ArchivDeutsches Ärzteblatt27/2010HIV-Medikamente: Sammelbecken der Hoffnung

MEDIZINREPORT

HIV-Medikamente: Sammelbecken der Hoffnung

Dtsch Arztebl 2010; 107(27): A-1354 / B-1197 / C-1177

Moldenhauer, Oliver; Schwarz, Meike

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Pharmafirmen sollen künftig Lizenzen für die Produktion antiretroviraler Medikamente an eine gemeinnützige Institution – den Patentpool – übergeben. Damit wäre der Weg für ärmere Länder frei, preiswert Generika zu produzieren.

Noch im Jahr 2000 galt die Behandlung von HIV-/Aids-patienten mit antiretroviralen Medikamenten in ärmeren Ländern als nicht durchführbar, vor allem weil die benötigten Präparate unerschwinglich waren. Heute erhalten mehr als vier Millionen Menschen in ärmeren Ländern eine antiretrovirale Therapie. Allein 150 000 von ihnen behandelt die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen. Dieser Erfolg war nur möglich, weil die Medikamentenpreise von 10 000 US-Dollar jährlich für einen Patienten im Jahr 2000 auf unter 80 US-Dollar im Jahr 2010 gesunken sind. Denn die meisten älteren antiretroviralen Medikamente in ärmeren Ländern sind patentfrei – sie waren schon vor der Gründung der Welthandelsorganisation (WTO) und deren Abkommen zum Schutz geistiger Eigentumsrechte auf dem Markt – und werden von einer Reihe meist indischer Generikafirmen produziert.

Dennoch ist die Therapie der Erkrankung mit dem menschlichen Immunschwächevirus (HIV) weiterhin von katastrophaler Vernachlässigung geprägt: Nach den neuesten Behandlungsrichtlinien der Welt­gesund­heits­organi­sation benötigen zehn Millionen Menschen eine antiretrovirale Therapie und bekommen sie nicht. Immer noch sterben daher jährlich circa zwei Millionen Menschen an der Krankheit, obwohl es eine wirksame Therapie gibt.

Ein entscheidendes Problem bei der Ausweitung der HIV-Therapie sind die erneut steigenden Medikamentenpreise. Aufgrund von Unverträglichkeiten, Resistenzen und neuer Behandlungsrichtlinien werden zunehmend neuere antiretrovirale Medikamente der zweiten Therapielinie benötigt. Für diese Wirkstoffe ist die Patentlage wesentlich ungünstiger als für die älteren. Aufgrund von WTO-Bestimmungen war Indien gezwungen, ein neues Patentrecht einzuführen – mit der Folge, dass jetzt grundsätzlich alle Wirkstoffe patentiert werden können, die nach 1995 (dem Gründungsjahr der WTO) entwickelt wurden. Medikamente der zweiten Therapielinie kosten deshalb etwa zehnmal so viel wie die der ersten.

Trotz einiger patientenfreundlicher Besonderheiten im indischen Patentrecht wird damit die Generikaproduktion neuer Wirkstoffe massiv erschwert, oftmals sogar unmöglich gemacht. Diese Situation wird sich weiter verschärfen, da im Hauptproduktionsland Indien laufend neue Patente erteilt werden und 2016 eine Sonderregelung für die „am wenigsten entwickelten Länder“ ausläuft.

Unabhängig vom Patentrecht

Da derzeit eine Reform des internationalen Patentrechts zugunsten der Menschen mit HIV nicht realistisch erscheint, unterstützen viele Nichtregierungsorganisationen wie Ärzte ohne Grenzen das Konzept eines Patentpools. Grundidee ist es, dass die Pharmafirmen Lizenzen für die Produktion antiretroviraler Medikamente in ärmeren Ländern an eine unabhängige und gemeinnützige Institution übergeben. Dieser Patentpool kann dort ansässigen, fachlich geeigneten Firmen Lizenzen zur Produktion von Medikamenten erteilen. Der Vorteil dieses Konzepts für die Patienten liegt darin, dass eine kostengünstige Versorgung mit HIV-Medikamenten unabhängig von der Entwicklung des internationalen Patentrechts sichergestellt werden kann.

Aber auch für die Patentinhaber gibt es entscheidende Vorteile: Sie erhalten eine Lizenzgebühr und ernten weniger öffentliche Kritik. Die Mitgliedschaft in einem Patentpool hat das Potenzial zu einer Art Gütesiegel für den verantwortungsvollen Umgang mit Patenten auf HIV-/Aidsmedikamente zu werden. Gleichzeitig behalten die Firmen aber ihre lukrativen Märkte im Norden, denn für die Industrieländer gelten die Lizenzregelungen des Patentpools nicht.

Am 8. Juni wurden offiziell die Gründung des Patentpools, seine Statuten und das erste Budget in Höhe von 4,4 Millionen US-Dollar beschlossen. Getragen wird die Initiative von der Organisation Unit-aid, hinter der 26 Staaten stehen und die sich der Versorgung ärmerer Länder mit Medikamenten widmet. Der Patentpool nimmt im Juli erste Verhandlungen mit der Pharmaindustrie auf. Es ist das Ziel, bis April 2011 die ersten Lizenzverträge unter Dach und Fach zu haben.

Spannende Fragen sind nun: Werden die „Pharmariesen“ mitmachen, oder werden sie versuchen, diese Initiative zu unterlaufen? So gibt es bereits Forderungen, dass Länder wie Indien aus dem Pool ausgenommen werden sollen. Aus Patientensicht ist dies allerdings völlig unverantwortlich, da in Indien weit mehr als die Hälfte aller antiretroviralen Medikamente produziert werden und im Land selbst Millionen HIV-infizierte Menschen leben. Nichtregierungsorganisationen wie Ärzte ohne Grenzen planen, die Firmen mit Kampagnen weiter unter Druck zu setzen und die Entwicklung des Patentpools genau zu verfolgen.

Oliver Moldenhauer,

Meike Schwarz, Ärzte ohne Grenzen

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