ArchivDeutsches Ärzteblatt27/2010Was wird aus delinquenten Kindern? Ergebnisse der Marburger Kinderdelinquenzstudie

MEDIZIN: Originalarbeit

Was wird aus delinquenten Kindern? Ergebnisse der Marburger Kinderdelinquenzstudie

What Becomes of Delinquent Children? Results of the Marburg Juvenile Delinquency Study

Dtsch Arztebl Int 2010; 107(27): 477-83; DOI: 10.3238/arztebl.2010.0477

Remschmidt, Helmut; Walter, Reinhard

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Einleitung: Berichtet wird über die Ergebnisse einer Längsschnittuntersuchung an ehemals delinquenten Kindern, die hinsichtlich ihrer polizeilichen Registrierungen vor und nach dem 14. Lebensjahr stratifiziert erfasst worden waren.

Methoden: Als Kontrollpersonen dienten Probanden, die als Kinder keinen Kontakt mit der Polizei hatten. Insgesamt wurden N = 263 Probanden im Mindestalter von 18 Jahren (mittleres Alter = 22 Jahre) persönlich untersucht. Die Untersuchung bestand aus einem standardisierten Interview, mit dem Daten zur Lebensgeschichte, Familie, Gesundheit, Schule und Ausbildung erhoben wurden, ferner aus einem Intelligenztest (WIP), einem Persönlichkeitsfragebogen (FPI) und einem Erziehungsstilfragebogen. Zusätzlich wurde die polizeilich unregistrierte Delinquenz vor dem 14. Lebensjahr mit Hilfe eines eigens entwickelten Fragebogens erfasst. Unbeschränkte Auszüge aus dem Erziehungs- und Strafregister gaben über die legale Entwicklung der Probanden über ihr 40. Lebensjahr hinaus Auskunft.

Ergebnisse: Die Probanden hatten zum Zeitpunkt der letzten Erhebung (1996) ein Durchschnittsalter von 42 Jahren erreicht. Es konnten über die Lebenszeit drei Bewährungsgruppen gebildet werden: unregistrierte Probanden, chronische Täter und Täter, deren Delinquenz zeitlich befristet war. Mit Hilfe logistischer Regressionsanalysen war es möglich, mehrfache Delinquenz im Kindes- und Jugendalter sowie Delinquenz im Lebenslängsschnitt vorherzusagen. Als prognostisch bedeutsam erwiesen sich vor allem die sozialen und familiären Risikofaktoren in ihrer Summe, gefolgt von Persönlichkeitsmerkmalen und Anzahl der im Kindesalter unregistrierten Eigentumsdelikte.

Diskussion: Die Ergebnisse zeigen, dass früh auftretende Delinquenz keineswegs zwangsläufig in eine chronische kriminelle Karriere einmündet und dass nahezu dieselben Risikofaktoren sowohl für Kriminalität als auch für psychische Störungen wirksam sind. Nur drei Risikofaktoren scheinen delinquenzspezifisch zu sein: männliches Geschlecht, früh auftretende Aggressivität und negativer Einfluss von delinquenten Freunden.

LNSLNS

Der Begriff Kinderdelinquenz bezeichnet Verstöße Strafunmündiger gegen das Strafgesetzbuch sowie dessen Nebengesetze. Da in Deutschland die Strafmündigkeit mit Erreichen des 14. Lebensjahres beginnt, bezieht sich die Kinderdelinquenz auf Straftaten von Kindern, die zum Tatzeitpunkt nicht älter als 13 Jahre alt waren. Sie gelten nach § 19 StGB als schuldunfähig und dürfen strafrechtlich nicht belangt werden. Die Festlegung der Strafmündigkeitsgrenze ist hierbei willkürlich.

Im Verständnis der Kriminologie und der Soziologie stellen Verstöße gegen strafrechtliche Normen eine Untergruppe sozialabweichenden Verhaltens dar. Von antisozialem beziehungsweise dissozialem Verhalten würde man aber erst dann sprechen, wenn durch das Verhalten gesellschaftliche Normen und Rechte anderer Personen verletzt werden (1).

