ArchivDeutsches Ärzteblatt11/1996Rauschgiftbilanz 1995: Gefährlicher Trend zu Designerdrogen

POLITIK: Aktuell

Rauschgiftbilanz 1995: Gefährlicher Trend zu Designerdrogen

Klinkhammer, Gisela

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LNSLNS Im vergangenen Jahr hat es weniger Drogentote gegeben. Nach der jetzt vorgelegten "Rauschgiftbilanz 1995" starben 1 565 Menschen an Drogen – 3,6 Prozent weniger als 1994. Für alarmierend hält der Bundesdrogenbeauftragte der Bundesregierung, Eduard Lintner (CSU), vor allem die Zunahme des Konsums von sogenannten Designerdrogen. So seien im letzten Jahr 15 Menschen "im Zusammenhang mit Ecstasykonsum" gestorben.


Die Zahl der Drogentoten in Deutschland ist im vergangenen Jahr gesunken. Während 1994 noch 1 624 Menschen nach dem Konsum illegaler Drogen starben, waren es im vergangenen Jahr "nur" noch 1 565. Dennoch könne eine echte Entspannung der Rauschgiftsituation nicht festgestellt werden, sagte der Bundesdrogenbeauftragte Eduard Lintner bei der Vorstellung der "Rauschgiftbilanz 1995" in Bonn.
Es gebe zwar weniger Erstkonsumenten von Kokain und Heroin. Dafür befänden sich LSD und Amphetaminderivate weiter auf dem Vormarsch (Schaubild). Nach Angaben Lintners wurden im vergangenen Jahr 933 Kilogramm Heroin sichergestellt, etwa eine halbe Tonne weniger als im Vorjahr. Dagegen gab es bei den synthetischen Drogen und Kokain eine deutliche Steigerung. So konnten im vergangenen Jahr 1 846 Kilogramm Kokain beschlagnahmt werden (1994: 767 Kilogramm).
Auf die wachsende Nachfrage nach synthetischen Drogen will die Bundesregierung mit einer gezielten Präventionskampagne reagieren. "Gerade der häufig unter Jugendlichen und bei Diskothekenbesuchern zu beobachtenden Sorglosigkeit, mit der diesen sogenannten Fitmacherdrogen begegnet wird, muß durch verstärkte Maßnahmen im Rahmen traditioneller Präventionsarbeit und mit entsprechenden Informationen, etwa in Form von Aktionen in Diskotheken, entgegengewirkt werden", kündigte Lintner an. Die vielschichtigen und in ihren Wirkungen noch nicht hinreichend erforschten Gefahren, die von synthetischen Drogen ausgehen, müßten noch stärker als bisher bewußt gemacht werden. Daß wirkungsvolle Suchtprävention machbar sei, zeige die rückläufige Entwicklung bei der Nachfrage nach Heroin, sagte der Drogenbeauftragte.

Erfahrungen mit der Methadonsubstitution
Ausführlich setzte sich Lintner mit der Methadonsubstitution auseinander. Wenn diese Behandlung "einen Weg aus der Sucht bieten soll", sei es erforderlich, "der notwendigen und für einen Erfolg entscheidenden therapeutischen und psychosozialen Begleitung dieser Behandlung deutlich stärker als bisher Rechnung zu tragen". Nur dann könne dieses Angebot eine Hilfe zum Ausstieg sein. Ohnehin zeigten die unterschiedlichen Entwicklungen in einzelnen Bundesländern, daß sich Substitutionsprogramme auf die Entwicklung der Zahl der Drogentoten nur begrenzt auswirkten. So seien in Bayern "mit einer eher restriktiven, kontrollierten Substitutionspraxis" auch 1995 wieder deutlich weniger Drogentote registriert worden als etwa in NordrheinWestfalen "mit einem eher großzügig angelegten Methadonprogramm".
Lintner bekräftigte, daß die Bundesregierung sich auch weiterhin den Liberalisierungs- und Legalisierungsforderungen widersetzen werde. Viele Beispiele zeigten, daß "ein erleichterter Zugang zu Drogen die Zahl der Konsumenten vermehrt, die Intensität des Konsums erhöht und die Motivation zur Abstinenz erschwert". Auch weiche Drogen wie Haschisch und Marihuana dürften nicht in Apotheken oder sogenannten Coffeeshops abgegeben werden. Es müsse alles vermieden werden, was den Umgang mit Drogen verharmlose.
Die Fraktionssprecherin von Bündnis 90/Die Grünen, Kerstin Müller, warf der Bundesregierung vor, ihre "vorrangig auf Polizei und Strafrecht aufbauende Anti-Drogen-Ideologie nun auch auf Ecstasy ausweiten" zu wollen. Damit würden junge Menschen kriminalisiert und die notwendige Aufklärung über die Gesundheitsrisiken behindert. Es grenze im übrigen an Heuchelei, wenn Lintner immer wieder behaupte, die Bundesregierung setze vor allem auf Prävention und Hilfe für Drogenabhängige. So habe sie beispielsweise bei der Methadonverschreibung keineswegs ihre Obstruktionspolitik gegenüber den Ländern und den einzelnen Kommunen aufgegeben. "Im Gegenteil: Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Seehofer übt Druck auf die Spitzenverbände der Krankenversicherer aus, die Substitution nicht zu bezahlen." Bündnis 90/Die Grünen seien der Ansicht, daß die Erprobungsphase der Methadonsubstitution erfolgreich abgeschlossen sei, wie nicht zuletzt die rückläufige Zahl der Drogentoten zeige. Gisela Klinkhammer

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