ArchivDeutsches Ärzteblatt27/2010Fehlgeburten-Prophylaxe: Können ASS und Heparin wiederholte Fehlgeburten verhindern?

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Fehlgeburten-Prophylaxe: Können ASS und Heparin wiederholte Fehlgeburten verhindern?

Dtsch Arztebl 2010; 107(27): A-1355 / B-1198 / C-1178

Heinzl, Susanne

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Für die Praxis, Frauen mit Fehlgeburten in der Anamnese zur Prophylaxe eines erneuten Verlusts des ungeborenen Kindes Acetylsalicylsäure (ASS) und Heparin zu verordnen, gab es bislang wenig Wirksamkeitsdaten. Eine niederländische Arbeitsgruppe ging der Frage nach, ob sich ein positiver Effekt der Therapie nachweisen lässt.

Etwa fünf Prozent der Frauen im gebärfähigen Alter haben zwei oder mehr Fehlgeburten, ein Prozent mehr als drei, wobei die Ursache in 50 Prozent der Fälle unklar ist. Weil vermutet wurde, dass Blutgerinnsel in den plazentaversorgenden Gefäßen für Fehlgeburten verantwortlich sein könnten, wurden in den letzten Jahren solche Frauen vermehrt mit ASS und niedermolekularem Heparin (NMH) behandelt, auch ohne Datenbasis aus randomisierten Studien. Deshalb wurden in der ALIFE-Studie (Anticoagulants for Living Fetuses) 364 Frauen im Durchschnittsalter von 34 Jahren und mindestens zwei Fehlgeburten unbekannter Ursache randomisiert, um entweder ASS plus Nadroparin (n = 123) zu erhalten, ASS allein (n = 120) oder Placebo (n = 121). 299 Teilnehmerinnen (82,1 Prozent) wurden schwanger, davon bekamen 65,9 Prozent ein Kind. Die Behandlung mit Antikoagulanzien hatte jedoch keinen Effekt auf die Geburtenrate, denn die Zahl der Lebendgeburten unterschied sich in den drei Gruppen mit 54,5 Prozent in der Kombinationsgruppe, 50,8 Prozent in der ASS-Gruppe und 57,0 Prozent unter Placebo nicht (Tabelle). Auch in Subgruppen konnten keine Effekte der Therapie gesehen werden, wenngleich die Studie nicht für Subgruppenanalysen gepowert war. Nebenwirkungen wie eine erhöhte Neigung zu Blutergüssen, Schwellungen und Juckreiz an der Injektionsstelle traten bei etwa der Hälfte der Frauen in der Kombinationsgruppe auf.

Fazit: Die Therapie mit ASS allein oder in Kombination mit NMH zur Erhöhung der Lebendgeburtrate bei Frauen mit mehrfachen Fehlgeburten hat nach diesen Daten keine positiven, sondern zum Teil unerwünschte Effekte. Nach Aussage von Dr. med. Nina Rogenhofer von der Hormon- und Kinderwunschambulanz am Klinikum Großhadern in München ist die Datenlage jedoch nach wie vor unklar, so dass keine evidenzbasierten Empfehlungen gegeben werden können. Möglicherweise helfen die Ergebnisse der derzeit in Frankreich (PREFIX – Prevention of unexplained recurrent abortion by enoxaparine) und in Deutschland/Österreich (ETHIG II – Effektive Therapie mit Heparin in der Gravidität) laufenden Studien bei der Formulierung evidenzbasierter Empfehlungen weiter.

Dr. rer. nat. Susanne Heinzl

Kaandorp SP et al.: Aspirin plus heparin or aspirin alone in women with recurrent miscarriage. NEJM 2010; 362: 1586–96.

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