ArchivDeutsches Ärzteblatt26/2010Interview mit Prof. Dr. med. Norbert Donner-Banzhoff (Marburg) und Prof. Dr. med. Ferdinand Gerlach (Frankfurt/Main) „Es ist wichtig, dass man nah am Nachwuchs ist, und das sind wir“

POLITIK: Das Interview

Interview mit Prof. Dr. med. Norbert Donner-Banzhoff (Marburg) und Prof. Dr. med. Ferdinand Gerlach (Frankfurt/Main) „Es ist wichtig, dass man nah am Nachwuchs ist, und das sind wir“

Dtsch Arztebl 2010; 107(26): A-1284 / B-1132 / C-1112

Korzilius, Heike; Rieser, Sabine

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Die beiden Professoren für Allgemeinmedizin aus Hessen über Koordinierungsstellen an der Universität, Hausärztemangel und Konkurrenz aus Baden-Württemberg

Prof. Dr. med. Norbert Donner-Banzhoff (53) hat als Student drei Auslandssemester in Großbritannien verbracht. Dort machte er mit einem erfahrenen Hausarzt einen Besuch bei einem sehr alten Ehepaar, wie Philemon und Baucis, und dachte sich: „Als Hausarzt kann ich solche Menschen als Individuen wahrnehmen und betreuen. In der Klinik oder einem Pflegeheim wären es nur zwei verwirrte Alte, die versuchen, aus dem Gitterbett zu klettern.“ Donner-Banzhoff ist Professor für Allgemeinmedizin an der Universität Marburg.
Prof. Dr. med. Norbert Donner-Banzhoff (53) hat als Student drei Auslandssemester in Großbritannien verbracht. Dort machte er mit einem erfahrenen Hausarzt einen Besuch bei einem sehr alten Ehepaar, wie Philemon und Baucis, und dachte sich: „Als Hausarzt kann ich solche Menschen als Individuen wahrnehmen und betreuen. In der Klinik oder einem Pflegeheim wären es nur zwei verwirrte Alte, die versuchen, aus dem Gitterbett zu klettern.“ Donner-Banzhoff ist Professor für Allgemeinmedizin an der Universität Marburg.

Herr Professor Donner-Banzhoff, Herr Professor Gerlach, Probleme mit dem hausärztlichen Nachwuchs – das verband man jahrelang eher mit östlichen Bundesländern. Doch auch in Hessen werden Hausärzte knapp, oder?

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Gerlach: Einer Hochrechnung der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen zufolge werden bis zum Jahr 2015 etwa 400 Hausärzte in Hessen fehlen, allein 300 auf dem Land beziehungsweise in mittelgroßen Zentren. Es ist spürbar, dass es auch bei uns Regionen gibt, in denen die Versorgung zukünftig nicht mehr sichergestellt ist.

Donner-Banzhoff: Unsere Studenten erleben, wie positiv die hausärztliche Tätigkeit ist. Sie kommen regelmäßig begeistert aus den Lehrpraxen zurück. Dennoch ist nicht zu übersehen, dass die regionalen Netze reißen. Bei uns rufen niedergelassene Hausärzte an und fragen, ob wir nicht Ärztinnen und Ärzte in Weiterbildung vermitteln können. Selbst Kliniken melden sich. Es ist eben ein weiter Weg von den motivierenden Erfahrungen im Studium bis zum späteren Entschluss, eine eigene Hausarztpraxis zu eröffnen.

Woran hapert es Ihrer Erfahrung nach auf diesem Weg?

Donner-Banzhoff: Nur ein Teil der medizinischen Fakultäten hat Lehrstühle für Allgemeinmedizin. Und wenn, dann handelt es sich dabei um ein Instrument in einem großen Orchester, das oft eine andere Melodie spielt. Dazu kommt: Nach der Approbationsordnung wäre ein Blockpraktikum in einer Praxis über sechs Wochen möglich. Doch wir haben in Marburg nur Geld für ein zweiwöchiges Praktikum.

Gerlach: Das ist bei uns ähnlich. Die Allgemeinmedizin ist in der Regel das einzige Fach an den medizinischen Fakultäten, das ausschließlich ambulant tätig ist. Uns unterstützen zwar mehr als 110 akkreditierte Lehrpraxen in und um Frankfurt, und wir führen eine lange Warteliste mit Praxen, die Interesse an einer Zusammenarbeit hätten. Aber unter dem Strich gilt trotzdem: Medizinstudierende hören in Deutschland sehr viel über die hochspezialisierte Versorgung, aber zu wenig über die vielfältige medizinische Grundversorgung.

Ihr Fach hatte lange den Nimbus der Barfußmedizin. Ist das noch so?

