ArchivDeutsches Ärzteblatt PP7/2010Ärztliche Versorgung im ländlichen Raum: Für eine flexible Bedarfsplanung

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Ärztliche Versorgung im ländlichen Raum: Für eine flexible Bedarfsplanung

PP 9, Ausgabe Juli 2010, Seite 299

Spielberg, Petra

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Die regionale Unterversorgung nimmt zu. In Wiesbaden diskutierten Experten mögliche Lösungsansätze.

Foto:Vario Images
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Das jetzige Gesundheitssystem wurde nach Maßgabe der Behandlung akuter Erkrankungen entwickelt. Die Zukunft des Gesundheitssystems muss die Behandlung von chronisch und mehrfach erkrankten Patienten unter den Bedingungen der alternden Gesellschaft ermöglichen.“ So lautete die Analyse von Prof. Dr. Matthias Schrappe vom Institut für Patientensicherheit der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn bei einem Symposium, das vor kurzem in Wiesbaden stattfand.

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Schrappe ist zugleich Mitglied des Sachverständigenrats (SVR) zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen, der bereits 2009 ein Sondergutachten vorgelegt hatte. Auch darin heißt es, die Zukunft der Gesundheitsversorgung liege in einer koordinierten Langzeitbetreuung mit regionalem Bezug. Dabei werde der ambulante Bereich vor allem in dünn besiedelten Gebieten den stationären Sektor als Entwicklungsmotor des Gesundheitswesens ablösen.

Managed Care ist die Zukunft

Ursache für die zunehmende regionale Unterversorgung seien vor allem Koordinationsdefizite zwischen den Sektoren, kritisierte Schrappe. Auch sei es notwendig, sich in dünn besiedelten Gebieten von einer doppelten Vorhaltung von Ressourcen zu verabschieden. Im Zukunftskonzept des SVR arbeiteten alle Versorgungsebenen einschließlich der Arzneimittelversorgung, Pflege und Palliativbetreuung Hand in Hand. Geeignet hierfür seien insbesondere Managed-Care-Modelle. Sie böten den Vorteil, eine integrierte, am regionalen Bedarf orientierte Gesundheitsversorgung anbieten zu können.

Die bisherigen Instrumente der Bedarfsplanung seien jedenfalls nicht dazu geeignet, der drohenden Unterversorgung im ländlichen Raum zu begegnen, da sie vornehmlich auf eine Steuerung der Überversorgung ausgerichtet seien, erklärte Prof. Dr. Klaus Stegmüller vom Fachbereich Pflege und Gesundheit der Hochschule Fulda. Gesteuert werden müsse gemäß des medizinischen und gesundheitlichen Bedarfs der Bevölkerung. Neben einer intelligenteren Bedarfsplanung komme es zudem darauf an, Versorgungsalternativen weiterzuentwickeln. Auch sei es dringend erforderlich, den öffentlichen Personennahverkehr auszubauen, damit man gesundheitliche Einrichtungen besser erreichen könne.

Das Land Hessen versucht beispielsweise, dem Problem der drohenden Unterversorgung auf dem Land mit Aufklärungs- und Beratungsangeboten, einer Förderung der ärztlichen Aus- und Weiterbildung sowie Anreizen für eine hausärztliche Tätigkeit zu begegnen. „Wir müssen die Rahmenbedingungen verbessern, damit sich junge Menschen leichter für eine Tätigkeit als Allgemeinarzt und für die Niederlassung in eigener Praxis entscheiden“, betonte der hessische Staatsminister für Arbeit, Familie und Gesundheit, Jürgen Banzer (CDU).

In Österreich stellt sich die Situation etwas anders dar. Zwar gehen auch dort die Ärztekammern davon aus, dass in den nächsten Jahren 30 Prozent der Ärzte in den Ruhestand gehen. Die Bereitschaft, eine Landarztpraxis zu übernehmen, ist darüber hinaus zurückgegangen. Die Kammern bemühen sich aber in Abstimmung mit den Krankenkassen, diesem Trend durch eine flexible Stellenplanung entgegenzuwirken.

Österreich lockt mit Boni

„Diese ist gesamtvertraglich normiert, wird aber von den einzelnen Bundesländern unterschiedlich umgesetzt“, erläuterte Dr. Otto Pjeta von der Österreichischen Ärztekammer. So würden in Oberösterreich regelmäßig Volkszählungsergebnisse berücksichtigt. Auch ist vorgesehen, Niederlassungen um weniger als eine volle Stelle erweitern zu können. Weitere Strategien zur Sicherstellung der landärztlichen Versorgung sind bonusgestützte Nachfolgemodelle oder eine geregelte Freizeit bei ärztlichen Bereitschaftsdiensten. Ferner ist geplant, das Honorarsystem weiterzuentwickeln. So soll es Pjeta zufolge künftig möglich sein, zwischen der Art der Hausbesuche zu differenzieren oder Koordinierungszuschläge abzurechnen. Auch sozialmedizinische Aufgaben sollen berücksichtigt werden.

Petra Spielberg

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