Ersthelfer

THEMEN DER ZEIT

Infektionen nach Überschwemmungen: Hilfe für Ersthelfer

Dtsch Arztebl 2010; 107(26): A-1300 / B-1147 / C-1127

Klinnert, Volker

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Foto: action press
Foto: action press

Flutkatastrophen sind in Südostasien keine Seltenheit. Eine Übersicht über die gesundheitlichen Folgen soll helfen, das Risiko vor Ort einzuschätzen.

Auch in Südostasien kommt es in den letzten Jahren immer häufiger zu schweren Überschwemmungen, die Menschenleben fordern und Epidemien auslösen können. Die globale Klimaerwärmung, die fehlende Infrastruktur in schnell wachsenden Millionenstädten oder Naturkatastrophen wie der Tsunami im Dezember 2004 sind nur einige der Ursachen. Denn jahreszeitenbedingte, monsunabhängige starke Regenfälle sind in Ländern wie Bangladesch, Indonesien oder Vietnam seit jeher bekannt.

Anzeige

Die Folgen der Flutkatastrophen ähneln sich: Menschen ertrinken, verletzen sich bei Stromunfällen oder entwickeln die typischen Infektionskrankheiten. Betroffen ist häufig auch das Personal von Organisationen, die im Rahmen der humanitären Hilfe Ersthelfer in die Krisengebiete entsenden.

Die häufigsten Infektionskrankheiten nach Überschwemmungen sind Durchfallerkrankungen. Da in vielen Fällen die Trinkwasserversorgung unterbrochen wird, müssen die Menschen auf verunreinigtes Wasser zurückgreifen. In Bangladesch, wo es besonders am Golf von Bengalen immer wieder zu Überschwemmungen kommt, wurde 2004 bei mehr als 17 000 Betroffenen ein hoher Anteil an Vibrio cholerae (O1 Ogawa und O1 Inaba) und enterotoxischer Escherichia coli verzeichnet (1). Das in Dhaka ansässige International Centre for Diarrhoeal Disease Research behandelt jedes Jahr aufs Neue während der Regenzeit Tausende Patienten mit Durchfallerkrankungen und dürfte weltweit eines der erfahrensten und wissenschaftlich aktivsten Zentren bei der Therapie von Diarrhöen sein.

Studien aus Indonesien zeigen nach Überschwemmungen eine Häufung von Salmonella enterica (Serotyp Paratyphus A) und Cryptosporidium parvum (2, 3). Nach der Tsunamikatastrophe im Jahr 2004 belegte eine Studie aus der betroffenen indonesischen Provinz Aceh, dass von den Überlebenden, die aus ungeschützten Brunnen getrunken hatten, 85 Prozent innerhalb von zwei Wochen Durchfallerkrankungen entwickelt haben (4).

Auch Hepatitis A und E können fäkal-oral übertragen werden. Weil Hepatitis A in vielen Ländern Südostasiens endemisch ist und die Kinder bereits in den ersten Lebensjahren eine Immunität entwickeln, sind epidemieartige Ausbrüche selten. In Hepatitis-E-endemischen Gebieten häufen sich die Fallzahlen nach Überschwemmungen. Auch nach dem Tsunami kam es im Westen Sumatras zu einer Anhäufung von Hepatitis-A- und -E-Clustern.

Eine Leptospirose kann durch den Hautkontakt mit Wasser oder Schlamm übertragen werden, der durch den Urin von Ratten oder anderen Nagetieren infiziert ist. Da sich schwere Symptome erst später manifestieren und die Diagnose nicht immer einfach zu stellen ist, dürfte die Dunkelziffer hoch sein. Nach den starken Überschwemmungen im Februar 2007 in Jakarta nahm die Anzahl der diagnostizierten Fälle in zwölf Monaten um das Fünffache zu (Inzidenz 5,1/100 000). Auch in Kambodscha erwies sich die Leptospirose nach Regenzeiten als häufigste Ursache von unklarem Fieber, wie die Navy Medical Research Unit im Dezember 2008 berichtete (5).

