ArchivDeutsches Ärzteblatt27/2010Arbeitsbedingungen im Krankenhaus: Es geht um mehr als Geld

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Arbeitsbedingungen im Krankenhaus: Es geht um mehr als Geld

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Foto: Eberhard Hahne
Foto: Eberhard Hahne

In den Schweizer Spitälern sind auch deshalb so viele deutsche Ärzte beschäftigt, weil die Umgangsformen, Arbeitsbedingungen und Strukturen so vorbildlich sind.

Nach der Statistik der Bundes­ärzte­kammer wanderten in den Jahren 2007 und 2008 2 439 beziehungsweise 3 065 Ärztinnen und Ärzte ins Ausland ab (1). Diese Migration von in Deutschland aus- und weitergebildeten Ärzten hat nicht nur bevölkerungsstatistische und versorgungstechnische, sondern auch gravierende fiskalische Implikationen (2). Ziel sollte es deshalb sein, die Ärzte im Land zu halten. An einem Universitätsspital in der Schweiz habe ich Arbeitsbedingungen und Umgangsformen kennengelernt, die mir aufgezeigt haben, woran es in Deutschland hapert. Für Klinikarbeitgeber, die ihre ärztlichen Stellen nicht besetzen können, lohnt sich deshalb ein Blick in die Schweiz.

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Während meiner Weiterbildung zur Fachärztin für Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie am Institut für Mikrobiologie eines deutschen Universitätsklinikums habe ich viel gelernt. Ein strukturierter Plan fehlte jedoch, und ich musste mir die vorgeschriebene Weiterbildung in bestimmten Bereichen erkämpfen. In den Kliniken und Laboreinrichtungen des Universitätsspitals hier in der Schweiz hingegen sind die in der Weiter­bildungs­ordnung vorgeschriebenen Rotationszeiten in aller Regel gewährleistet und teilweise sogar in den Arbeitsverträgen verbindlich vereinbart.

Für die Rufbereitschaften, die Wochenenddienste und die Lehrverpflichtungen habe ich in Deutschland viele Stunden zusätzlich zur vertraglichen Wochenarbeitszeit von 42 Stunden gearbeitet. Es durften jedoch nur die Regelarbeitszeiten und ein kleiner Teil der darüber hinausgehenden Dienstzeiten dokumentiert werden. Die meisten der geleisteten und nichtdokumentierten Überstunden wurden weder ausbezahlt noch konnten sie mit Freizeit kompensiert werden. Da es offiziell kaum Überstunden gab, konnte vor der Verwaltung gut begründet werden, warum die Abteilung kein System der Arbeitszeiterfassung braucht.

Die Umgangsformen wirken sich auf die Leistungen aus

Einige meiner Kollegen, die auch gegenüber anderen überlegen auftraten und immer alles oder besser wussten, stuften die wissenschaftlichen Aufgaben als höherwertige und die diagnostischen als minderwertige Arbeiten ein. Durch diese Verhaltensweisen und Einstellungen wurden die Mitarbeiter klassifiziert und die Zusammenarbeit und Atmosphäre in der Abteilung nachhaltig beeinträchtigt. Zur Unzufriedenheit über die vielen unentgeltlich geleisteten Überstunden, die von einem erwartet wurden, kam dies noch erschwerend hinzu.

In der Schweiz beeindrucken mich die in aller Regel höflichen, freundlichen, zurückhaltenden und respektvollen Umgangsformen der Schweizer, die das gemeinsame Arbeiten und Leben harmonisch machen und sich förderlich auf Leistung und Zufriedenheit auswirken.

Durch das duale System in den Abteilungen der Labormedizin haben wir auf der Ebene des akademischen Abteilungsleiters eine leitende Laborantin. Diese übernimmt viele Aufgaben, die in Deutschland durch die Oberärzte wahrgenommen werden (Dienstpläne der Laborantinnen, Betreuung des Qualitätsmanagements, wöchentliche Labor-info-Stunde et cetera). Durch unsere leistungsbereiten und sehr kompetenten Laborantinnen in der Mikrobiologie wird die Verantwortung unserer täglichen Arbeit auf viele Schultern verteilt. Anders als in Deutschland begegnen sich akademisches und nichtakademisches Personal nicht nur in der Mikrobiologie, sondern im Allgemeinen am gesamten Universitätsspital auf gleicher Augenhöhe. Die Laborantinnen führen die mikrobiologischen Untersuchungen von der Auftragserfassung und Probenaufarbeitung bis zur Befundfreigabe selbstständig durch, Ausnahmen sind Resistenztestungen und komplexe Fälle. Zum Teil mit dem akademischen Personal, teils in Eigenregie vergleichen sie Methoden und leisten Rufbereitschaften und Wochenenddienste.

Flexible Arbeitszeiten und partizipierender Führungsstil

Der partizipierende Führungsstil unserer Abteilungsleitung verstärkt den Teamgeist und die Zufriedenheit der Mitarbeiter. Autoritäres Verhalten, wie ich es oft von leitenden Mitarbeitern in Deutschland erlebt habe, kommt bei den Schweizern nicht gut an. Viele Entscheidungen werden mit dem gesamten Team der Abteilung getroffen.

Am Universitätsspital ist ein System der elektronischen Arbeitszeiterfassung implementiert, das für alle Mitarbeiter verpflichtend ist. Die Arbeit im Spital inklusive der hausinternen Fortbildungsveranstaltungen und mindestens fünf Kongresstage pro Jahr werden üblicherweise als Arbeitszeit erfasst, die wissenschaftliche Arbeit findet nur teilweise in der Freizeit statt. Im Bereich der Labormedizin können Überstunden durch Freizeit kompensiert werden. Für die Mitarbeiter dort gelten flexible Arbeitszeiten mit einer Kernarbeitszeit, und der Zeitpunkt der Mittagspause kann, angepasst an die Bedürfnisse der Arbeit, frei gewählt werden. Beides war in Deutschland nicht immer selbstverständlich.

Die Umgangsformen, Strukturen und Arbeitsbedingungen in der Schweiz, die von finanziellen Ressourcen weitgehend unabhängig sind, sollten in Deutschland auch möglich sein. Sie würden Deutschland wieder zu einem attraktiveren Arbeitsstandort machen.

Name der Verfasserin
ist der Redaktion bekannt

1.
Bundes­ärzte­kammer: Abwanderung deutscher Ärzte ins Ausland, 11. 06. 2008 und 22. 04. 2009.
2.
Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration: Qualifikation und Migration: Potenziale und Personalpolitik in der „Firma“ Deutschland, Mai 2009.
1. Bundes­ärzte­kammer: Abwanderung deutscher Ärzte ins Ausland, 11. 06. 2008 und 22. 04. 2009.
2. Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration: Qualifikation und Migration: Potenziale und Personalpolitik in der „Firma“ Deutschland, Mai 2009.

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