ArchivDeutsches Ärzteblatt26/2010Auswahlverfahren für das Medizinstudium: Kein Ersatz für die Abiturnote

POLITIK

Auswahlverfahren für das Medizinstudium: Kein Ersatz für die Abiturnote

Dtsch Arztebl 2010; 107(26): A-1298 / B-1145 / C-1125

Hampe, Wolfgang; Hissbach, Johanna

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Erfahrungen in Hamburg zeigen: Strukturierte Interviews scheinen die Auswahl von geeigneten Medizinstudierenden zu unterstützen. Als einziges Kriterium sind sie jedoch fraglich.

Nicht abhängig von einem einzelnen Votum: Die Bewerber in Hamburg durchlaufen mehrere Stationen. Foto: Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Unternehmenskommunikation
Nicht abhängig von einem einzelnen Votum: Die Bewerber in Hamburg durchlaufen mehrere Stationen. Foto: Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Unternehmenskommunikation

Der Numerus clausus für das Medizinstudium gehört abgeschafft“, forderte Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Philipp Rösler Anfang April. Er will Auswahlgespräche bei der Studienplatzvergabe stärker berücksichtigt wissen. Aber sagt das Votum zweier Professoren nach einem halbstündigen Interview tatsächlich mehr über den künftigen Erfolg eines Abiturienten in Studium und Beruf aus als die Abiturnote?

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Viele Lehrstuhlinhaber trauen sich zu, eine gute Prognose über den langfristigen Studienverlauf oder gar die ärztlichen Qualitäten eines Bewerbers zu treffen. Studien zeigen jedoch kaum einen Zusammenhang zwischen Interviewbewertung und Studienerfolg (1). Zudem hängt das Ergebnis der Gespräche sehr stark vom gewählten Thema und vom Interviewer ab. Für eine zuverlässigere Bewertung müssten die Interviews hochstrukturiert sein, was ihre Entwicklung aufwendig macht. Positiv wirkt sich ein Interview eher dadurch aus, dass es ein Signal an die Studienbewerber ist, dass einer Fakultät auch andere Kriterien als die Abiturnote wichtig sind. Die persönliche Auswahl kann zu einer Selbstselektion der Studienbewerber und möglicherweise zu einer stärkeren Bindung der Studierenden an „ihre“ Universität führen. Daneben wird dem allgemeinen Wunsch nach einer stärkeren Berücksichtigung zwischenmenschlicher Fähigkeiten bei der Bewerberauswahl Rechnung getragen.

Kanadisches Modell läuft seit einem Jahr in Hamburg

Gibt es bessere Verfahren als die klassischen Interviews? Im letzten Jahr haben wir in Hamburg ein Interviewverfahren eingeführt, das in Kanada entwickelt worden ist: das multiple Miniinterview (2). Hierbei führt der Bewerber nicht ein längeres Gespräch, sondern durchläuft mehrere standardisierte Interviewstationen. Diese sind voneinander unabhängig, da an jeder Station neue Juroren warten. Für die Teilnehmer ergibt sich so die Chance eines Neustarts, falls ein Gespräch schlecht gelaufen sein sollte. Bei jeder der in Hamburg eingesetzten zwölf Stationen erhielten die Bewerber konkrete Aufgaben, die sie in fünf Minuten bewältigen mussten. Sie sollten beispielsweise einem Menschen mit geistiger Behinderung, der von einem Schauspieler dargestellt wurde, das Ablesen einer analogen Uhr erklären. In einer anderen Station diskutierten sie mit dem Juror das Verhalten eines Arztes, der Patienten homöopathische Mittel empfiehlt, obwohl er nicht an ihre Wirkung glaubt. Die Leistung der Bewerber wurde in jeder Station von mehreren Juroren anhand eines vorgegebenen Bewertungsbogens beurteilt. Nach kanadischen Studien korrelieren die über mehrere Juroren gemittelten Ergebnisse der Miniinterviews mit den Ergebnissen der praktischen Abschlussprüfung vor allem im Bereich Patienteninteraktion (2).