Hilfe für die Opfer: Um Epidemien zu verhindern, benötigen die Betroffenen vor allem sauberes Trinkwasser und sanitäre Einrichtungen. Foto: dpa
Hilfe für die Opfer: Um Epidemien zu verhindern, benötigen die Betroffenen vor allem sauberes Trinkwasser und sanitäre Einrichtungen. Foto: dpa

Die oft befürchteten, von Mücken übertragenen Infektionen wie Dengue-Fieber und Malaria bleiben direkt nach den Überschwemmungen meistens aus. Durch die Zerstörung des natürlichen Umfelds der Insekten verzögern sich epidemieartige Ausbrüche. Nach der Tsunamikatastrophe waren die Brutstätten der Insekten mit salzhaltigem Wasser überschwemmt, was zunächst zu einem deutlichen Rückgang der Infektionszahlen führte. Vor allem die Aedesmücke, Überträgerin des Dengue-Fiebers, benötigt kleine, saubere Wassermengen, um zu brüten, ein Habitat, das am besten bei kontinuierlichen und regelmäßigen, nicht aber bei plötzlichen und zu stark einsetzenden Regenfällen gegeben ist. In Jakarta kam es nach den Überschwemmungen im Februar 2007 erst nach der nächsten Regenzeit (Oktober 2007 bis April 2008) zu einer deutlichen Zunahme der Infektionen mit Dengue-Fieber.

Ein Faktor, der hingegen eine Übertragung von Malaria und Dengue-Fieber beschleunigt, ist die große Anzahl von Menschen, die Wohnraum und sanitäre Versorgung verloren haben und damit wesentlich exponierter sind. Allerdings lassen sich die steigenden Zahlen von Dengue-Fieber weltweit, insbesondere in vielen Millionenstädten Südostasiens, nicht auf gehäufte Überschwemmungen zurückführen. Auch andere in Südostasien typische, ebenfalls durch Mücken übertragene Infektionen wie die japanische Enzephalitis oder die neuerdings steigenden Zahlen von Chikungunya-Fieber scheinen nach Überschwemmungen keinen epidemieartigen Verlauf zu nehmen.

Nach Flutkatastrophen wird die Bevölkerung häufig in Sammellagern auf engstem Raum und unter einfachsten hygienischen Bedingungen untergebracht. Masern sind hier ein bekanntes Risiko, das nur durch Impfungen, vor allem von Kindern, eingedämmt werden kann. In Aceh kam es nach dem Tsunami allerdings trotz schnell einsetzender Impfkampagnen zu einem Masernausbruch (6).

Auch die Meningitis (Neisseria meningitidis) wird begünstigt übertragen, wenn viele Menschen auf engem Raum zusammenleben. Nach dem Tsunami nahmen in einigen betroffenen Ländern die Fallzahlen zu. Überschwemmungen in Vietnam, Indonesien und Bangladesch zeigten seit 2008 jedoch keine steigende Inzidenz.

In den ersten Wochen nach der Tsunamikatastrophe kam es in Aceh zu 106 Wundinfektionen mit dem Tetanuserreger (Clostridium tetani), von denen 20 tödlich verliefen (6). Andere Infektionen, wie die Meloidose (Burkholderia mallei) oder die Coccidioides-Mykose (Coccidioides immitis), die durch infizierten Schlamm übertragen werden, sind selten und unter einfachen Bedingungen schwer zu diagnostizieren.

Vor allem in den Medien wird die mögliche Infektionsgefahr durch Leichen häufig überbewertet. Tritt der Tod durch Ertrinken oder Traumata während einer Flutwelle ein, geht in der Regel von den Leichen keine Seuchengefahr aus (7). Nur bei toten Körpern, die zuvor mit Cholera oder hämorrhagischem Fieber infiziert waren, sind besondere Vorsichtsmaßnahmen einzuhalten (8). Die Anzahl dieser Leichen dürfte aber im Vergleich zu denen, die im Rahmen der Katastrophe umkommen, eher gering sein.

Um nach Überschwemmungen die Ausbreitung von Infektionskrankheiten zu verhindern, müssen die Betroffenen vor allem möglichst schnell wieder mit sauberem Trinkwasser und sanitären Einrichtungen versorgt werden. Eine wichtige Rolle spielt außerdem die medizinische Versorgung mit schnellen Diagnosemöglichkeiten, dem Führen von Behandlungsprotokollen, einer ausreichenden Wundversorgung und der Abgabe von Medikamenten (9).

In den Ländern, in denen die Durchimpfungsrate der unter 15-Jährigen unter 90 Prozent liegt, sollte möglichst rasch eine Massenimmunisierung gegen Masern erfolgen. Von einer generellen Impfung gegen Typhus sieht man inzwischen ab. Sie kann allerdings gezielt bei Ausbrüchen vorgenommen werden. Es werden keine Impfkampagnen gegen Hepatitis A durchgeführt. Dagegen scheitert die Immunisierung gegen Cholera oft an finanziellen und logistischen Hürden.