Die Abweichung von einer sozialen oder einer Rechtsnorm ist aber nicht mit einer psychischen Störung gleichzusetzen. In den internationalen Klassifikationssystemen ICD-10 und DSM-IV findet man keine speziellen Kategorien für Delinquenz.

In der ICD-10 werden Straftaten unter den „Störungen des Sozialverhaltens“ verschlüsselt, sofern sie definierte Tatmerkmale erfüllen, wie etwa der Gebrauch gefährlicher Waffen, körperliche Grausamkeit oder Gewalt gegenüber Personen, Zerstörung fremden Eigentums und vorsätzliche Brandstiftung.

Erst neuerdings wird immer mehr beachtet, dass viele Straftäter an psychischen Störungen beziehungsweise neuropsychologischen Auffälligkeiten leiden, die an der Entwicklung dissozialen und delinquenten Verhaltens maßgeblich beteiligt sind (2).

Epidemiologie

Im Zuge des Normenerwerbs und des Hineinwachsens in die Gesellschaft begehen nahezu alle Kinder Gesetzesverstöße unterschiedlicher Art und unterschiedlichen Schweregrades. Für diese Straftaten besteht ein hohes Dunkelfeld, nicht zuletzt, weil aufgrund von Alter und Entwicklungsstand der Täter nur ein sehr kleiner Teil zur Anzeige kommt. Im Übrigen begehen Kinder – mit Ausnahme einer kleinen Gruppe, die sich später zu Intensivtätern entwickelt – überwiegend leichtere Delikte.

Im Hinblick auf die Epidemiologie werden in der Regel zwei Datenquellen benutzt: die polizeiliche Kriminalstatistik und Erhebungen zum Dunkelfeld.

Bezogen auf die Abschätzung der realen Delinquenz Strafunmündiger unterliegt die polizeiliche Kriminalstatistik als Verdächtigenstatistik zahlreichen Einschränkungen wie zum Beispiel:

  • einer geringen Anzeigebereitschaft
  • einer fehlerhaften Erfassung der Delikte
  • einem hohen Dunkelfeld
  • erheblichen regionalen Unterschieden.

Trotz dieser Einschränkungen wird sie aber, mangels genauerer Datenquellen, zur Abschätzung der Kriminalitätsentwicklung herangezogen. Im Hinblick auf die Delikte Strafunmündiger weist sie bei leicht rückgängiger Gesamtbelastung seit 1998 einen deutlichen Anstieg gewalttätigen Verhaltens (einfache und schwere Körperverletzung) auf.

Erhebungen zum Dunkelfeld – das heißt zu Straftaten, die der Polizei nicht bekannt sind – zeigen, dass strafbares Verhalten im Kindesalter eher die Regel als die Ausnahme ist. Rund 90 % der Kinder begehen Straftaten, allerdings meist geringeren Schweregrades.

Am aussagekräftigsten sind prospektive Längsschnittstudien (35). Wichtigstes Ergebnis dieser Studien ist die Erkenntnis, dass die Delinquenz in starkem Maße altersabhängig ist. Sowohl die Inzidenz als auch die Prävalenz nehmen bis zur Adoleszenz (etwa bis zum 17. bis 20. Lebensjahr) kontinuierlich zu, um danach schnell abzunehmen (6). Im Alter von 28 Jahren haben circa 85 % der Rechtsbrecher ihre delinquenten Aktivitäten eingestellt (7). Diese und andere Befunde haben Moffitt (8) veranlasst, eine empirisch begründete Taxonomie delinquenten Verhaltens aufzustellen und zwischen einer lebenslangen („life-course-persistent“) und einer auf das Jugendalter begrenzten („adolescence-limited“) Delinquenz zu unterscheiden. Lebenslange Delinquenz resultiert nach dieser Theorie einerseits aus Verhaltensauffälligkeiten in frühester Kindheit – wie etwa dem Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsyndrom (ADHS), Aggressivität oder Störungen des Sozialverhaltens –, die die Entwicklungsmöglichkeiten einschränken. Andererseits suchen die Betroffenen auch aktiv ungünstige Einflüsse und Lebensumwelten auf, die ihren Defiziten Rechnung tragen. Das delinquente Verhalten, das erst in der Pubertät beginnt und auf die Adoleszenz (bis zum frühen Erwachsenenalter) beschränkt bleibt, hat hingegen eher sozialpsychologische und phasenspezifische Auslöser.

