ArchivDeutsches Ärzteblatt27/2010Deutsche Einheit: Lebhafte Erinnerungen
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Mit großem Interesse las ich den Artikel, der mich lebhaft an die lokalpolitische Situation während der ersten und längsten Zeit meiner Tätigkeit als Chefarzt einer Medizinischen Klinik und diagnostischen Röntgenabteilung in einem kommunalen Krankenhaus in Südhessen erinnerte . . .

Der neue Chefchirurg hatte mich dem Landrat dringend empfohlen. Aus dreijähriger gemeinsamer Oberarzttätigkeit in einer großen Klinik kannten wir uns, er als Chirurg, ich als Radiologe.

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Jahrzehntelang war ich so der einzige nicht der regierenden Partei angehörige Chefarzt im Kreis. Bereits nach circa vier Wochen kam ein Mitarbeiter mit der Aufforderung, der Gewerkschaft beizutreten. Auf meine Ablehnung folgte prompt: „Dann bekommen Sie kein Weihnachts- und kein Urlaubsgeld“. „Das ist Bestechung, und mich kann man nicht bestechen“, gab ich zurück.

Tatsächlich bekam ich erst Jahre später Weihnachts- und Urlaubsgeld, zunächst sogar in Form einer durchaus willkommenen Sparbüchse, natürlich ohne Zinsen, nachdem ein Assistent erfolgreich beim Arbeitsgericht prozessiert hatte.

In den „Sozialistischen Ärztebund“ und in die Partei einzutreten, lehnte ich ebenfalls ab. Als Ergebnis wurde ich nicht wie üblich befördert.

Als einziger bis zur Pensionierung mit 65 Jahren durchhaltender Chefarzt „verschliss“ ich allein vier Parteibuch-Chirurgen. Eine Stellenausschreibung und eine unabhängige, qualifizierte Prüfkommission ersparte sich die Kreisverwaltung. Nach 15 Jahren Tätigkeit wollte ich aussteigen, erfuhr aber vom Justiziar der Lan­des­ärz­te­kam­mer, dass mir als hessischem Kommunalbeamten bei freiwilligem Ausscheiden kein Pfennig Entschädigung zustehe.

Gesundheitlich leicht nach zwei WS-Operationen angeschlagen und als fünffacher Familienvater durchstand ich den Rest meiner Chefarzttätigkeit mithilfe von Rauchstopp, autogenem Training, Sport und meiner Frau.

Es ist also keineswegs so, dass Verhältnisse wie in der DDR nicht auch in der demokratischen Bundesrepublik existiert hätten, wenn auch in wesentlich sanfterer Form. Von vielen Kollegen allerdings erfuhr ich, dass Südhessen in der BRD diesbezüglich wohl eine bedauerliche Ausnahme war . . .

Dr. med. Lothar L. Schute, 63500 Seligenstadt

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