ArchivDeutsches Ärzteblatt27/2010Interview mit Dr. med. Brigitte Schmied, Kopräsidentin der 18. Weltaidskonferenz in Wien: HIV-Therapie ist ein fundamentales Menschenrecht

MEDIZINREPORT

Interview mit Dr. med. Brigitte Schmied, Kopräsidentin der 18. Weltaidskonferenz in Wien: HIV-Therapie ist ein fundamentales Menschenrecht

Dtsch Arztebl 2010; 107(27): A-1350 / B-1194 / C-1174

Zylka-Menhorn, Vera

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Im Vorfeld der alle zwei Jahre stattfindenden Tagung äußert sich die Präsidentin der Österreichischen Aidsgesellschaft zu Erfolgen und Herausforderungen im Kampf gegen die Immunschwächekrankheit.

Es wird eine der größten medizinischen Veranstaltungen sein, die in Wien stattgefunden haben: Vom 18. bis 23. Juli werden circa 25 000 Teilnehmer zur 18. Weltaidskonferenz in der österreichischen Hauptstadt erwartet. Die von der Internationalen Aidsgesellschaft organisierte Konferenz unter dem Motto „Aids 2010 – Menschenrechte hier und jetzt“ vereint Mediziner, Welt­gesund­heits­organi­sation, Vereinte Nationen, Nichtregierungsorganisationen, Selbsthilfegruppen und Politiker, um die aktuellen wissenschaftlichen, programmatischen und politischen Entwicklungen zur HIV-Infektion zu diskutieren. Das Deutsche Ärzteblatt sprach im Vorfeld der Tagung mit Kopräsidentin, Dr. med. Brigitte Schmied, über die derzeitige globale Situation der Immunschwächeerkrankung.

Nach Angaben von UNAIDS ist die Zahl neuer HIV-Infektionen in den vergangenen acht Jahren weltweit um 17 Prozent gesunken. Hat die Epidemie ihren Höhepunkt überschritten?

Dr. med. Brigitte Schmied leitet die Immunambulanz am Otto-Wagner-Spital in Wien und ist Oberärztin der II. Internen Abteilung SMZ Baumgartner Höhe. Seit 2002 ist sie zudem Präsidentin der Österreichischen Aidsgesellschaft. Foto: privat
Dr. med. Brigitte Schmied leitet die Immunambulanz am Otto-Wagner-Spital in Wien und ist Oberärztin der II. Internen Abteilung SMZ Baumgartner Höhe. Seit 2002 ist sie zudem Präsidentin der Österreichischen Aidsgesellschaft. Foto: privat

Schmied: Leider nein. Es gibt zwar einige Länder mit beachtlichen präventiven und therapeutischen Erfolgen – wie etwa Thailand, Uganda und Sambia. Trotzdem leben derzeit weltweit rund 33,4 Millionen Menschen mit dem Aidserreger. Täglich infizieren sich weltweit etwa 7 500 Menschen mit dem HI-Virus. Außerdem kommen pro Jahr rund 400 000 Babys auf die Welt, die mit HIV infiziert sind. Dabei könnte man durch eine einfache und kostengünstige antiretrovirale Behandlung der Schwangeren die Übertragungsrate fast auf null senken. Eine aktuelle Studie im „New England Journal of Medicine“ (2010; 362: 2271–81) belegt erneut die Effektivität dieser Maßnahme. Die Epidemie ist also noch lange nicht vorbei.

Wien wurde als Tagungsort wegen seiner geografischen Nähe zu Osteuropa gewählt . . . 

Schmied: Ja, denn Osteuropa und Zentralasien sind die einzigen Regionen, in denen sich die Epidemie ungebremst ausbreitet. Derzeit leben dort 1,5 Millionen HIV-Infizierte. Innerhalb Europas sind die Ukraine und Russland am stärksten betroffen. Aids ist heute die häufigste Todesursache in der Altersgruppe der 15- bis 59-Jährigen und bei Frauen im gebärfähigen Alter. Hinzu kommt, dass der Großteil der Betroffenen in den osteuropäischen und zentralasiatischen Staaten sehr jung ist. In einigen Regionen sind 75 Prozent der HIV-Infizierten zwischen 15 und 29 Jahren alt. Insofern ist dort mit einer explosionsartigen Zunahme der HIV-Prävalenz zu rechnen.