Ursachen

Es besteht kein Zweifel daran, dass an der Verursachung dissozialen (antisozialen) und delinquenten Verhaltens biologische und psychosoziale Faktoren beteiligt sind, von denen sich die meisten bereits im Kindesalter nachweisen lassen (3, 4). Zu den biologischen Faktoren zählen etwa Auffälligkeiten der vegetativen Reaktionen oder neuroendokrinologische Störungen. Als psychosoziale Faktoren wären beispielsweise zerrüttete Familienverhältnisse, Misshandlung und bestimmte psychische Störungen zu nennen.

Biologische und psychosoziale Risikofaktoren wirken bei der Auslösung dissozialen und delinquenten Verhaltens zusammen, wobei dieses Zusammenspiel in der Regel nicht additiv, sondern interaktiv ist. Ein Beleg für das interaktive Zusammenwirken ist beispielsweise die Beobachtung, dass bei gleichzeitigem Vorliegen eines bestimmten biologischen und eines bestimmten psychosozialen Risikofaktors die resultierenden Delinquenzraten sich nicht einfach addieren, sondern deutlich höher ausfallen.

Den Risikofaktoren stehen protektive Mechanismen gegenüber, die der Entwicklung von dissozialem und delinquentem Verhalten entgegenwirken und ebenso wie diese unterschiedliche Wirkungsschwerpunkte und auch zeitlich unterschiedliche Reichweiten haben. Es genügt jedoch nicht, sie lediglich über die Abwesenheit von Risikofaktoren zu definieren. Vielmehr verkörpern sie eigenständige Merkmale und Bedingungen, die im Individuum, in der Familie und im sonstigen sozialen Umfeld identifiziert werden können. Beispiele hierfür sind:

  • eine günstige genetische Disposition ohne familiäre Auffälligkeiten und Erkrankungen
  • eine sich im Normbereich bewegende vegetative Reagibilität des autonomen Nervensystems
  • überdurchschnittliche Intelligenz
  • Empathiefähigkeit
  • Erfolgserlebnisse in der Schule und im sozialen Umfeld
  • ein harmonisches Familienklima mit erziehungskompetenten Eltern
  • gute familiäre und soziale Entwicklungsbedingungen.

Es ist aber ebenso unzureichend, die Entstehung von Dissozialität/Delinquenz lediglich aus dem Wechselspiel von Risikofaktoren und protektiven Faktoren erklären zu wollen. Beginn, Verlauf und Beendigung delinquenten Verhaltens werden auch durch individuelle Entscheidungsprozesse beeinflusst, die wiederum durch persönliche Erfahrungen und Wendepunkte in der Biografie herbeigeführt werden (35).

Die Marburger Kinderdelinquenzstudie

Fragestellung und Methode

Die Längsschnittuntersuchung hatte zum Ziel, die legale Bewährung straffällig gewordener Kinder bis über das 40. Lebensjahr hinaus zu verfolgen und Prädiktoren für delinquentes Verhalten im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter zu ermitteln. Weiterhin sollte der Verlauf delinquenten Verhaltens über die gesamte Lebensspanne untersucht werden. Es war ausdrücklich kein Ziel der Studie, Interventionsmaßahmen oder präventive Maßnahmen zu evaluieren.

Einbezogen wurden alle Jungen, die zwischen 1962 und 1971 Straftaten im Landgerichtsbezirk Marburg begangen und bis 1971 ihre (juristische) Kindheit abgeschlossen hatten (N = 1 006). Die untersuchte Stichprobe wurde hinsichtlich ihrer polizeilichen Registrierungen vor und nach dem 14. Lebensjahr stratifiziert und nach Zufall reduziert. Als Kontrollgruppen dienten Probanden, die als Kinder und Jugendliche keinen Kontakt mit der Polizei hatten (Gr. 0–0) und solche, die nur im Jugendalter (aber nicht in der Kindheit) mehrfach registriert worden waren (Gr. 0–2) (0 = nie registriert im Kindesalter, 2 = mehrfacher Kontakt als Jugendlicher). Die Probanden beider Gruppen hatten jedoch polizeilich nicht entdeckte Straftaten begangen.

