ArchivDeutsches Ärzteblatt27/2010AOK-Arztbewertungsportal: Manipulationen möglich

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AOK-Arztbewertungsportal: Manipulationen möglich

Dtsch Arztebl 2010; 107(27): A-1337 / B-1181 / C-1161

Rieser, Sabine

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Anfang des Jahres gab die AOK zu, dass es mit ihrem geplanten Arztbewertungsportal noch technische Schwierigkeiten und Probleme mit dem Datenschutz gebe. Nun läuft das Pilotprojekt – und die Probleme sind noch nicht alle behoben.

Das Arztbewertungsportal „AOK- Arztnavigator“ ist noch nicht so manipulationssicher, wie von den Initiatoren dargestellt. Zu diesem Ergebnis kommt das Mitteilungsblatt der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Berlin in seiner Juliausgabe. Darin wird berichtet, dass sich Arztbewertungen mit den Daten verstorbener AOK-Mitglieder, mit den Daten von AOK-Musterkarten („Dummys“) und sogar mit ausgedachten Kennziffern vornehmen ließen (siehe Kasten). Das heißt auch: Mit geringem Aufwand kann jeder das Portal für AOK-Versicherte nutzen und Bewertungen manipulieren. Die Redaktion des KV-Blattes hat alle diese Beispiele nach eigenen Angaben ausprobiert.

Misslungener Dialog: Unberechtigte Zugriffe und Mehrfachbewertungen waren möglich.
Misslungener Dialog: Unberechtigte Zugriffe und Mehrfachbewertungen waren möglich.
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Die AOK hat vor kurzem in Hamburg, Berlin und Thüringen gemeinsam mit der Weißen Liste ein Pilotprojekt zur qualitätsgesicherten Online-Arztsucht gestartet, bei dem AOK-Versicherte ihre Ärztinnen und Ärzte bewerten können (www.aok-arztnavi.de). Betreiber des Arztnavigators ist die Bertelsmann-Stiftung. Sie gehört auch, neben den Dachverbänden mehrerer Patienten- und Verbraucherorganisationen, zu den Initiatoren der Weißen Liste. Mit Hilfe des gleichnamigen Internetportals können sich Patienten und Angehörige über das Leistungsangebot und die Qualität von Gesundheitsanbietern informieren.

Die circa 30 Fragen des Arztbewertungsportals „AOK-Arztnavigator“ umfassen Themenkomplexe wie Praxis und Personal, Arztkommunikation und Behandlung. Gefragt wird zum Beispiel danach, ob der Arzt den Patienten in Entscheidungen einbezieht, ob er sich für die Behandlung Zeit nimmt und ob Patienten den Schutz ihrer Intimsphäre gewahrt sehen. Auch ob die Praxismitarbeiterinnen freundlich sind, die Wartezeiten akzeptabel und die Räume ansprechend, kann man in seiner Bewertung angeben.

Eine Reihe von technischen Vorkehrungen soll dazu beitragen, Missbrauch zu verhindern: So solle das Login-Verfahren sicherstellen, dass jeder Nutzer nur jeweils eine anonyme Beurteilung je Arzt abgeben könne, hieß es bei der Präsentation. Bei einer erneuten Beurteilung würden die alten Einträge überschrieben, um Manipulationen wie etwa gezielte Mehrfachbewertungen auszuschließen.

Die Erfahrungen der Redaktion des KV-Blatts Berlin fielen anders aus, wie auch die „Berliner Zeitung“ berichtete. Eine Sprecherin der AOK Berlin hatte, befragt nach dem Manipulationspotenzial, gegenüber der „Berliner Zeitung“ erklärt, die Manipulationsversuche der KV-Redaktion seien fehlgeschlagen: „Zwar konnten die Bewertungen gesendet werden, jene mit manipulierten Daten wurden jedoch durch Prüfverfahren herausgefiltert.“

Außerdem habe man die Zugangsdaten gelöscht und den Absender benachrichtigt. Reinhold Schlitt, Leitender Redakteur des KV-Blatts und Autor des kritischen Artikels, widersprach dieser Darstellung. Nicht alle testweise vorgenommenen Bewertungen seien gelöscht worden.

Mittlerweile hat der AOK-Bundesverband eingeräumt, dass die Vorwürfe des KV-Blatts nicht unberechtigt sind. „Wir haben erkannt, dass die Prozesse nicht optimal gestaltet sind“, erklärte Peter Willenborg, Referent beim AOK-Bundesverband, auf Anfrage. Manipulationsversuche wie die der KV-Blatt-Redaktion habe es zuvor aber noch nicht gegeben: „Wir freuen uns, dass wir darauf hingewiesen worden sind.“

Nach Willenborgs Darstellung wird bereits an Sicherheitsverbesserungen gearbeitet. In der Tat: Wer zum Beispiel am Freitag, dem 2. Juli, die Arztnavigator-Seite aufrufen wollte, fand den Hinweis: „Wegen Wartungsarbeiten ist die Registrierung bis 15 Uhr leider nicht möglich.“ Unzulässige Nutzerkonten würden nun erkannt, die Nutzer informiert. Willenborg: „Das kann noch ein paar Tage dauern.“ Bewertungen über solche Konten seien aber nicht mehr möglich, die falschen Bewertungen zuvor würden nicht in die Ergebnisse zum Herbst dieses Jahres einfließen.

Sabine Rieser

Man nehme eine Nummer . . .

Folgende Bewertungsversuche beim Arztnavigator hat die Redaktion des Berliner KV-Blattes erfolgreich durchgeführt:

eine Bewertung mit der Versichertennummer und der Kassennummer einer seit mehr als einem Jahr gestorbenen Frau, die bei der AOK versichert war

eine Bewertung mit sogenannten Kartendummys: Das sind Muster von Krankenversichertenkarten, die zum Beispiel Pressemappen beiliegen. Sie enthalten häufig Namen wie etwa „Helga Musterfrau“.

eine Bewertung mit der Kassennummer und ausgedachten Versichertennummern.

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