Etwa 50 Juroren bewerten in Hamburg die Leistungen in den simulierten Patientengesprächen.
Etwa 50 Juroren bewerten in Hamburg die Leistungen in den simulierten Patientengesprächen.

Alle 75 Bewerber wurden an einem Tag von mehr als 50 Hamburger Juroren bewertet, was in etwa dem Aufwand für traditionelle Interviews entspricht. Ist der Einsatz dieser erheblichen Ressourcen gerechtfertigt? Unsere Arbeitsgruppe untersucht die Zuverlässigkeit und die Vorhersagekraft der in Hamburg eingesetzten Auswahlverfahren(1, 3), so dass wir in einigen Jahren mehr über die Übertragbarkeit der kanadischen Ergebnisse auf das Auswahlverfahren am Uniklinikum Hamburg-Eppendorf sagen können.

Können Interviews die Abiturdurchschnittsnote, die der Gesetzgeber den medizinischen Fakultäten als wichtigstes Auswahlkriterium vorschreibt, ersetzen? Nein, denn als zusammengesetzte Beurteilung einer Vielzahl von unabhängigen Einzelleistungen durch mehrere Lehrer hat sie in vielen Untersuchungen die höchste Vorhersagekraft für den Studienerfolg gezeigt. Die Befürchtung, durch die Auswahl anhand von Abiturnoten bevorzugt die sozial inkompetenteren Bewerber zum Studium zuzulassen – man denke an das Klischee des „Bücherwurms“ – ist nicht berechtigt. Kognitive Leistungsfähigkeit korreliert mit Qualitäten wie emotionaler Sensitivität, sozialen Fertigkeiten und Vielseitigkeit der Interessen (4). Es gibt also keinen Hinweis darauf, dass die Notenbesten in Bezug auf kommunikative oder soziale Kompetenzen schlechter abschneiden als durchschnittliche Schüler.

Problematisch an der Verwendung der Abiturnote ist jedoch, dass sie je nach Bundesland, Schule oder Fächerkombination unterschiedlich ausfallen kann und somit nicht direkt vergleichbar ist. Die Medizinische Fakultät Hamburg hat daher einen weiteren Test, den HAM-Nat (3), entwickelt, der Naturwissenschaftskenntnisse auf gymnasialem Niveau prüft. Der HAM-Nat ist mit geringem Aufwand für viele Hunderte Teilnehmer durchzuführen, so dass auch Bewerber mit „schlechteren“ Abiturnoten als 2,0 eingeladen werden und somit eine Chance auf einen Studienplatz erhalten. Dieser Test ist nicht geeignet zu prognostizieren, wer später ein „guter Arzt“ wird. Durch seinen Einsatz kann aber die Anzahl der Studienabbrüche reduziert werden, die überwiegend in den ersten naturwissenschaftlich geprägten Studiensemestern erfolgen (3).

Wie kann die Politik die Studienbewerberauswahl an den Hochschulen unterstützen? Einer festgelegten Anzahl an Studienplätzen stehen sehr viel mehr geeignete Bewerber gegenüber. Eine Abschaffung der Auswahl nach Abiturnote müsste also zur Einführung anderer Auswahlkriterien führen. Die existierenden Auswahlverfahren sind aber in Bezug auf Studien- und Berufserfolg nicht aussagekräftiger und wesentlich aufwendiger.