Einzelheiten zum Design und zur Methodik der Studie finden sich im Internet (eKasten gif ppt) und bei Remschmidt und Walter (4). Der Untersuchungsablauf der Studie geht aus Tabelle 1 (gif ppt) hervor, ebenso die Zusammensetzung der Stichproben zu den Zeitpunkten 1 (1972), 2 (19751977) und 3 (1996). Tabelle 2 (gif ppt) erläutert detailliert wie die Stichprobe von 256 Probanden zustande kam, deren Strafregisterauszüge (Zeitpunkt 3) ausgewertet werden konnten (Registerstichprobe).

Ergebnisse

Ein wesentliches Ziel der vorliegenden Studie war es, unterschiedliche Verläufe delinquenten Verhaltens aus früher (im Kindesalter und in der Adoleszenz) erhobenen Daten vorauszusagen. Dies war nur möglich durch die Einbeziehung der bis zum 42. Lebensjahr verfügbaren Daten der Probanden aus dem Bundeszentralregister. Auf dieser Grundlage wurde die registrierte Delinquenz der Probanden mit Hilfe logistischer Regressionen für das Kindesalter, die Adoleszenz sowie für die gesamte Lebensspanne bis zum 42. Lebensjahr prognostiziert. Dies geschah mittels schrittweiser logistischer Regressionen, die angewandt werden können, wenn keine spezifischen Hypothesen existieren. Bei dieser Vorgehensweise wurden die folgenden Variablen berücksichtigt:

  • unregistrierte Delinquenz vor dem 14. Lebensjahr (unterteilt nach Eigentums- und Gewaltdelikten)
  • Summe der vor dem 14. Lebensjahr wirksamen psychosozialen Risikofaktoren
  • körperliche Gesundheit beziehungsweise Entwicklungsverzögerungen
  • familiäre Risikofaktoren
  • Risikofaktoren der Eltern
  • Lernschwierigkeiten in der Schule
  • keine oder abgebrochene Berufsausbildung
  • wahrgenommener elterlicher Erziehungsstil
  • Persönlichkeitsvariablen, gemessen mit dem Freiburger Persönlichkeitsinventar (FPI).

Alle auf das Kindesalter bezogene Variablen wurden, teilweise retrospektiv, zwischen 1975 und 1977 erhoben. Die Probanden waren zum Zeitpunkt 2 im Durchschnitt 22 Jahre alt. Die logistische Regressionsanalyse basiert auf einem additiven Vorhersagemodell und ermöglicht es, diejenigen Variablen zu ermitteln, die signifikant zur Verbesserung der Vorhersage beitragen. Gleichzeitig werden Interkorrelationen zwischen Prädiktoren eliminiert.

Vorhersagen bezogen auf das Kindesalter

Polizeiliche Registrierungen im Kindesalter waren nicht generell vorhersagbar, sondern nur dann, wenn es sich um Mehrfachtäter handelte. Die Rate richtiger Klassifikationen lag aber nur bei 62,5 %, (95-%-Konfidenzintervall [95-%-KI]: 56,6–68,4; p = 0,05) wobei als einziges Merkmal die Variable „Lernschwierigkeiten in der Schule“ einen signifikanten Beitrag zur Vorhersage lieferte.

Vorhersagen bezogen auf die Adoleszenz

Die Wahrscheinlichkeit mehrfacher Registrierungen im Jugendalter und Heranwachsendenalter (Adoleszenz, 14–22 Jahre) erhöhte sich auf 71,5 %, (95-%-KI: 66–77%, p = 0,05) wenn die unregistrierte Delinquenz Gleichaltriger zum Vergleich herangezogen wurde. Der beste Einzelprädiktor war die abgebrochene Schulausbildung, gefolgt von der Summe der sozialen und familiären Risikofaktoren (vor dem 14. Lebensjahr), der Strenge der Mutter und der Summe der unregistrierten Eigentumsdelikte vor dem 14. Lebensjahr.