Gerlach: Das hängt davon ab, ob und wie es sich präsentieren kann. Dort, wo es leistungsfähige eigene Institute oder Abteilungen gibt, sicher nicht mehr.

Donner-Banzhoff: Die einen sprechen von Barfußmedizin, die anderen davon, dass die Allgemeinmedizin die eigentlichen intellektuellen Herausforderungen bietet, im Gegensatz zum Gerätebedienen. Es gibt Studierende, die schätzen die Allgemeinmedizin. Aber wer technisch orientiert ist, den wird man nicht gewinnen können. Je überzeugender man das Fach allerdings darstellt, umso mehr Interessenten hat man.

Derzeit treibt viele die Frage um, mit Hilfe welcher Strukturen man den allgemeinmedizinischen Nachwuchs noch besser fördern könnte. Sie haben dafür mit Ärztinnen und Ärzten in Weiterbildung ein Konzept erarbeitet. Es sieht unter anderem vor, die Koordinierungsstellen Allgemeinmedizin an den Instituten für Allgemeinmedizin in Frankfurt und Marburg anzusiedeln. Warum?

Prof. Dr. med. Ferdinand M. Gerlach (49) weiß noch gut, was ihn als Studenten für die Allgemeinmedizin eingenommen hat: das breite Spektrum und ein inspirierender Ausbilder. „Er hat uns klargemacht, dass Hausärzte auch die Familie und das Umfeld sehen und einbeziehen“ erinnert sich der heutige Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin an der Universität in Frankfurt/Main. Außerdem legte der Ausbilder Wert auf praktische Fähigkeiten: „Wir mussten mit Apfelsinen Wunden ausschneiden üben.“ Fotos: Heike Rost
Prof. Dr. med. Ferdinand M. Gerlach (49) weiß noch gut, was ihn als Studenten für die Allgemeinmedizin eingenommen hat: das breite Spektrum und ein inspirierender Ausbilder. „Er hat uns klargemacht, dass Hausärzte auch die Familie und das Umfeld sehen und einbeziehen“ erinnert sich der heutige Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin an der Universität in Frankfurt/Main. Außerdem legte der Ausbilder Wert auf praktische Fähigkeiten: „Wir mussten mit Apfelsinen Wunden ausschneiden üben.“ Fotos: Heike Rost

Gerlach: Zum einen sind solche Stellen in vielen anderen Ländern aus guten Gründen auch an den Universitäten angesiedelt. Zum anderen ist es unserer Ansicht nach wichtig, dass man nah am Nachwuchs ist, und genau das sind wir. Um dafür zu sorgen, dass es zukünftig genug Hausärzte gibt, müssen wir insbesondere diejenigen, die ihr praktisches Jahr bei uns machen, direkt erreichen und ihnen eine nahtlose Perspektive bieten.

Was bedeutet das konkret?

Gerlach: Wir sagen: Ihr bekommt einen Vertrag über die gesamte Weiterbildungszeit. Ihr werdet in den angeschlossenen Kliniken und Praxen vernünftig vergütet. Wir organisieren qualitativ hochwertige Begleitseminare, eine individuelle Mentorenbetreuung, und wir evaluieren, wie sich eure Weiterbildung verbessern lässt. Dieses Paket hätte, im Vergleich mit der bisherigen Situation, eine sehr hohe Attraktivität. Schon heute durchläuft jemand, der sein PJ in einer allgemeinmedizinischen Praxis macht, bei uns 16 strukturierte Begleitseminare. Das kommt sehr gut an.

Ihr Konzept umfasst ein Maßnahmenbündel: Koordinierungsstellen an der Uni, Verbundweiterbildung, Qualifizierung und Betreuung von Weiterbildern und Mentoren, aber auch Forderungen nach Studienfinanzierungsmodellen für Landärzte oder nach neuen Arbeits- und Niederlassungsmodellen. Was ist am wichtigsten?

Donner-Banzhoff: Das ganze Bündel ist wichtig. Für den Hausärztemangel gibt es viele Ursachen, deshalb benötigt man auch mehr als eine Maßnahme. Bald haben wir 75 Prozent Ärztinnen in der Allgemeinmedizin, was sehr erfreulich ist. Für sie ist eine Einzelpraxis auf dem Land aber nicht attraktiv, oft auch nicht machbar.

Gibt es irgendwo in Deutschland bereits einen Ansatz, den Sie für nachahmenswert halten?