Medizinstudium: Geringe Abbrecherquote, hohe Kosten

Die Studienabbrecherquote in der Medizin ist vergleichsweise gering. Die Kosten für einen Medizinstudienplatz sind mit fast 200 000 Euro jedoch auch erheblich höher als bei anderen Studiengängen. Sollte es durch ein Auswahlverfahren gelingen, auch nur wenige Studienanfänger zusätzlich zur Approbation zu führen, profitiert die Gesellschaft erheblich. Eine Analyse der Hamburger Studierenden zeigte, dass zwei Gruppen wesentlich häufiger als die diejenigen mit den besten Abiturnoten oder die von den Hochschulen ausgewählten Studierenden das Studium abbrechen: Dies sind einerseits die Nicht-EU-Ausländer, für die trotz der Erweiterungen der Europäischen Union nach wie vor acht Prozent der Studienplätze reserviert werden. Die zweite Gruppe ist die der nach Wartezeit zugelassenen Studierenden (20 Prozent). Diese Quoten könnten vom Gesetzgeber gesenkt werden, wenn nicht der politische Wille zur Internationalität oder das im Grundgesetz verankerte Recht der freien Berufswahl dagegensprechen.

Rösler hat die Studierendenauswahl durch Interviews mit dem Ärztemangel in ländlichen Regionen in Verbindung gebracht. Die Identifizierung künftiger Landärzte scheint uns jedoch ein unrealistischer Anspruch an Auswahlverfahren zu sein. Bei Einführung einer Verpflichtung in Form einer „Landarztquote“ würden sich auch viele sehr gute Abiturienten bewerben, so dass der Numerus clausus nicht wesentlich sinken würde. Der Wunsch, Medizin zu studieren, ist bei vielen Bewerbern so stark ausgeprägt, dass sie die Landarztverpflichtung in Kauf nehmen würden, obwohl sie bei Studienbeginn noch keine qualifizierte Facharztwahl treffen können.

Auch wir wünschen uns Ärzte mit guten psychosozialen Eigenschaften. Aussagekräftige Auswahlverfahren hierfür müssen jedoch noch entwickelt und in wissenschaftlichen Studien untersucht werden.

Prof. Dr. med. Wolfgang Hampe,
Johanna Hissbach
Arbeitsgruppe Auswahlverfahren,
Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf

1.
Hampe W, Hissbach J, Kadmon M, Kadmon G, Klusmann D, Scheutzel P: Wer wird ein guter Arzt? Verfahren zur Auswahl von Studierenden der Human- und Zahnmedizin. Bundesgesundheitsbl 2009; 52: 821–30. MEDLINE
2.
Eva KW, Reiter HI, Trinh K, Wasi P, Rosenfeld J, Norman GR: Predictive validity of the multiple mini-interview for selecting medical trainees. Med Educ 2009; 43: 767–75. MEDLINE
3.
Hampe W, Klusmann D, Buhk H, Münch-Harrach D, Harendza S: Reduzierbarkeit der Abbrecherquote im Humanmedizinstudium durch das Hamburger Auswahlverfahren für Medizinische Studiengänge – Naturwissenschaftsteil (HAM-Nat). GMS Z Med Ausbild 2008; 25 Doc82.
4.
Jensen AR: The G factor – The science of mental ability. Westport, Connecticut, London Praeger; 1998.
1.Hampe W, Hissbach J, Kadmon M, Kadmon G, Klusmann D, Scheutzel P: Wer wird ein guter Arzt? Verfahren zur Auswahl von Studierenden der Human- und Zahnmedizin. Bundesgesundheitsbl 2009; 52: 821–30. MEDLINE
2.Eva KW, Reiter HI, Trinh K, Wasi P, Rosenfeld J, Norman GR: Predictive validity of the multiple mini-interview for selecting medical trainees. Med Educ 2009; 43: 767–75. MEDLINE
3.Hampe W, Klusmann D, Buhk H, Münch-Harrach D, Harendza S: Reduzierbarkeit der Abbrecherquote im Humanmedizinstudium durch das Hamburger Auswahlverfahren für Medizinische Studiengänge – Naturwissenschaftsteil (HAM-Nat). GMS Z Med Ausbild 2008; 25 Doc82.
4.Jensen AR: The G factor – The science of mental ability. Westport, Connecticut, London Praeger; 1998.

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