ArchivDeutsches Ärzteblatt27/2010Studiengang Medizin: Lübeck kämpft ums Überleben

POLITIK

Studiengang Medizin: Lübeck kämpft ums Überleben

Dtsch Arztebl 2010; 107(27): A-1344 / B-1188 / C-1168

Richter-Kuhlmann, Eva

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Foto: Rene Kube
Foto: Rene Kube

Unermüdlich protestieren Lübecker Studierende, Hochschullehrer und Bürger gegen die geplante Schließung des Studiengangs Medizin. Ein alternatives Sparkonzept der Universität soll jetzt die Wende bringen.

Die Plakate mit dem Statement „Lübeck kämpft für seine Uni“ in vielen Geschäften von Lübeck zeigen: Der Kampf um den Erhalt der Medizinischen Fakultät der Universität zu Lübeck geht weiter und hat eine ganze Stadt aufgerüttelt. Am 1. Juli zogen mehr als 9 000 Menschen, darunter viele Studierende in gelben T-Shirts, in einem Sternmarsch durch die Lübecker Innenstadt. Gemeinsam protestierten sie gegen den Vorschlag der Haushaltsstrukturkommission der schleswig-holsteinischen Landesregierung vom 26. Mai. Diesem zufolge soll ab dem Wintersemester 2011/2012 der Studiengang Medizin an der Universität zu Lübeck abgeschafft werden, um die Finanzen in Schleswig-Holstein zu sanieren.

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Zwar hat inzwischen die Universität zu Lübeck dem schleswig-holsteinischen Wissenschaftsministerium ein alternatives Sparkonzept zur Rettung der Hochschule vorgelegt. Mit ihm sollen sich 24 Millionen Euro jährlich einsparen lassen, ohne den Medizinstudiengang streichen zu müssen. Doch ob die Landesregierung auf diese Vorschläge eingeht, ist ungewiss. „Es gärt zwar ordentlich hinter den Kulissen, und die Regierungsreihen sind auch nicht so geschlossen, wie sie nach außen scheinen. Aber man kann offensichtlich nicht auf die Vernunft der Landesregierung setzen“, erklärt Christoph Zabel, Vorsitzender der Fachschaft Medizin der Universität zu Lübeck, gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt (DÄ).

Seit nunmehr sechs Wochen stellt der Medizinstudent im zehnten Semester sein Studium zurück, um als einer von vier studentischen Mitgliedern der Arbeitsgemeinschaft „Lübeck kämpft“ unter der Leitung von Prof. Dr. med. Jürgen Westermann gegen die geplanten Sparmaßnahmen zu protestieren – bislang erfolglos. „Wir zweifeln mittlerweile an der Demokratie“, sagt Zabel. „Seit Wochen demonstrieren Tausende Menschen, aber die Regierung hat sich noch keinen Zoll breit bewegt.“ Für Zabel ist mit der Haltung der Regierung noch ein weiteres Signal verbunden: Leistung lohnt sich nicht. „Das Medizinstudium in Lübeck genießt bundesweit einen ausgezeichneten Ruf und liegt in Rankings regelmäßig auf Spitzenplätzen“, erläutert Zabel.

Auch für Westermann ist unverständlich, warum der Studiengang entfallen sollte. „Erfolgreiche Politik ist nur möglich, wenn man das Vertrauen der Bürger besitzt. Im Koalitionsvertrag vom Oktober 2009 sicherte die Regierung der Universität zu Lübeck sogar einen weiteren Ausbau zu. Ende Mai 2010, ein halbes Jahr später, verkündet sie dann deren Abwicklung – ohne zuvor mit dem Präsidium Kontakt aufgenommen zu haben“, berichtet Westermann dem DÄ.

Ohne die Medizin sieht der Anatom die Zukunft der gesamten Universität gefährdet. „Die Anzahl der Studierenden würde von 2 500 auf 1 000 sinken. Damit ist die Universität zu Lübeck nicht mehr lebensfähig“, ist er überzeugt. Auch in der Forschung wäre die Universität nicht mehr wettbewerbsfähig. „Große Firmen wie Euroimmun und mehr als 70 weitere Unternehmen aus dem Bereich der Medizintechnik sind auf die universitäre Medizin angewiesen“, erklärt er.

In der Tat sind diese mit der Medizin eng verknüpften Firmen ein beachtlicher Wirtschaftsfaktor in Schleswig-Holstein. Sie erwirtschaften etwa 30 Prozent des Gewerbesteueraufkommens des Landes. Die Universität selbst wirbt jährlich
20 Millionen Euro an Fördergeldern ein. „Dies alles will die Landesregierung opfern, um ab 2014 etwa 25 Millionen Euro pro Jahr zu sparen. Der Einsparbetrag steht in keinem Verhältnis zu dem dadurch entstehenden finanziellen Verlust“, betont Westermann und hofft angesichts des alternativen Sparkonzepts der Universität auf ein Einlenken der Regierung bei der Kabinettssitzung am 13. Juli. „Noch vor der Sommerpause muss es entschieden werden“, sagt er, „denn die Uni leidet bereits jetzt.“

Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

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