Gerlach: Die Baden-Württemberger haben ein Kompetenzzentrum Allgemeinmedizin geschaffen. Dort kooperieren die fünf Medizinischen Fakultäten und koordinieren von Heidelberg aus insgesamt 24 Weiterbildungsverbünde. Inzwischen finanzieren drei Landesministerien das Zentrum. Dort hat man erkannt, dass die hausärztliche Grundversorgung eine unverzichtbare Infrastrukturkomponente ist, besonders im ländlichen Raum.

Weiterbildung ist traditionell Aufgabe der Lan­des­ärz­te­kam­mern. Machen Sie ihnen mit Ihren Ideen Konkurrenz?

Gerlach: Nein, es geht uns auch gar nicht um Konkurrenz. Mit den Koordinierungsstellen soll eine Lücke geschlossen werden für Aufgaben, die bisher noch keiner übernimmt. Wir wollen also keinem etwas wegnehmen, sondern neue Aufgaben bestmöglich organisieren. Schließlich haben wir an unseren Instituten eine Menge Erfahrung gesammelt, beispielsweise mit sinnvollen inhaltlichen und didaktischen Ansätzen der Erwachsenenbildung. Studierende und junge Ärzte wollen begeistert werden und brauchen theoretisches Wissen wie konkrete Praxis. Das alles kann eine Institution allein ja gar nicht vermitteln.

Donner-Banzhoff: Die Sorge rührt vielleicht auch daher, dass die Ärztekammern in der Vergangenheit nicht gut genug verfolgt haben, was real in der Weiterbildung passiert. In anderen Ländern steckt man mehr Herzblut in das didaktische Engagement oder die Frage, wie man gute Kollegen als Weiterbilder gewinnt.

Gerlach: Die wirkliche Qualität der Weiterbildung hat ja mit der Weiter­bildungs­ordnung nichts zu tun. Es gibt zum Beispiel in Deutschland kein Train-the-trainer-Konzept für die Weiterbildung. Wir müssen im Übrigen regional etwas tun. Baden-Württemberg wirbt uns mit seinem strukturierten Weiterbildungsprogramm schon die besten Studierenden und Doktoranden ab.

Sie sprechen in Ihrem Konzept auch finanzielle Fragen an. Nun gibt es seit langem das Förderprogramm Allgemeinmedizin, dessen Ausstattung vor kurzem verbessert wurde. Das Geld wird aber teilweise nicht einmal ganz abgerufen. Wie passt das zusammen?

Donner-Banzhoff: Dafür gibt es verschiedene Gründe. Manchen ist gar nicht bekannt, wie man an dieses Geld kommt. Andererseits muss man sagen: Wir wissen nicht, was ohne die Fördermittel passiert wäre. Mich stört allerdings, dass sie einfach abgerufen werden können, aber man sie gar nicht nutzen kann, um Qualität zu fördern. In funktionierenden Weiterbildungsverbünden in anderen Ländern ist eben auch Geld da, um Weiterbilder in Praxen und Klinikabteilungen zu qualifizieren oder besonders gute zu fördern. Davon sind wir Lichtjahre entfernt.

Gerlach: Im Grunde ist in der Weiterbildung ja auch noch vieles unerforscht. Deshalb führen wir so sinnlose Debatten wie die, ob die Allgemeinmedizin nicht in erster Linie die Innere Medizin umfassen sollte und man deshalb die Grundversorgung besser die Internisten machen ließe. Wir müssten viel genauer wissen, welche Fähigkeiten und Kenntnisse zukünftige Hausärzte brauchen, um Ärzte in Weiterbildung gezielter darauf vorzubereiten.

Das Interview führten
Heike Korzilius und Sabine Rieser.

Prof. Dr. med. Norbert Donner-Banzhoff (53) hat als Student drei Auslandssemester in Großbritannien verbracht. Dort machte er mit einem erfahrenen Hausarzt einen Besuch bei einem sehr alten Ehepaar, wie Philemon und Baucis, und dachte sich: „Als Hausarzt kann ich solche Menschen als Individuen wahrnehmen und betreuen. In der Klinik oder einem Pflegeheim wären es nur zwei verwirrte Alte, die versuchen, aus dem Gitterbett zu klettern.“

Donner-Banzhoff ist Professor für Allgemeinmedizin an der Universität Marburg.

Prof. Dr. med. Ferdinand M. Gerlach (49) weiß noch gut, was ihn als Studenten für die Allgemeinmedizin eingenommen hat: das breite Spektrum und ein inspirierender Ausbilder. „Er hat uns klargemacht, dass Hausärzte auch die Familie und das Umfeld sehen und einbeziehen“ erinnert sich der heutige Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin an der Universität in Frankfurt/Main. Außerdem legte der Ausbilder Wert auf praktische Fähigkeiten: „Wir mussten mit Apfelsinen Wunden ausschneiden üben.“

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