Vorhersagen über die Lebenszeit bis zum 42. Lebensjahr

Über die gesamte Lebenszeit (bis zum 42. Lebensjahr) konnten drei Gruppen von Probanden unterschieden werden:

  • niemals polizeilich registrierte Personen
  • chronische Täter
  • Täter mit zeitlich befristeter Delinquenz.

Letztere durften nach ihrem 22. Lebensjahr (im Durchschnitt) keine Straftaten mehr begangen haben. Eine Aussage darüber war nur durch die Auskunft aus dem Bundeszentralregister möglich, die eingeholt wurde, als die Probanden ein Durchschnittsalter von 42 Jahren erreicht hatten. Es wurde sodann untersucht, ob und durch welche Variablen sich die Zugehörigkeit zu einer der beiden Straftätergruppen vorhersagen ließ.

Zunächst wurde die Gruppe der niemals in ihrem Leben registrierten Personen (n = 46) der Gruppe der Straftäter insgesamt (n = 210) gegenübergestellt. Aus der Grafik (gif ppt) ist ersichtlich, dass 85,5 % der Personen richtig klassifiziert werden konnten (95-%-KI: 81,2–89,8 %, p = 0,05). Die Summe der psychosozialen Risikofaktoren, zum Beispiel Alkoholmissbrauch eines Elternteils, Heimerziehung vor dem 6. Lebensjahr, Trennung/Scheidung der Eltern und Schulabbruch, hatte mit einer Odds Ratio von 2,5 den höchsten Vorhersagewert. Die prädiktive Bedeutung der Variablen „Mutterstrenge“ (subjektiv empfundener strenger Erziehungsstil der Mutter) und „Summe der unregistrierten Eigentumsdelikte vor dem 14. Lebensjahr“ blieb erhalten. Von den Persönlichkeitsvariablen erwiesen sich drei als prädiktiv wirksam:

  • Extraversion
  • emotionale Labilität
  • Nervosität.

Ein paarweiser Vergleich der drei genannten Gruppen führte zu den in Tabelle 3 (gif ppt) dargestellten Ergebnissen.

Am besten vorhersagbar waren chronische Straftäter (Rate richtiger Klassifikationen: 80,2 %), gefolgt von Tätern mit zeitlich befristeter Delinquenz (77,9 %), beide jeweils im Vergleich zu unregistrierten Personen. Bei chronischen Straftätern betrug die Rate richtiger Klassifikationen, verglichen mit Tätern, deren Delinquenz zeitlich begrenzt war, 73,1 %.

Wurden alle Täter in einer Gruppe zusammengefasst und mit den niemals registrierten Personen verglichen, so ergab sich eine Rate von 85,5 % richtiger Klassifikationen. In drei von vier Gruppenvergleichen war die Summe der sozialen und familiären Risikofaktoren der bedeutendste Prädiktor. Lediglich beim Vergleich zwischen chronischen Tätern und Tätern, deren Delinquenz zeitlich befristet war, diskriminierte der Prädiktor nicht.

Alle Prognosen, die sich auf die gesamte Lebensspanne bezogen, ergaben einen signifikanten Beitrag von Persönlichkeitsmerkmalen. In ihrer Gewichtung rangierten sie zumeist an zweiter Stelle hinter der Summe der sozialen und familiären Risikofaktoren. Es handelte sich insbesondere um die Merkmale Extraversion, emotionale Labilität, Nervosität und spontane Aggressivität, die mit zunehmender Ausprägung zu einem erhöhten Delinquenzrisiko beitrugen.

Früher versus später Delinquenzbeginn

Wurden Probanden mit einem frühen und einem späten Delinquenzbeginn („early onset“: n = 96; „late onset“: n = 43) – definiert über polizeiliche Registrierungen vor und nach dem 14. Lebensjahr – miteinander verglichen, so erwiesen sich Probanden mit einem späten Delinquenzbeginn als aggressiver (reaktiv und spontan), depressiver und emotional labiler als solche mit einem frühen Delinquenzbeginn. Ausschließlich im Kindesalter delinquente Personen wurden nicht in die Untersuchung einbezogen.

Wirkung protektiver Faktoren

Um die Variablen herauszufinden, die eine protektive Wirkung auf Delinquenz haben, wurden Probanden, die bei hoher Risikobelastung mindesten zwei Delikte begingen, mit solchen verglichen, die standhaft („resilient“) blieben, das heißt bei gleich hoher Risikobelastung keine oder maximal eine Straftat begangen hatten. Als Probanden mit hoher Risikobelastung wurden Personen definiert, die mindestens zwei psychosoziale Risikofaktoren aufwiesen. Der Vergleich stützte sich auf n = 32 Probanden mit maximal einem Delikt bis zum 14. Lebensjahr und n = 117 Probanden mit mindestens zwei Straftaten im Lebenslängsschnitt. Das Ergebnis war, dass die kriminell resilienten Probanden vor dem 14. Lebensjahr weniger unentdeckte Straftaten begangen hatten, das heißt, sie waren normorientierter und sozial angepasster. Ferner waren sie weniger aggressiv (reaktiv und spontan), weniger depressiv, weniger erregbar und weniger emotional labil. Insgesamt waren sie also psychisch stabiler und ausgeglichener. Merkmale des elterlichen Erziehungsstils (Vater-, Mutter-, Strenge/Unterstützung) wirkten sich nicht protektiv aus.

Diskussion

Die Ergebnisse unterstützen, was den Verlauf betrifft, die empirisch begründete Taxonomie Moffitts (8) insofern, als zwei unterschiedliche Typen von Delinquenten nachgewiesen werden konnten, nämlich chronische Täter und solche mit zeitlich befristeter Delinquenz. Was jedoch nicht gelang, ist der Nachweis, dass die Typologie mit einem unterschiedlichen Delinquenzbeginn („early onset“ versus „late onset“) zusammenhängt. Weder die registrierte, noch die unregistrierte Delinquenz im Kindesalter hatte Einfluss auf den weiteren (chronischen) Delinquenzverlauf. Nach Auffassung der Autoren bedarf die Moffitt-Taxonomie einer Revision beziehungsweise Differenzierung, wie sie auch von anderen Autoren nahegelegt wird (10, 11). Früher Delinquenzbeginn bedeutet nicht zwangsläufig eine chronische kriminelle Karriere und umgekehrt sind nicht alle chronischen Täter schon im Kindesalter delinquent beziehungsweise dissozial (4,12).

Noch nicht abschließend geklärt ist die Frage, ob die hier und in anderen Längsschnittuntersuchungen gefundenen Risikofaktoren spezifisch für die Entwicklung von Delinquenz sind oder ob sie auch andere Abweichungen wie etwa psychische Erkrankungen, Alkohol- und Drogenmissbrauch vorhersagen können. Nach dem gegenwärtigen, noch sehr vorläufigen Erkenntnisstand scheint eher Letzteres der Fall zu sein (13, 14). Bisher gibt es offenbar nur drei Variablen, die spezifisch die Delinquenz und nicht auch andere Normabweichungen vorhersagen. Es sind dies das männliche Geschlecht, das Merkmal Aggressivität und der negative Einfluss von delinquenten Freunden (15).

In der vorliegenden Untersuchung waren neben dem Merkmal Aggressivität noch andere Persönlichkeitsmerkmale sowohl unter den Risiko- als auch unter den protektiven Faktoren zu finden. Deren Effekt auf die Vorhersage kann nicht auf den Einfluss von familiären und sozialen Faktoren zurückgeführt werden, da dieser methodisch eliminiert wurde. Außerdem zeigte sich in der Gesamtstichprobe kein korrelativer Zusammenhang zwischen Persönlichkeitsmerkmalen einerseits und sozialen und familiären Faktoren andererseits. Letztere hatten somit keinen Einfluss auf Merkmale wie emotionale Labilität, Nervosität, Aggressivität oder Depressivität. Damit rücken wieder Persönlichkeitsmerkmale stärker in den Vordergrund, denen man auch unter präventivem Aspekt größere Beachtung schenken sollte (Ausbildung prosozialen Verhaltens). Die Möglichkeiten der Beeinflussung von sozialen und familiären Risikofaktoren sind ohnehin sehr begrenzt.