Für Ersthelfer, die in Überschwemmungsgebiete in Südostasien einreisen, gilt ein anderes Impfprofil. Die meisten Mitarbeiter von Hilfsorganisationen achten von vornherein auf einen möglichst umfassenden Impfschutz. Besteht dieser nicht und müssen Helfer kurzfristig in eine Katastrophenregion aufbrechen, sollte vor der Abreise in jedem Fall ein Schutz gegen Tetanus und Hepatitis A bestehen. Ersterer muss in der Regel mit nur einer Impfung aufgefrischt werden (sinnvollerweise kombiniert mit dem Schutz gegen Poliomyelitis und Diphtherie). Gegen Hepatitis A schützt eine Impfung über einige Monate.

Dr. med. Volker Klinnert

@Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/lit2610

1.
Qadri F, Khan AI, Faruque ASG, Begum YA, Chowdhury F, Nair GB, et al: Enterotoxigenic Escherichia coli and Vibrio cholerae diarrhea, Bangladesh. Emerg Infect Dis. 2005;11:1104-7. MEDLINE
2.
Vollaard AM, Ali S, van Asten HA, Widjaja S, Visser LG, Surjadi C, et al: Risk factors for typhoid and paratyphoid fever in Jakarta, Indonesia. JAMA. 2004;291:2607-15. MEDLINE
3.
Katsumata T, Hosea D, Wasito EB, Kohno S, Hara K, Soeparto P, et al: Cryptosporidiosis in Indonesia: a hospital-based study and a community-based survey. Am J Trop Med Hyg. 1998;59:628–32. MEDLINE
4.
Brennan RJ, Kimba K: Rapid health assessment in Aceh Jaya District, Indonesia, following the December 26 tsunami. Emerg Med Australas. 2005;17:341–50. MEDLINE
5.
Blair PJ, et al: Identification and characterization of the etiologies of acute undifferentiated febrile illness in Cambodia in 2007. Abstracts of the57th American Society for Tropical Medicine and Hygiene annual meeting, New Orleans, LA, USA, December 7-11 2008;Abstract no. 426.
6.
World Health Organization: Epidemic-prone disease surveillance and response after the tsunami in Aceh Province, Indonesia. Wkly Epidemiol Rec. 2005;80:160–4. MEDLINE
7.
Morgan O: Infectious disease risks from dead bodies following natural disasters. Rev Panam Salud Publica. 2004;15:307–11. MEDLINE
8.
Sack RB, Siddique AK: Corpses and the spread of cholera. Lancet. 1998;352:1570. MEDLINE
9.
Watson JT, et al: Epidemics after natural disasters. Emerg Infect Dis. 2007;13:1 MEDLINE
1.Qadri F, Khan AI, Faruque ASG, Begum YA, Chowdhury F, Nair GB, et al: Enterotoxigenic Escherichia coli and Vibrio cholerae diarrhea, Bangladesh. Emerg Infect Dis. 2005;11:1104-7. MEDLINE
2.Vollaard AM, Ali S, van Asten HA, Widjaja S, Visser LG, Surjadi C, et al: Risk factors for typhoid and paratyphoid fever in Jakarta, Indonesia. JAMA. 2004;291:2607-15. MEDLINE
3.Katsumata T, Hosea D, Wasito EB, Kohno S, Hara K, Soeparto P, et al: Cryptosporidiosis in Indonesia: a hospital-based study and a community-based survey. Am J Trop Med Hyg. 1998;59:628–32. MEDLINE
4.Brennan RJ, Kimba K: Rapid health assessment in Aceh Jaya District, Indonesia, following the December 26 tsunami. Emerg Med Australas. 2005;17:341–50. MEDLINE
5.Blair PJ, et al: Identification and characterization of the etiologies of acute undifferentiated febrile illness in Cambodia in 2007. Abstracts of the57th American Society for Tropical Medicine and Hygiene annual meeting, New Orleans, LA, USA, December 7-11 2008;Abstract no. 426.
6.World Health Organization: Epidemic-prone disease surveillance and response after the tsunami in Aceh Province, Indonesia. Wkly Epidemiol Rec. 2005;80:160–4. MEDLINE
7.Morgan O: Infectious disease risks from dead bodies following natural disasters. Rev Panam Salud Publica. 2004;15:307–11. MEDLINE
8.Sack RB, Siddique AK: Corpses and the spread of cholera. Lancet. 1998;352:1570. MEDLINE
9.Watson JT, et al: Epidemics after natural disasters. Emerg Infect Dis. 2007;13:1 MEDLINE

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema