ArchivDeutsches Ärzteblatt27/2010Geschichte der Medizin: Louis Pasteur, Joseph Meister und die Tollwutimpfung

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Geschichte der Medizin: Louis Pasteur, Joseph Meister und die Tollwutimpfung

Dtsch Arztebl 2010; 107(27): A-1345 / B-1189 / C-1169

Hofmann, Friedrich

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Louis Pasteur rettet dem kleinen Joseph Meister mit der ersten Tollwutimpfung das Leben. Foto: Picture-Alliance
Louis Pasteur rettet dem kleinen Joseph Meister mit der ersten Tollwutimpfung das Leben. Foto: Picture-Alliance

Vor 125 Jahren wurde zum ersten Mal ein Mensch erfolgreich gegen die Tollwut geimpft.

Nichts deutete darauf hin, dass dieser 6. Juli 1885 eines Tages in den Werken der Medizingeschichte unter der Rubrik „Beginn einer neuen Epoche“ auftauchen würde. An diesem ganz gewöhnlichen Sommertag tat sich nicht irgendein prominenter Anatom, Physiologe oder Chirurg hervor, sondern ein 63-jähriger Chemiker aus der Franche-Comté und ein neunjähriger Bäckersohn aus dem Elsass spielten die Hauptrollen. Joseph Meister aus dem kleinen Dorf Meisengott bei Willer (heute: Villé) in den Vogesen war vom tollwütigen Hund des örtlichen Delikatessenhändlers Theodore Vone angefallen und nicht weniger als 14-mal gebissen worden – was zu jener Zeit, in der die Hundetollwut in Mitteleuropa grassierte (und die Fuchstollwut noch nicht die Rolle späterer Jahre spielte) einem Todesurteil gleichkam.

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Natürlich rief man sofort nach dem zuständigen Praktiker – und dieser patente Doktor Weber desinfizierte nicht nur die Wunden mit Hilfe von Phenol und verband den kleinen Joseph, sondern berichtete auch von dem, was er kürzlich in einer medizinischen Fachzeitschrift gelesen hatte: Der als einer der Begründer der Biochemie geltende Louis Pasteur, der sich mit der Erforschung der alkoholischen Gärung und der Etablierung von Methoden zur Wein- und zur Bierkonservierung einen Namen gemacht hatte, hatte kürzlich über seine Überlegungen zur Prävention der Tollwut berichtet: Nach der Erforschung der Seidenraupenkrankheit und nach Studien zur Hühnercholera hatte sich der in Paris tätige Pasteur dem Problem der Tollwutimpfung zugewandt – angesichts einer Zahl von 100 000 Hunden in der französischen Hauptstadt ein äußerst sinnvolles Unterfangen: Schon am nächsten Tag machte sich Theodore Vone zusammen mit dem kleinen Patienten und dessen Mutter nach Paris auf, um bei Louis Pasteur Hilfe in Form der bei Hunden erfolgreich getesteten Tollwutimpfung zu erbitten.

80 Jahre zuvor hatte die moderne Geschichte der Tollwutforschung mit den Untersuchungen eines gewissen Gottfried Zinke (1771– 1849) begonnen. Dieser inokulierte den Speichel tollwütiger Hunde bei einer Reihe von Tierspezies, wie Hühnern, Kaninchen und Hunden, und konnte so die Krankheit auch bei ihnen hervorrufen. Damit war die Übertragbarkeit eines wie auch immer wirkenden infektiösen Agens (60 Jahre vor der Entdeckung des Milzbranderregers durch Robert Koch) bewiesen, was 1813 vom Grafen Hugo Salm-Reifferscheidt bestätigt werden konnte. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts widmete sich mit Pierre Victor Galtier (1846–1908), Professor an der Veterinärmedizinischen Hochschule Lyon, wieder ein prominenter Forscher dem drängenden Problem. Ihm gelang es 1879, den vermuteten Erreger der Hundetollwut auf 18 Kaninchen zu übertragen. Dabei tauchte er eine Lanzette in den Speichel eines tollwütigen Hundes und erzeugte durch Verletzung der Langohren bei den Tieren wiederum Tollwut. Der Speichel der Kaninchen erwies sich im Rahmen weiterer Experimente als ebenfalls infektiös für Kaninchen. Ab 1880 begannen sich auch der Veterinärmediziner Jean Bourrel (1822–1892) und der Pädiater Lannelongue mit der Tollwut zu beschäftigen. Letzterer hatte ein Kind stationär aufgenommen, bei dem die Krankheit diagnostiziert worden war. Der Speichel dieses Kindes wurde zwei Kaninchen verabreicht, die daraufhin an Tollwut starben. Auch der Speichel dieser Kaninchen verursachte bei weiteren Kaninchen einen schnellen Tod.

Wenig später trat endlich Louis Pasteur auf den Plan und versuchte, das Erregerreservoir systematisch zu charakterisieren, das er im Zentralen Nervensystem vermutete: Er gewann Hirnsubstanz von einem an Tollwut verstorbenen Hund, die er unter streng aseptischen Bedingungen zu einer sterilen Bouillon verarbeitete. Dann verabreichte er die Suspension submeningeal mehreren Kaninchen, die daraufhin an Tollwut verstarben – und im Rahmen weiterer Übertragungsversuche gelang es ihm, den vermuteten Erreger über 100 Passagen virulent zu halten. Damit war endgültig nachgewiesen, dass der Tollwuterreger, der erst Jahrzehnte später als Virus identifiziert werden konnte, das Nervensystem befällt. Nun verabreichte Pasteur die (vermutlich) erregerhaltige Flüssigkeit einem Hund direkt intrazerebral, wobei auch hier nach 14 Tagen der Tod an Tollwut eintrat. Im Rahmen weiterer Experimente verwendete Pasteur Rückenmarksubstanz eines an Tollwut verendeten Kaninchens, trocknete sie 14 Tage lang unter streng aseptischen Bedingungen mit Kaliumhydroxid und verabreichte die Suspension in destilliertem Wasser einer Reihe von Hunden, danach eine ähnliche Suspension nach 13 Tagen Trockenbehandlung, dann nach zwölf et cetera. Anschließend wartete er 14 Tage und verabreichte infektiöses Rückenmark, was völlig ohne Wirkung blieb. Damit hatte er nachgewiesen, dass er mit der Vorbehandlung einen wie auch immer gearteten Schutz vor der gefürchteten Krankheit induziert hatte.

Nun schien ihm die Zeit gekommen zu sein, um an die wissenschaftliche Öffentlichkeit zu gehen: Im Mai 1884 beschäftigte sich auf seine Initiative hin erstmals eine Kommission der Pariser Universität mit dem Problem der Tollwut, und anlässlich eines Kongresses in Kopenhagen berichtete Pasteur ebenfalls über seine Versuche, die nun fortgesetzt wurden: Tollwütige, geimpfte und nichtgeimpfte Hunde wurden zusammengesperrt, woraufhin es zu einer wüsten Beißerei kam. Die 50 geimpften Hunde waren durch die Pasteur’sche Suspension so weit geschützt, dass sie trotz zahlreicher Bissverletzungen überlebten. Da die tollwütigen Hunde einen fürchterlichen Lärm veranstalteten, wurde fernab der Hauptstadt ein Tierlabor im Wald von Meudon eingerichtet, wo man ab März 1885 in Ruhe weiterarbeiten konnte. Ein Vierteljahr später forderte der Bürgermeister einer Gemeinde aus Pasteurs Heimat den berühmten Landsmann auf, doch endlich mit der Impfung von Menschen zu beginnen – Grund war der Tod zweier seiner Mitarbeiter nach dem Biss tollwütiger Hunde. Doch noch immer zögerte der berühmte Chemiker, diesen letzten Schritt zu tun – nicht zuletzt auch deshalb, weil er selbst kein Mediziner war (was ihn insgeheim sein ganzes Leben lang schmerzte).

Am 6. Juli 1885 musste sich Pasteur angesichts des trostlosen Anblicks, den der kleine Joseph Meister bot, aber endgültig entscheiden. Deshalb stellte er das Kind seinen Arztkollegen Alfred Vulpian und Jaques-Joseph Grancher vor, die zur Impfung rieten: Zunächst erhielt der kleine Elsässer eine Spritze mit der 14 Tage lang getrockneten Hirnmasse, am nächsten Tag wurde die 13 Tage lang getrocknete Masse verabreicht, dann die 13- Tage-Impfung – und so erhielt Joseph über einen Zeitraum von zehn Tagen zwölf Injektionen mit immer höherer Virulenz. Am Ende applizierte man die „Viertagessuspension“, die gleichzeitig auch einem Hund verabreicht wurde, der daraufhin starb. Damit war dreierlei bewiesen:

  • Der Erreger lässt sich durch die 14-tägige Trocknungsprozedur so weit abschwächen, dass er nicht mehr pathogen ist.
  • Die Impfungen, die Joseph Meister erhielt, schützten vor dem Tollwuterreger.
  • Die postexpositionelle Impfung ist in diesem Fall eindeutig wirksam.

Am 25. August 1885 durfte Joseph Meister nach Ausheilung der Wunden endgültig wieder nach Meisengott zurückfahren.

Louis Pasteur blieb diesem Patienten bis zu seinem Tod im Jahre 1895 verbunden. Joseph Meisters Treue zu seinem Lebensretter ging so weit, dass er nach langjähriger Tätigkeit als Bäcker im Elsass 1913 nach Paris übersiedelte und dort Pförtner am mittlerweile weltberühmten Pasteur-Institut wurde. Am 16. Juni 1940 versuchten deutsche Soldaten, in das Pasteur-Mausoleum einzudringen, um die Grabstätte des berühmten Franzosen in Augenschein zu nehmen. Schon am nächsten Tag wurde in der spanischen Ausgabe der Boulevardzeitung „Le petit journal“ über dieses Ereignis berichtet. Unter der Überschrift „Se suicida Joseph Meister para proteger la cripta de Pasteur“ hieß es, dass man den Pförtner wenig später tot aufgefunden habe. Offenbar habe er versucht, mit dem Suizid als letztem Mittel die Soldaten vom Vordringen zum Sarg Pasteurs abzuhalten.

Prof. Dr. med. Dr. rer. nat. Friedrich Hofmann

Lehrstuhl für Arbeitsphysiologie,
Arbeitsmedizin und Infektionsschutz,
Bergische Universität Wuppertal,
Vorsitzender der Ständigen Impfkommission
am Robert-Koch-Institut

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