Ist die Hauptbetroffenengruppe in Osteuropa immer noch die der i.v.-Drogenabhängigen?

Schmied: Ja, noch ist der Hauptübertragungsweg für HIV in diesen Ländern mit 57 Prozent der Nadeltausch unter Drogenabhängigen, aber das ändert sich: Man beobachtet eine deutliche Zunahme der Infektionen auf heterosexuellem Weg. Bereits jede zweite HIV-positiv getestete Frau infiziert sich durch ungeschützten Geschlechtsverkehr.

In welchem Maß haben die Betroffenen dort Zugang zur antiretroviralen Therapie?

Schmied: Das Menschenrecht auf Gesundheit und medizinische Behandlung ist in Osteuropa – aber auch in anderen Ländern – für viele Menschen keine Selbstverständlichkeit. Dort haben nur 23 Prozent der HIV-Infizierten Zugang zur antiretroviralen Therapie, während in anderen Ländern mit mittlerem und niedrigem Einkommen bereits 42 Prozent der Betroffenen behandelt werden. Ganz besonders unzureichend ist die Versorgung drogenabhängiger HIV-Infizierter. Aber auch die HIV-Therapie ist ein fundamentales Menschenrecht.

Gibt es in Osteuropa keine nationalen Nadel- und Spritzentausch-Programme beziehungsweise Opioidsubstitutionstherapien?

Schmied: Diese „Harm-Reduction-Strategien“ sind dort viel zu selten existent. In einzelnen osteuropäischen Ländern stehen sie für weniger als ein Prozent der Betroffenen zur Verfügung. Obwohl in einigen Ländern Verbesserungen zum Zugang erzielt wurden, ist die Situation nach wie vor alarmierend. Die russische Gesundheitspolitik hat betreffend „harm reduction“ eine andere Meinung und Einstellung als die Internationale Aidsgesellschaft. Es wird sicherlich harter Arbeit bedürfen, Russland von der Effektivität dieser Präventionsstrategien zu überzeugen. Diese Situation wird bei der Konferenz stark thematisiert – ohne aber die anderen Regionen dieser Erde zu vernachlässigen, in denen die Situation auch nicht gerade positiv ist.

Nimmt der Drogenkonsum weltweit eine wachsende Rolle in der Verbreitung von Aids ein?

Schmied: Ja, auf jeden Fall. Es gibt weltweit rund drei Millionen HIV-infizierte Drogenabhängige. In manchen Ländern sind 40 Prozent der injizierenden Drogenkonsumenten HIV-positiv. Dabei ist längst bewiesen, dass man mit Harm-Reduction-Maßnahmen nicht nur die Übertragung von HIV, sondern auch von Hepatitis C verringern kann. Studien belegen darüber hinaus, dass die Opioidsubstitutionstherapie das Sozialverhalten der Betroffenen verbessert, ihre kriminelle Aktivität deutlich reduziert und ihre Integration in den Arbeitsmarkt erleichtert.

Bei HIV-Infizierten erhöht die Opioidsubstitutionstherapie zudem den Zugang zu und die Fortführung einer antiretroviralen Therapie. Die Programme sind kosteneffizient und weisen keine Anhaltspunkte für unbeabsichtigte negative Folgen auf. Allerdings besteht oft nur eingeschränkter Zugang zu solchen Maßnahmen.

Können Sie dazu Zahlen nennen?

Schmied: Nach Angaben der Welt­gesund­heits­organi­sation werden weltweit je Drogenabhängigen im Durchschnitt 24,4 sterile Spritzen pro Jahr abgegeben. Um als Präventionsmaßnahme wirksam zu werden, sind allerdings 200 Spritzen pro Jahr erforderlich.

Auf der Konferenz sollen vorrangig die vielfältigen Probleme der Menschenrechte im Zusammenhang mit HIV und Aids behandelt werden . . .