Limitationen

Da die vorliegende Studie nicht das Ziel hatte, epidemiologische Daten in der Breite zu erheben, sondern speziell den Verlauf früh auftretenden delinquenten Verhaltens, wurde keine auslesefreie, für das Kindesalter insgesamt repräsentative Stichprobe erhoben. Insofern können die Autoren über nichtdelinquente Auffälligkeiten jenseits der angewandten Untersuchungsmethoden keine Aussage machen. Die Stichprobe war allerdings repräsentativ für die im Erhebungszeitraum erfassten straffällig gewordenen Kinder, aus deren Gesamtheit eine quotierte Zufallsstichprobe gezogen wurde. Die Stichprobe wurde ferner in einem eher ländlichen Raum rekrutiert und kann daher nicht ohne weiteres Gültigkeit für städtische Ballungsgebiete beanspruchen. Darüber hinaus ist zu bedenken, dass die Probanden unter gesellschaftlichen und sozialen Bedingungen aufwuchsen, die sich in den beiden letzten Jahrzehnten gravierend verändert haben. Dennoch sind die Autoren beeindruckt von der Tatsache, dass die Ergebnisse im Vergleich zu anderen Untersuchungen, die in anderen Ländern und mit anderen Methoden und auch an anderen Stichproben durchgeführt wurden, weit mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede aufweisen.

Die Studie wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft im Rahmen des Schwerpunktprogramms „Empirische Kriminologie einschließlich Kriminalsoziologie“ über viele Jahre gefördert

Danksagung
Die Autoren danken Herrn Dipl.-Math. Dr. med. Cornelius Gutenbrunner für die statistische Auswertung der Daten und Herrn Dipl.-Psych. Jürgen Schönberger für die Anfertigung der grafischen Elemente. Ihr Dank gilt zudem der Leitung des Bundesamtes der Justiz für die Genehmigung, die Auszüge aus dem Bundeszentralregister verwenden zu dürfen.

Interessenkonflikt
Die Autoren erklären, dass kein Interessenkonflikt im Sinne der Richtlinien des International Committee of Medical Journal Editors besteht.

Manuskriptdaten
eingereicht: 20. 1. 2010, revidierte Fassung angenommen: 31. 5. 2010

Anschrift für die Verfasser
Prof. Dr. med. Dr. phil. Helmut Remschmidt
Dr. rer. nat. Reinhard Walter
Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie
der Philipps-Universität
Schützenstraße 49, 35039 Marburg
E-Mail: remschm@med.uni-marburg.de

Summary

What Becomes of Delinquent Children? Results of the Marburg Juvenile Delinquency Study

Background: We report the results of a longitudinal study of former
juvenile delinquents in Germany, stratified according to the number of offenses they committed before and after attaining the age of criminal responsibility (14 years).

Methods: A control group consisted of persons who had had no contact with the police as children. A total of 263 individuals aged 18 years and above (mean age, 22 years) were studied with a standardized personal interview about their life history, family, health, schooling, and vocational training, as well as an intelligence test (WIP), a personality questionnaire (FPI), and a questionnaire about parental child-rearing styles. They were also given a questionnaire developed especially for this study about delinquent activities before age 14 for which they had not been apprehended by the police. Data on their interactions with the law enforcement authorities were taken from their uncensored juvenile and adult criminal records up to age 40.

Results: At the most recent data collection (1996), the study participants had reached a mean age of 42 years. They were classified into three groups: non-offenders, “persisters” (former juvenile delinquents who continued to commit crimes), and “desisters” (former juvenile delinquents who stopped committing crimes). Logistic regression analysis enabled the retrospective prediction of multiple delinquency in childhood and adolescence, as well as of delinquency over the course of life. The main prognostically relevant factors were the summated social and familial risk factors, followed by personality traits and the number of unregistered (self-reported) property offenses in childhood.

Conclusion: These findings show that early delinquency does not necessarily develop into a long-term criminal career, and that the risk factors for criminality are nearly the same as those for mental disturbances. Only three risk factors seem to be specific to criminality: male sex, the early onset of aggressiveness, and the negative influence of delinquent peers.

Zitierweise: Dtsch Arztebl Int 2010; 107(27): 477–83

DOI: 10.3238/arztebl.2010.0477

@The English version of this article is available online:
www.aerzteblatt-international.de

eKasten unter:
www.aerzteblatt.de/10m0477

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