Schmied: Ja, weil das Recht auf Gesundheit zu den fundamentalen Menschenrechten zählt und die Vor-aussetzung dafür ist, die Epidemie überhaupt in den Griff zu bekommen. Es ist die Basis für den Kampf gegen Alltagsdiskriminierungen, denen auch bei uns immer noch viele HIV-Infizierte ausgesetzt sind.

Wie bewerten Sie die Entscheidung von UNAIDS und UNDP, dem Aids- und Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen, dass diskriminierende Gesetze gegen HIV-Infizierte nunmehr von einer eigenen UN-Kommission bekämpft werden sollen?

Schmied: Das Konferenzpräsidium begrüßt diese Initiative sehr. Denn der Handlungsbedarf ist groß. Sehen Sie, in 49 Ländern ist allein die Übertragung von HIV strafbar, in 52 Ländern gibt es Reiseeinschränkungen für HIV-Positive, und 86 Länder kriminalisieren Homosexuelle und versperren ihnen somit den Zugang zur antiretroviralen Behandlung. Besonders ernst ist diesbezüglich die Lage im Nahen Osten.

Worauf basiert Ihrer Ansicht nach die Diskriminierung, mit der HIV-Infizierte auch in westlichen Ländern häufig konfrontiert sind?

Schmied: Die Diskriminierung beruht darauf, dass das HI-Virus zu einem großen Prozentsatz auf sexuellem Weg übertragen wird. Und das ist auch heute noch ein sehr intimes Thema. Zudem gelten Drogenabhängige, Prostituierte und Homosexuelle in unserer Gesellschaft häufig – lassen Sie es mich vorsichtig formulieren – als nicht durchschnittlich. Das hat zur Stigmatisierung geführt. Stigmatisierung wiederum führt zu Diskriminierung und letztlich zur Verletzung der Menschenrechte. Es entsteht ein Teufelskreis.

Was kann man gegen Diskriminierung im Bereich HIV unternehmen?

Schmied: Aufklärung ist sicherlich ein Mittel, um dagegen anzukämpfen. Es hat zumindest in unseren Breitengraden einen gewissen Fortschritt in den letzten Jahrzehnten gegeben, was die Diskriminierung von HIV-Infizierten betrifft. Ich denke, dass Aufklärung – also das Aufzeigen der Realität – zu den wichtigsten Versuchen zählt, die Situation für die Betroffenen zu bessern.

Die mächtigsten Staaten der Erde waren 2005 übereingekommen, den universellen Zugang zu Prävention, Therapie und Pflege von HIV-Infizierten, mit dem Jahr 2010 erreicht zu haben. Dieses Ziel wurde verfehlt . . .

Schmied: Ja, das Ziel wird leider nicht erreicht, aber es ist zumindest eine nicht unbeträchtliche Verbesserung erzielt worden. Zur Bekämpfung von Aids standen damals weniger als fünf Milliarden US-Dollar jährlich zur Verfügung, derzeit sind es mehr als 16 Milliarden. Manche Staaten, wie die Niederlande, Großbritannien und die USA, haben ihre Versprechen eingehalten. Auch dadurch konnte der Zugang zur antiretroviralen Therapie im letzten Jahr der Statistik (2007 bis 2008) um 36 Prozent gesteigert werden.

Dennoch warten weltweit elf Millionen HIV-Infizierte auf Zugang zur medikamentösen Therapie gegen HIV.

Schmied: Ja, das ist richtig, aber vor fünf Jahren befanden sich erst 400 000 HIV-Infizierte in Therapie. Heute sind es bereits mehr als vier Millionen, wir konnten die Zahl der Behandelten also verzehnfachen. So einen positiven Zuwachs hat kein anderes medizinisches Programm bisher geschafft. Außerdem ist inzwischen auch der politische Wille zur Verbesserung der Situation gewachsen.

Macht die aktuelle Finanz- und Wirtschaftskrise diese positive Entwicklung nicht zunichte?

Schmied: Nun, die aktuelle Finanz- und Wirtschaftskrise darf keine Ausrede dafür sein, den Kampf gegen HIV und Aids zu vernachlässigen. Die Auswirkungen wären fatal. Sollten Gelder zur weltweiten Bekämpfung der HIV-Infektion gekürzt werden, wird soziale Instabilität die Folge sein. Dies ist ein Preis, den wir uns nicht leisten können. Immerhin war es den Industrienationen innerhalb von wenigen Monaten möglich, zur Bekämpfung der Finanzkrise „Trillionen“ Dollar aufzubringen.

Sind Fortschritte der Betreuung von HIV-Infizierten „nur“ eine Frage des Geldes oder auch der Umsetzung?

Schmied: Es ist – auch – eine Frage der Umsetzung. Wenn wir ab morgen 75 Prozent des bestehenden Wissens zur HIV-Infektion anwenden würden, wäre die Krankheit bald besiegt. Würden wir 50 Prozent unseres Wissens umsetzen, könnten wir Aids zu 90 Prozent besiegen. Aber: Wir wenden derzeit nur zehn Prozent unseres Wissens an.

Kann man von einer „Mammut-Konferenz“ wie Aids 2010 überhaupt praktische Konsequenzen für den Alltag der Betroffenen erwarten?

Schmied: Ja, nach früheren Konferenzen, wie zum Beispiel in Vancouver 1996, dort wurde das Konzept der HAART etabliert, ist dies auch tatsächlich passiert. Das Ziel der Konferenz ist es, Bewusstsein für die Probleme insbesondere in den genannten Regionen zu schaffen und eine Veränderung zu bewirken. Der Kongress will auch auf die politische Verantwortung hinweisen. Vielleicht ist es ja möglich, mit Hilfe der „Wiener Erklärung“ (siehe Kasten) ein grundsätzliches Überdenken der derzeitigen Drogenpolitik einzuleiten.

Die Suppression der Virusreplikation, das Ziel der HIV-Therapie, ist bei spezifischer sowie engagierter Betreuung bei der Mehrzahl der Patienten zu erreichen. Diesen Erfolgen steht inzwischen das Auftreten weiterer chronischer Erkrankungen gegenüber. Spiegelt sich diese Entwicklung bereits in den Mortalitätsstatistiken wider?

Schmied: Die HIV-Infektion selbst, die antiretroviralen Medikamente und das Alter scheinen das Risiko für Komorbiditäten zu verstärken. Daraus ergeben sich auch die aktuellen Todesursachen. In Österreich stirbt nur noch ein Drittel der Patienten an den direkten Folgen von Aids. Elf Prozent sterben aber an kardiovaskuläre Erkrankungen, zwölf Prozent an Malignomen und 14 Prozent an Lebererkrankungen. Ein Problem ist nach wie vor, dass – weltweit betrachtet – 30 bis 60 Prozent der Patienten erst im Stadium des weit fortgeschrittenen Immunmangelsyndroms, also mit Auftreten der ersten Aids definierenden Erkrankungen, als HIV-positiv diagnostiziert werden.

Werden vor allem bestimmte Personengruppen sehr spät diagnostiziert?

Schmied: Gemäß den Daten der Österreichischen HIV-Kohorten-studie haben Ältere, Männer, Patienten und Patientinnen, die sich auf heterosexuellem Weg infiziert haben, sowie Migranten, ein höheres Risiko für eine späte Diagnose. Generell kann angemerkt werden, dass die späte Diagnose ein weltweites Problem darstellt und Strategien für eine effizientere Testung entwickelt werden müssen. Die unkomplizierte Durchführung und Möglichkeit zur Testung, zum Beispiel durch einen Schnelltest, sind dabei essenzielle Faktoren.

Einige Ärzte kritisieren an den HIV-Schnelltests, dass Beratung und Information der Patienten zu kurz kommen, ja sogar gänzlich fehlen.

Nun, die Beratung darf nicht außer Acht gelassen werden. Das Gespräch mit den Patientinnen und Patienten ist auch im Hinblick auf die Evaluierung eines möglichen Risikoverhaltens wichtig und Voraussetzung, um den Menschen anzuraten, einen HIV-Test zu machen. Leider sind die Angst vor Diskriminierung und Stigmatisierung immer noch gewichtige Gründe, auf einen HIV-Test zu verzichten.

Das Interview führte
Dr. med. Vera Zylka-Menhorn.

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